Full text: Hessenland (4.1890)

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Donrbttdrr. 
IV. 
Im Dom zu Münster. 
Eh' die Uhr im Dom zu Münster 
Eine volle Stunde schlägt, 
Bläst der Tod in's Horn, daß schaurig 
Ringsum sich das Echo regt: 
„Menschenkinder, Menschenkinder, 
Die ihr rings auf Steinen kniet, 
Unter welchen staubt und modert 
Euch verschwistertes Geblüt. 
Menschenkinder, die ihr weltlich 
Hoffen tragt in dieses Haus, 
Stunden stieh'n in toller Eile 
Und wie bald ist alles aus." 
Also tutet in sein Hörnlein 
Tief und hohl Gevatter Tod — 
Eh' den Gruß die flücht'ge Stunde 
Ihren bleichen Kindern bot. 
Und der Heil'gen Bilder ragen 
Aus den Wänden mahnend vor, 
Und das Kreuzbild des Erretters 
Winkt erbarmend hoch vom Chor. 
Menschenkinder, arme Sünder, 
Die ihr Todes Beute seid! 
Betet, lebet, wirket, strebet! 
Nicht Verwesung! — Ewigkeit. W. Keröerl. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Vergangene Zeiten. Vor mir liegen staubige, 
vergilbte Blätter, deren Schreiber schon lange zu 
ihren Vätern versammelt sind, aber dankbar möchte 
ich ihnen sein, sie ersetzen uns heute durch ihre Auf 
zeichnungen nach hundert Jahren noch die lebendigen 
Zeugen vergangener guter und böser Zeiten. 
Wenn auch die Blätter nicht als Ganzes zu be 
trachten sind, so sagen sie doch, daß im Laufe der 
Jahrhunderte nicht immer die vergangene Zeit nur 
eine gute war, dagegen beweisen sie auch, daß heute 
manches anders, aber nicht besser geworden sei. So 
hat auf dem ersten Blatt der Schreiber verzeichnet, 
wie hoch der Reichsthaler im Jahre 1597 und 
folgende gestanden. Zuerst 33 Albus, aber schon 
2 Jahre später 25 Groschen — 1603 — 5: 
36 Albus oder 27 Groschen; so aber weiter gestiegen, 
bis der Chronist schreibt: Und im selben Jahre 1619, 
umb Ostern hat der Thlr. gölten 1 1 / 2 Thlr. und 
umb Martini angefangen 2 Reichsgulden. So ist 
der Werth weiter gestiegen 1622 um heilige 3 Könige 
8 und 10 fl. „Bolzende Ostern Sonnlag in den 
Fasten bin ich zu Cassel gewesen im Markt galt im 
Anfang des Marktes der Reichsthaler 11 u. 12 fl., 
habe ich in Cassel still gelegen 5 Tage u. ist kommen 
bis auf 16 fl. u. bis nach Ostern auf 18. 20. u. 
24 Rfl. Aber dann noch begonnen zu fallen, weil 
die Müntzordnung zu Septembr. 1622 folgt.“ — 
So mögen die wirthschaftlichen Verhältnisse in Hessen 
durchaus keine rosigen gewesen sein schon zu Anfang 
des dreißigjährigen Krieges, und doch brausen dann 
erst die Stürme jener Zeit über das arme Hessen 
hinweg. In alten Verträgen, der Zeit waren die 
Kriegs-Unruhen ständige Artikel, so auch in dem 
vorliegenden, dem Pacht-Vertrag der Mühle zu 
Nentershausen vom Jahre 1637. Dort heißt es: 
„Da auch der Fall, was Gott verhüten wolle, kommen 
kann, daß wir wegen Kriegs-Überfall ausziehen müssen, 
so soll ihm (dem Müller) so es einen Monat oder 
mehr währen würde, solches an dem Zins erlassen 
werden.“ Der Zins betrug jährlich 7 l / 2 Viertel 
Korn, 8 Metzen Warzen, 8 Viertel Kleie, 30 Schlage 
kuchen und 4 Reichsfl.; dann 4 Hähne für die Wiese 
im gie8on Hagen. Der Müller hatte alles in „bau 
lichem Wesen“ zu halten und bekam dafür das 
nöthige Bauholz vor die Mühle gefahren, 8 Mlt. 
Holz mußte er sich selber hauen, ferner erhielt er 
noch jedes Jahr, „wenn Gott völlige Mast werden 
ließ 2 Schweine, bei halber Mast aber nur 1 
Schwein.“ — 
Einen weiteren Blick in die Wirren dieser Jahre 
gewährt ein Anlehen der Gemeinde Beisförth, die 
200 Thlr. vom Rentmeister Murhardt zu Spangenberg 
lehnt, um die Kriegsunkosten zu decken. 
Mehr als alles dieses zeigen, wie tiefe Wunden 
der dreißigjährige Krieg dem Hessenlande geschlagen, 
die Erlasse und Gesetze, die ein weiser Fürst, Landgraf 
Karl, noch 40 Jahre nach Abschluß des westfälischen 
Friedens zum Besten seines Landes und seiner Unter 
thanen zu geben für nöthig fand. Industrie und 
Ackerbau lagen völlig darnieder, vom Krieg vernichtet, 
beide mußten wieder erst geschaffen werden, wie un 
mündige oder kranke Kinder durch Staatshülfe groß 
gezogen, daher die Reihe Ausfuhr- und Einfuhr- 
Verbote, die unsern heutigen Freihandels-Anhängern 
freilich nicht in das System passen dürften. 
Da ist zuerst ein am 4» Juli 1684 erlassenes 
Verbot das „sothanen, jetziger Zeit höchst schädlichen 
Früchte-Verkaufes und Verführen außer Landes“ 
„niemand, wer er auch sei, soll bis auf anderweite 
Verordnung bei Strafe der Confiscation einiges 
Getreide und Frucht es sei Korn, Weizen re. auch 
Hopfen ausführen und außer Landes verparthieren 
Gegeben Stadt und Festung Cassel“ —. 1692 wurde 
dieses Verbot aufgehoben, aber schon 1694 wieder 
erneuert „wegen des in den nächst vorigen Jahren 
verzehrten alten Vorrathes, sich hie und da wieder 
hervorthuenden Früchte-Mangels“ „und hieraus end 
lich eine größere Theuerung wo nicht gar Hungers 
noth, leichtlich erfolgen dürfte.“ — 1684 wurde das 
Ausfuhr - Verbot für Pferde gegeben und gedroht 
„mit ohnnachlässiger harter Geld- auch wohl gar 
nach Gelegenheit mit Leibcsstraffen ahngesehn werden 
solle.“ Daun folgt eine Reihe von Einfuhr-Per-
	        

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