Full text: Hessenland (4.1890)

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Dein letzter Brief hat mich wahrhaft gerührt 
durch die Liebe und Freundschaft, die Du mir 
darin zu erkennen gibst. Nun habe ich nur 
noch einen Wunsch, mein lieber Engel, daß Du 
Dir stets ein so gefühlvolles Herz bewahrst und 
daß Du Dir Mühe geben willst, Dir Freunde 
zu erwerben." 
(Schluß folgt.) 
>as flch ein Aorsthof erzählt. 
Von Carl Preser. 
Auf dem großen Jägerhofe zu Waldau bei 
Kassel war zu Anfang dieses Jahrhunderts ein 
Forstadjunkt Thomas Otto bedienstet, welcher 
bei seinem Herrn, dem Kurfürsten Wilhelm I., 
in besonderem Ansehen stand, indem er einst, 
durch seine schmucke Gestalt als Fahnenjunker, 
die Aufmerksamkeit des hohen Herrn so sehr aus 
sich zog, daß dieser ihn beredete, sich dem Forst 
fache zu widmen und dann in den Hofjagddienst 
einzutreten, wofür er nach der Meinung des 
Kurfürsten sich ganz besonders eignen müsse. 
Einen solchen Wink, von solcher Seite, läßt man 
sich nicht zweimal geben, und so war denn eine 
Forstadjunktenstelle in der Waldau der erste 
Posten, den der ehemalige Fahnenjunker Otto 
im kurfürstlichen Hofjagddienste einnahm. 
Wie einst als Soldat, so zeigte Otto nun 
auch in seiner neuen Laufbahn ein unermüdliches 
Streben, sowie einen regen Diensteifer. Es 
konnte daher auch keinem der Ober-Hof- und 
Staats-Grünröcke in Kassel auffallen, als ein 
Vorschlag von ihnen, die frei gewordene Revier 
försterstelle in Wellerode einem adeligen Herrn 
zu übertragen, höheren Orts mit der Ernennung 
Otto's auf diese bevorzugte Stelle beantwortet 
wurde. Bei jenem Vorschlage hatte man aller 
dings auf die Liebhaberei des Kurfürsten, in 
dem Welleröder Reviere auf Rothwild zu jagen, 
besondere Rücksicht genommen; doch mußte die 
Verleihung der Stelle an Otto um so mehr 
ruhig hingenommen werden, als gegen den fürst 
lichen Günstling ohnehin nichts einzuwenden war. 
Das Jagdvergnügen blieb ja so wie so dasselbe, 
und für ein fein zugerichtetes Jagdessen soll die 
Frau Revierförsterin eben so gut gesorgt haben, 
als es eine Frau Jagdjunkerin nur gekonnt haben 
würde; wenigstens weiß das damals als fürst 
licher Speisesaal benutzte, und mit Bildern 
hessischer Landgrafen geschmückt gewesene, große 
längliche Zimmer in der „Bel-Etage" des Forst 
hofes, von manchem gutem Jagd-Imbiß zu 
erzählen, den der Kurfürst mit seinem Gefolge 
hier einnahm, wenn ihn die reiche Strecke an 
jagdbaren Edelhirschen im Hofe des Forsthofes 
erfreut hatte. Und wie strahlte das Gesicht der 
jungen Revierförsterin, wenn sie bei der Abfahrt 
des hohen Herrn in der Thür ihren Knicks 
machte, und der Kurfürst ihr noch einmal gnädig 
zurief: „war wieder alles vortrefflich zurecht 
gemacht!" 
Da brach der schreckliche 1. November des 
Jahres 1806 über Hessen herein. Der Kurfürst 
mußte der „Treulosigkeit und frechen Gewalt" 
weichen, und der französische Imperator, der 
dem hessischen Löwen „die Pranken stutzen" 
wollte, fragte jetzt nicht, wie einst in Mainz, 
wo er den Kurfürsten unter den deutschen Reichs 
preisgebern zu finden und belohnen zu können 
hoffte: „oii est le roi des Chattes?“, sondern 
er schickte einfach den Chatten seinen Bruder 
I e r 6 in e als König „Immer Lustick" nach 
Kassel. 
Auch in dem Forsthofe zu Wellerode mit seinem 
Berggarten trat tiefe Trauer ein um das Schick 
sal des unglücklichen Landesherrn, und die ent 
lang der Hauptstraße an dem Forsthofe vorüber 
fließende Fahrenbach schien trauernd zu murmeln 
von vergangener Herrlichkeit. Jahr und Tag 
war sogar der Forsthof wie verwaist^ und Revier 
förster Otto fühlte überdies keine L-ehnsucht da 
nach, in seinem Revier einen Herrn jagen zu 
sehen, den sein hessisches Herz natürlich zu allen 
Teufeln wünschte. 
Indessen — König Lustick wollte unterhalten 
sein,, unterhalten sein mit möglichster Abwechs 
lung, und da er an der Spitze seiner „Ad- 
ministration - generale des eaux et forets“ die 
Namen zweier hessischen Edelleute glänzten, denen 
der wildreiche Welleröder Forst wieder vor die 
Seele trat, so wurde die Vergnügungssucht des 
Königs endlich ans die Zehn-, Zwölf- und Vier- 
zehn-Ender dieses Forstes gelenkt, so daß eines 
Tages, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, bei 
dem Revierförster der Befehl eintraf, alles zu 
einer königlichen Treibjagd einzurichten, für die 
Königin aber, welche ihren lustigen. Gemahl als 
Nimrod bewundern sollte, an geeigneten Stellen 
in den Revieren Tribünen herzustellen. Für einen 
zünftigen Jäger jedenfalls ein sehr komischer 
Auftrag. Aber was machen? „Rex dixit et
	        

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