Full text: Hessenland (4.1890)

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Wilhelm und Friedrich noch zweimal zu sich 
kommen. Ueber das letzte Zusammensein mit 
ihrer Mutter theilte Prinz Wilhelm mit : „Unsere 
verehrungswürdige Mutter hatte sich, um uns 
zu beruhigen, ankleiden lassen und an einen 
Tisch gesetzt. Welch' ein trauriger Anblick! Wir 
mußten den Thee bei ihr trinken, sie hatte die 
Sprache, schon fast ganz verloren, sprach einige 
Worte, wir konnten sie aber kaum noch verstehen. 
Da gab sie uns durch Zeichen zu verstehen, daß wir 
uns unterhalten sollten. Sie litt unaussprechlich, 
wenn sie aber einen Augenblick Ruhe hatte, be 
trachtete sie uns mit liebevollem Blick und sogar 
mit einem Lächeln. 
Nach einer halben Stunde gab sie uns ein 
Zeichen, daß wir uns entfernen sollten. Es war 
das letzte Mal, daß wir unsere Mutter sahen, 
am anderen Morgen 7 Uhr ist sie mit vollem 
Bewußtsein und einer himmlischen Ruhe ver 
schieden. Der Tod befreite sie von einem Leben, 
das nur eine Kette von Leiden und Verdruß 
gewesen war." 
Allgemein war, wie Rath von Schrautenbach, 
ein Staatsmann, welcher ihr vollstes Vertrauen 
besaß und bei ihrem Tode zugegen war, an 
v. Asseburg schreibt, die Trauer über den Ver 
lust des Schutzengels des Landes, der Beschützerin 
der Unterdrückten, der Armen und Kranken, mit 
einem Wort derjenigen, deren edeler Charakter, 
deren Herz, welches für jedes Unglück Mitgefühl 
hatte, sich die allgemeine Liebe erworben hatte. 
Sie war der Abgott ihres ganzen Hauses. 
In dem bald nach ihrem Tode zu Hanau 
erschienenem ..Hochfürstlichen Lebenslauf der durch 
lauchtigsten Fürstin Maria" heißt es am Schluß: 
„Hanau und das mit Hanau übereinstimmende 
Hessen wird ausrufen: Maria soll niemals in 
unserem Herzen sterben." 
la§ sich im Korsthof erzählt. 
Von <LsrI Preser- 
(Schluß.) 
Der. Morgen des 23. April 1809 entschied 
bei der Knallhütte nach kurzem Kampfe zwischen 
dLn Aufständischen und den Truppen Järomes 
zu Gunsten der letzteren, während mit den 
fliehenden Aufständischen Furcht und Sorge in 
alle Dörfer einzog. Dieselben vier Offiziere, die 
noch vor wenigen Tagen vom Welleröder Forst 
hofe aus Proklamationen versandt hatten, setzten 
jetzt als Flüchtlinge über die Fulda und hielten 
sich den Tag über in dem dichtbewaldeten Schorn- 
und Stellberg auf. Unter ihnen befanden sich 
von Eschwege aus Reichensachsen, Wolfs 
und von Hasserodt. Bei einbrechender Nacht 
jedoch flüchteten sie weiter nach Wellerode um 
dort im Hause des treuen Freundes und 
Kameraden sich zur Flucht aus dem.westphälischen 
Machtbereich anzuschicken. 
Doch was kein Verstand der Verständigen in 
dieser gefahrvollen Stunde gleich zurecht fand, 
das hatte auch hier ein unschuldiges Gemüth 
bereits geübt. Dorothee, das Dienstmädchen im 
Forsthofe, aus Pfieffe gebürtig, hatte gleich beim 
Oeffnen der Thür den nächtlichen Gästen ange 
sehen, um was es sich in diesem furchtbaren 
Augenblicke handele, und war in das Dorf ge 
rannt , um eine ganze Partie Bauernkleider 
herbei zu schaffen. Nur einige Minuten, und 
statt der angekommenen vier Offiziere verließen 
vier flinke Bauern den Forsthof, Wolfs mit 
schwerem Abschied von dem kranken Otto, denn 
mit diesem war er zugleich verwandt und hatte 
ihm die Sorge für Frau und zwei Kinder ans 
Herz zu legen, welche auch später, im Otto'schen 
Hause länger Gastfreundschaft genossen, bis sie 
dem nach Oesterreich entkommenen Flüchtling 
nachreisen konnten. 
Uniformen und Waffen wanderten einstweilen 
in ein Kellerversteck. Doch in der nächsten Nacht 
begaben sich aus dem Forsthofe zwei Frauen 
gestalten hinaus in den Forst, gruben hier ein 
Grab und beerdigten darin menschliche Kleider 
ohne Leiber und legten einige Degen dazu. Es waren 
die Revierförsterin Otto mit ihrer treuen Dorothee, 
welche letztere nicht wenig stolz darauf war, bei 
der Flucht der Offiziere eine so große Rolle 
gespielt zu haben. Als beide von ihrer nächt 
lichen Wanderung zurück kamen und sich das 
ganze Haus noch einmal ansahen, schienen sie 
auch mit ihrer Heldenthat zufrieden, denn 
nichts konnte etwaigen Spähern verrathen, daß 
hier Offiziere des Dörnberg'schen Aufstandes 
Unterkunft und Rettung gefunden hatten. 
Noch graute indeffen der Tag nicht; noch 
hatten Frau Otto und ihre Dorothee die Augen 
nicht geschlossen, als draußen ein ungestümes
	        

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