Full text: Hessenland (4.1890)

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daß sie allein war, hielt ihr es vor und gab 
ihr und sich mit einem Federmesser verschiedene 
Stiche. Sie wurde leicht verwundet, er aber 
hat vier Tage auf den Tod gelegen. Dies 
wurde angezeigt und Pf. sogleich relegirt; ein 
Glück für ihn, daß ihm nach einigen Tagen 
seine Wunden zuließen, sich aus dem Staube 
zu machen, sonst hätte es gefährlich mit ihm 
werden können, denn er war bereits dem 
Kriminalgericht übergeben; nun ist er in Mainz 
und studirt daselbst." 
Die Gedankenkreise, in denen sich die Studenten 
bewegten, erhellen am besten aus den Stamm 
büchern, deren mehrere aus der Zeit von 1770 
bis 1794 vor mir liegen, schön in braunes 
Leder mit Goldpressung und Goldschnitt gebunden 
undmit einem alphabeti'schenJnhaltsverzeichnis ver 
sehen ; hier hat sich die Blüthe der späteren hessischen 
Beamtenwelt eingetragen, wenn auch nicht alle 
Einträge in Marburg selbst gemacht sind. Die 
Einträge sind von zahlreichen meist sehr charak 
teristisch dargestellten Silhouetten, öfters auch 
von theilweis recht niedlichen Bildern begleitet. 
Die beigesetzten „Cirkel" der Orden und Lands 
mannschaften, auch die nur mit Anfangs 
buchstaben angegebenen „Symbola" kann ich 
leider nicht auflösen. Doch scheint damals in 
Marburg (wie auch in Gießen) eine Lands 
mannschaft Frankonia bestanden zu haben, die 
auch ^caäemie Fran^oise genannt zu sein 
scheint. Der Inhalt dieser Stammbücher, den 
ich dem Raum dieser Blätter entprechend nur 
sehr auszugsweise und ohne Angabe der vielfach 
beigesetzten, dem Literaturfreund doch bekannten 
Verfasser der einzelnen Stellen wiedergeben kann, 
behandelte vor allem den Werth solcher Einträge: 
„Nanncra Maeonii vincunt monimenta libelli, 
Sic vivitur ingenio, caetera mortis erunt.“ 
Aber es heißt auch nicht mit Unrecht: 
„Schriebst du, Freund, mich ins Herze ein. 
So würde kein Stammbuch nöthig sein". 
Dann sind die vielen Ergüsse über den Werth 
und die Dauer der Freundschaft hervorzuheben: 
„Malheureux Thomme, qui seul dans son ennui 
Va cueillir une fleur et la garde pourlui“. 
„Freundschaft ist die Würze des Lebens," sie ist 
„im Kranze die Rose, 
Die um die Stirn des Dulders die Gottheit 
gewebt, 
Ist in der Schale des Lebens das schönste der 
Loose 
Wonach das Laster umsonst nur gestrebt". 
Die Freundschaft steht fest, „gleich wie in dem 
Ungewittern die Gebirge Gottes mächtig stehn", 
sie „soll bestehen, bis der Tod ein Ende macht", 
oder „nicht bloß für diese Unterwelt", ein 
Freund versteigt sich zu dem Versprechen: „Deine 
Kinder seien die meinigen, ich will theilen die 
Kosten ihrer Bildung", doch meint auch ein 
Zweifler: 
„Die Freundschaft dieser Welt ist nichts als Theorie, 
Man plaudert viel von ihr, doch man empfand sie nie". 
Ein origineller Vorschlag für den Erwerb von 
Freunden lautet: 
„Freund' und Feinde sollen leben, 
Jene bei dem besten Wein, 
Diesen soll man Wasser geben, 
Bis sie unsre Freunde sein". 
Hieran reihen sich die Rathschläge, wie man 
glücklich leben soll. Da das Leben vergänglich 
ist, so soll man sich „des jetzigen Augenblicks" 
freuen, „stets den kommenden fürchten", „sera 
nimis vita est crastina, vive hodie“. „Lebe, 
wie du wünschen wirst dereinst, gelebt zu haben", 
„es wachsen zwar Rosen auf der Erde, doch 
ohne Dornen nie", „deshalb hülle sich in deine 
Tugend, wenn es stürmt", „ex duris gloria“. 
Als besondere Rathschläge zur Glückseligkeit sind 
zu bezeichnen: 
„Glückselig ist, wer diese Welt 
Für kein Elysium, für keine Hölle hält". 
oder „glücklich, wer jeden Augenblick dieses 
kurzen Lebens gehörig zu benutzen weiß", denn 
„virtutis laus in actione consistit“, „sich selbst 
eine Welt und in dieser Welt ein Mensch sein, 
ist ein seltenes Glück", aber „nicht Landsmann 
schaft, nicht Orden, das Herz nur macht den 
Mann" es heißt „esse, non vickeri", und 
„Der braucht den Ordcnszwang der starren Reguln 
nicht, 
Der stets zu feinem Fleisch: memento mori spricht". 
Ein Freund faßt seine Wünsche realistischer 
dahin zusammen: 
„Es sind auf Erden nur vier angenehme Sachen, 
Die dich und mich, mein Freund, vollkommen glücklich 
machen, 
Ein angenehmes Amt, ei» tugendhaftes Weib, 
Ein mäßig Kapital und ein gesunder Leib", 
und ein anderer meint sogar: 
„ Beatus ille vir 
Qui multum habet Silbergeschirr", 
wieder andere aber schwärmen für den Natur 
zustand Rousseaus, 
„In moosiger Hütte, 
In dörflicher Sitte, 
Dort wohnet die Liebe noch lauter wie Gold".
	        

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