Full text: Hessenland (4.1890)

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ordnung vor. Von diesem Tage an stand die 
Fuldaer Bibliothek zu den dazu bestimmten Tagen 
und Stunden zu Jedermanns Gebrauche offen. 
Schon vor der feierlichen Eröffnung erfreute 
sich die Fuldaer Bibliothek, wie das Fremden 
buch ausweist, eines zahlreichen Besuches. Ihr 
erster Besucher aber war der Kurfürst und Erz 
bischof von Mainz, Friedrich Karl Joseph von 
Erthal. Dieser glänzende und als freigebig be 
kannte Fürst erschien in Begleitung des Fürst 
bischofs von Fulda mit hohem Gefolge am 
15. Mai 1777 in der Fuldaer Bibliothek, hielt 
sich längere Zeit in derselben auf, besichtigte 
namentlich die Manuskriptenbände genau, lobte 
die Einrichtung und versprach zum Danke ein 
Buch zu schenken. Ob er diesem Versprechen auch 
nachgekommen ist, darüber geben die Akten der 
Fuldaer Bibliothek keine Auskunft. 
(Schluß folgt.) 
US öem Warburger OLuöenlenlebm vor hunöerl Fahren. 
Von Kilo 
Ostern 1791 bezog C. L. D. aus Kassel die 
Universität Marburg. „Im Ansang", schreibt 
er an eine Schwester, „war die Post eben nicht 
besetzt, hernach aber kamen noch viele Leute. 
Es befanden sich' auf derselben erstlich ein Kauf 
mann aus Marburg, der von Holland kam 
und unsere Ohren beständig mit seinem Holland 
ermüdete, hernach eine alte Frau aus Kassel, 
die sich den Staar von Herrn Hofrath Jung *) 
operiren lassen wollte, eine andere Frau aus 
Kassel mit einer Magd , die in Zweren zu uns 
stieß, weil man auf ihr zu warten vergessen 
hatte, ein Bergoffizier, der drei Stunden von 
Kassel mit Extrapost uns einholte, an den man 
auch nicht gedacht hatte, endlich der Kammer 
diener vom Grafen von Monreal, der sehr 
vergnügt war, daß er mich antraf, indem er 
doch jemand hatte, mit dem er französisch sprechen 
konnte. Von Wabern fuhren drei Marburger 
Studenten blind mit, die zu Fuß eine Geniereise 
nach Göttingen gemacht hatten." 
Ueber die Ausgaben unseres Studenten war 
Folgendes vorgesehen: Das Mittagsessen wird 
zur Vermeidung der bei den öffentlichen Tischen 
vielfältig eintretenden Gelegenheiten zu außer 
ordentlichen Ausgaben von der Frau Ober 
försterin Müller, einer der vorzüglichsten und 
reinlichsten Speisewirthinnen, bezogen und auf die 
Stube gebracht; es besteht aus Suppe, Gemüse 
und Fleisch, wobei viermal in der Woche ein 
Beiessen oder Stück Braten und Sonntags noch 
außerdem ein Stück Kuchen gegeben wird, und 
kostet wöchentlich nach Kasseler schwerem Gelde 
24 Albus **). Es gab aber auch Mittagstische 
zu 1 <vf, l'/z ->/, 2 vf und 2'/ 2 Vf schwer Geld 
und für den Abendtisch wurde gemeiniglich nur die 
Hälfte gerechnet. Das Logis bei Herrn Sekretär 
*) Iung-Stilling, der damals Professor zu Marburg war. 
**) Ein Thaler — 3 M hatte 32 Albus zu 4 Hellern. 
G erlaub. 
Bauer bestand aus Stube und Kammer nebst 
einer Kommode, sowie den nothwendigen Tischen 
und Stühlen und kostete mit Aufwartung 24 
leicht oder 18 <*f 10 Albus 8 Hlr. schweres 
Geld. Jeden Markt, deren in Marburg sieben, 
nämlich den 1. Januar, 2. Februar, 1. Mai, 
2. Julius, 10. August, 29. September und 
19. November fielen, bekam die Hausmagd 
21 Alb. 4 Hlr. oder 1 Gulden, die Tischmagd 
dagegen erhielt an jedem Markt nur '/ 2 Gulden. 
Die Aufwartung der Hausmagd erstreckte sich 
nicht mehr wie früher aufs Stiefelputzen. Dieses 
verrichtete vielmehr „ein hierzu besonders ge 
mietheter Kerl", der „pro studio et labore dafür" 
monatlich 16 Albus erhielt. Die Wäsche wurde 
vierteljährlich mit 1 <*f 22 Alb. bezahlt, für 
das Wmterholz wurden etwa 12 <*f gerechnet. 
Unter Zurechnung von 50 Taschengeld, 
38 °tf für Kaffee, Bier und Brot, von 9 «f 
für den Perruquier und den Barbier, von 
20 für Kleidungsstücke und Schuhe, sowie 
von 64 «ff Kollegiengeldern (4 Kollegien jedes 
halbe Jahr zu je 8 <>f) ergab sich ein Jahres 
wechsel von 300 , ein für den damaligen 
Geldwerth recht anständiger Wechsel. 
Zur Ausstattung unseres Studiosus gehörten 
u. a. auch 10 Nachtmützen und 2 Nachtkamisöler. 
Seine ersten Eindrücke in Marburg waren 
ganz interessant. „Den Sonntag, da wir hier 
ankamen," erzählt er, „hat sich eine traurige 
Geschichte zugetragen. Ein hiesiger Student, 
namens Pf., der im W.'schen Hause wohnte, der 
nämliche, der ehemals in Kassel beständig mit 
der weißen Kravatte, blauem Überrock und 
Tabaksbeutel herum ging, machte Cour bei 
einer von den Demoiselles W. Nun hatte diese 
aber einen älteren Liebhaber gehabt, der jetzt 
Kandidat war. Den Sonntag war also ihr 
Verlöbniß; das verdroß den Pf. sehr, er ging 
also auf des Mädchens Stube, da er wußte,
	        

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