Full text: Hessenland (4.1890)

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Da wird sein Auge plötzlich mild, es klärt sich auf sein 
Angesicht, 
Denn mächtig faßt ein Zauber ihn, der hell aus einem 
Bilde bricht. 
Ein Jüngling ist's mit blondem Haar, er steht in knapper 
Jägertracht, 
Sein Arm ruht auf des Windspiels Hals, das ihn mit 
klugem Blick bewacht. 
„So mit der Jugend Reiz geschmückt, so voller Anmut, 
wie Dich kaum 
Des Künstlers Hand gestaltet hat, so wandelst Tu durch 
meinen Traum. 
Und ein Altar, der ewig flammt, ist Dir im Herzen auf 
gebaut, 
Du meines Vaters theures Bild, das ich im Leben nie 
geschaut, 
Wie sonnig ist die Stirne doch, wie leuchtet doch Dein 
Auge klar 
Wie schweift auf ungemessner Bahn der Geist noch jeder 
Sorge baar. 
Doch alles dies ein Opfer ward der Krone von |o manchem 
Land, 
Bis Du den müden Leib zuletzt umgabst mit weitem Mönchs 
gewand. 
Auch Deinen Sohn, der einzig sinnt zu ringen Deiner Größe 
nach, 
Umrauscht ein finsteres Geschick jetzt schon mit schwerem 
Flügelschlag. 
Noch eine Hoffnung kräftigt ihn, doch wenn auch sie zerfließt 
in Schaum 
Dann neidet er Dir selbst die Ruh' in einer Zelle kleinem 
Raum." — 
Da wird es auf ven Gängen laut, ein schwerer Tritt naht 
sich dem Saal, 
Und durch die Thüre schreitet ernst ein Krieger eingehüllt 
in Stahl. 
Es mustert kalt ihn Don Juan: „Ihr habt die Sendung 
schlecht erfaßt, 
Daß Ihr von Eurem Schützling eilt, ihn fremden Händen 
überlaßt." 
„Mein Feldherr, den Ihr „Freund" genannt, dem Ihr 
vertrautet Euer Glück, 
Den hält nun Eures Bruders Macht aus ewig in Madrid zurück. 
Er hat zu ungestüm für Euch ein Heer und Goldes viel 
begehrt 
Auch hatte manch' geheimer Plan ihm allzusehr den Kopf 
beschwert. 
So traf ihn denn ein tiefer Stoß bei Nacht, ein schwacher. 
Todesschrei — 
Und nun ist König Philipp's Hof von einem läst'gen Mahner 
frei." 
Der Feldherr hört entsetzt ihn an, bleibt wie entsetzt am 
selben Ort; 
Bis daß der Kampf im Busen tief sich endlich löst mit diesem 
Wort: 
„O daß mich doch in jenem Streit, der mir die Schlachten 
weihe gab, 
Ein Maurisches Geschoß gefällt und mir verlieh'« ein 
Heldengrab, 
O hätt ich jenem Ruhmestag, der bei Lepanto mir erschien, 
Noch mich zum Opfer hingebracht, mit meinem Blut be 
siegelt ihn, 
So säh' ich nicht in soviel Schmach, in soviel Trübsal mich 
verstrickt, 
Indeß von keinem Himmel mehr ein günst'ger Stern her 
nieder blickt. 
Ich sähe nicht so frühe schon, wo noch die Jugendblüthe glänzt, 
Den Lorbeer welken Blatt um Blatt, der zum Verderben 
mich umkränzt. 
Und kann ich mir erhalten noch von ihm den letzten grünen 
Zweig, 
So duld' ich's gerne, daß mich nun empfängt der Erde 
dunkles Reich, 
Daß mein bewegter Geist sich los von all' den stolzen 
Plänen ringt 
Und sich vom Treiben dieser Welt zu höheren Lichtgefilden 
schwingt. 
Dann seh' ich, was als höchsten Wunsch von allen meine 
Seele kennt. 
Die Schranke sinken, die mich noch von Dir, mein großer 
Vater trennt." 
1858. 
A«» seliger Iugendzett. 
Von Karl Herquet. 
Wie lebhaft hab' ich wiederum empfunden, 
Daß, wenn das Leben Schweres zugedacht, 
Ein freundliches Geschick mich überwacht, 
Bis ich des alten Glückes Pfad gefunden. 
Es sendet mir nun längst verrauschten Klang, 
Dem ich gelauscht in vollem Freiheitsdrang, 
Es will die Brust mir wieder dehnen weit 
Mit der Erinnerung seliger Jugendzeit. 
Willkommen denn, du freudig Schlägerleuchten, 
Wenn sich der Kampf erhebt im hohen Wald, 
Wenn laut der Sekundanten Ruf erschallt 
Und rothe Tropfen schon die Erde feuchten. 
Ein Theil der Burschen drängt sich um den Kreis, 
Wo noch des Kampfes Feuer lodert heiß. 
Ein anderer indeß im Grase ruht 
Und schlürft behaglich dort der Traube Blut. 
Willkommen auch du frohe Tafelrunde, 
Wo noch gefüllt die Becher bis zum Rand, 
Ob auch die Kerzen tief herabgebrannt 
Und schon vorüber mitternächt'ge Stunde. 
Es braust das Lied dahin in voller Macht, 
Und wilder sich der Jubel stets entfacht, 
Frei aus des Weltlaufs immer gleichem Gleis 
Schwebt auf der Geist im eignem Zauberkreis. 
So laßt mich denn von Jugendmuth getragen 
Zujauchzen dieser Klänge wildem Chor, 
Bis im Gebüsch sich der Gesang verlor, 
Der Nachtigall melodisch Liebesklagen, 
Bis auf den Fluren, bis im grünen Hain 
Hinstarb der letzten Rose Purpurschein, 
Die sonst mich schmerzlich mahnt mit ihrem Licht 
An ein verlor'nes, süßes Angesicht. 
Mai 1858. 
Die beiden Gedichte „Don Juan d'Austria" und 
„Aus seliger Jugendzeit" stammen aus dem poetischen 
Nachlasse des am 6. März 1888 zu Osnabrück verstorbenen 
Archivraths Dr. Karl Herquet, geb. zu Fulda, und sind 
uns von seinen Verwandten zum Abdrucke gütigst überlassen 
worden. Sind es auch nur Jugendgedichte, so zeigt sich in 
ihnen doch schon das schöne poetische Talent Herquet's, 
welches er später in seiner prachtvollen Dichtung „Mark 
graf Rüdiger" (1866) so vortheilhast bekunden sollte. 
Ueber Karl Herquet's. „Hessenland", Jahrg. 1888, Nr. 10, 
11 und 12.
	        

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