Full text: Hessenland (4.1890)

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geliebten Jungen bei mir und Tinnh, was 
konnte ich weiter wünschen, wenn ich so alles um 
mich hatte, was ich so herzlich liebte? Was für 
ein trauriger Wechsel ist seitdem bei mir einge 
treten! Statt diejenigen bei mir zu haben, die 
ich liebe, bin ich nun allein und habe meine 
besten Freundinnen verloren, welche mich, ich 
möchte sagen, in einer Wüste zurückgelassen haben, 
denn was für ein erbärmliches Geschöpf ist man 
in der Welt ohne Freund." 
Die größte Sorgfalt verwendete sie, wie 
bereits erwähnt, auf die Ausbildung des Herzens 
und Verstandes des künftigen Landesherrn, 
dabei aber auch die sich bis ins Kleinste er 
streckende Fürsorge für sein körperliches Wohl 
und seine Lebensgewohnheiten nicht außer 
Acht lassend. Große Sorge bereitete ihr die 
nicht unbegründete Befürchtung, es möchten 
einige bei ihrem sonst von ihr hochverehrten 
Vater hervorgetretene Charakterschwächen auf den 
Enkel vererbt worden sein. Es waren dies ein 
leicht aufbrausendes jähzorniges Wesen und un 
freundliches Benehmen im Verkehr mit Andern, 
seine Vorliebe für kleinliche Einzelheiten, nament 
lich in Militärsachen, und vor allen sein Geiz. 
Von dieser letzteren Eigenschaft des Königs 
schreibt ein englischer Schriftsteller Lord Mahon: 
„Oft lag seine Börse in seiner Hand, aber nicht 
zum Geben geöffnet, sondern um befühlt, und nach 
gezählt zu werden." Wiederholt warnt Maria 
ihren Sohn vor diesem Fehler; so schreibt sie 
ihm: „Bitte sage mir, ob Du daran denkst, 
Geld in Deine Tasche zu stecken und davon zu 
geben, wenn Du einen Armen siehst, es thut 
nichts, wen Du alles giebst, denn wenn Du einen 
guten Gebrauch'davon machst, sollst Du immer 
genug davon haben." 
Ebenso häufig sind ihre Warnungen vor seinem 
bei ihm hervorgetretenen heftigen jähzornigen 
Wesen, wie wir ans folgenden Briefen ersehen: 
„Ich bin sehr betrübt, daß die heftigen Aus 
brüche noch immer im Schwange sind. Bitte, 
mein Engel, mache Dich davon los, sobald als 
möglich, ich habe einen tödtlichen Abscheu davor." 
„Kein Aufbrausen und kein kindisches Be 
nehmen, mein lieber Bhlly. Verzichte lieber 
auf ein Vergnügen, als daß Du Jemand be 
leidigst, wenn Du mir beweisen willst, daß Du 
mich lieb hast. 
„Mäßige Deine Heftigkeit und überlege, bevor 
Du sprichst und handelst." 
Die Geschichte Wilhelm IX. lehrt uns, daß 
es der Mutter gelungen ist, ihn von diesem 
Fehler und dem der Unfreundlichkeit im Verkehr 
mit Anderen zu befreien, daß dagegen ihre Be 
mühungen bei den anderen Fehlern weniger er 
folgreich gewesen sind. 
So reich die Kinder durch die Liebe ihrer 
Mutter beglückt wurden, so wenig hatten sie sich 
der Liebe ihres Vaters, namentlich nach der 
Trennung von ihm, zu erfreuen. Einmal hatte 
er an seinen Sohn Wilhelm zu seinem Geburts 
tag nach Göttingen geschrieben und dieser eine 
Abschrift des Briefes an seine Mutter eingeschickt, 
worauf diese ihm schrieb: „Ich bin Deiner Meinung, 
mein Engel, daß es ein sehr förmliches, kaltes 
Schreiben ist, und daß die Zärtlichkeit, die man 
Euch versichert, nicht groß ist." 
Ihr gereichte es dabei zum Trost, daß sie an 
dem so traurig sich gestaltenden Verhältniß des 
Vaters zu seinen Kindern und zu ihr schuldlos 
war, und daß sie noch aus dem Sterbebette von 
sich sagen konnte, sie habe sich ihm gegenüber 
nichts vorzuwerfen. 
Dagegen stand sie in echt kindlichem Verhältniß 
zu ihrem Schwiegervater, Wilhelm VIII. Sie 
war seine treue Begleiterin, als er in Folge der 
Ereignisse des siebenjährigen Kriegs wiederholt 
seine Residenz verlassen mußte und seinen Auf 
enthalt abwechselnd in Hamburg, Bremen und 
Rinteln nahm; sie war der Trost in seinen 
Leiden und stand ihm zur Seite, als er am 
1. Februar 1760 in Rinteln seine Augen auf 
immer schloß. 
Sie begab sich nach Zelle und trat ihr Amt 
als Regentin der Grafschaft Hanau an, konnte 
aber ihren Einzug in das bis dahin von den 
Franzosen besetzte Land erst am 11. März 1763 
halten. Als Regentin hat sie ihre Pflichten ge 
treulich erfüllt, bis der Erbprinz Wilhelm, groß- 
jährig geworden, am 13. Oktobe-r 1764 die 
Regierung der Grafschaft antrat. 
Endlich hatte sie hier nach so vielen Stürmen 
in ihrem Leben Ruhe und Frieden gefunden und 
konnte sich an dem Glück ihrer Söhne, da auch 
Karl, der dem Vorbild seiner Mutter am meistn 
entsprach, und Friedrich häufig und längere Zeit 
in Hanau ihren Aufenthalt nahmen, von ganzem 
Herzen erfreuen. Aber bald stellte sich ein Brust 
leiden ein, an dem sie immer schwerer zu leiden 
hatte, bis am 14. Januar 1772 der Tod sie in 
ihrem 49. Lebensjahr von allen irdischen Leiden 
erlöste. Wie in ihrem ganzem Leben, so zeigte 
sie auch auf dem Sterbebette die über alles 
Irdische erhabene Größe ihrer edelen Seele und 
die nimmer erlöschende unendliche Liebe zu 
ihren Kindern. 
Ueber ihre letzten Lebenstage schreibt v. d. 
Asseburg, der ihr im Leben sehr nahe gestanden 
hatte, in seinen Denkwürdigkeiten: „Am Tage 
vor ihrem Tode litt sie unendlich, ein heftiger 
Krampf im Hals und Unterleib befiel sie, sie 
konnte nur noch mit der größten Mühe trinken 
und hatte keinen Schlaf. Da ließ sie ihre Kinder
	        

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