Full text: Hessenland (4.1890)

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Die Form des Kreuzes, wie aus einem Gusse 
Den hohen Thurm, den Rost an dem Gestein. 
Geöffnet ward die Thür am Chores Schlüsse; 
Wir traten spähend in den Dom hinein. 
Hier auf den Trümmern, die verschüttet lagen. 
Begann das Herz bewegt uns laut zu schlagen. 
Entzückt entdeckten wir bei jedem Schritte, 
Der weiter hier uns führte, einen Fund, 
Grabschriften, Basen von antikem Schnitte, 
Ein Kapitäl in Würfelform und rund; 
Doch überall mit jedem neuen Tritte 
That sich Zerstörung dort dem Auge kund, 
Die Säulen, welche hier im Schiffe stunden, 
Sie waren längst vom Orte schon verschwunden. 
Wir stiegen nun hinauf zu der Empore, 
Sie war errichtet auf dem Vorderraum; 
Ich sah von hier im Schiff, im hohen Chore 
Des Lichtes Spiel, es giebt ein schön'res kaum — 
Da schien umwebt mein Blick von lichtem Flore, 
Der wache Geist umschwebt von einem Trckum; 
Es regte plötzlich sich im Schutte Leben, 
Und Stein an Stein begann emporzustreben. 
Rasch wuchsen Säulen, welche sich erhoben, 
Zwei Reihen in dem Schiff vom Boden auf; 
Arkaden zogen auf den Säulen oben 
Sich wellenförmig hin von Knauf zu Knauf; 
Auf ihnen wurden hoch emporgeschoben 
Die Oberwände bis zum Dach hinauf; 
Und ihre rundgewölbten Fenster ließen 
Jn's Mittelschiff das Licht von oben fließen. 
Es sprang der Sims, belebt von Licht und Schatten 
Am Siegesbogen wunderbar hervor, 
Und Stufen, welche sich erhoben halten, 
Sie führten stolz zum Priesterraum empor. 
Die Krypta war verdeckt durch bunte Platten 
Am festen Boden ausgespannt im Chor, 
Und durch die Fenster drang, wie Feuer sprühend, 
Ein magisch Licht, im Farbenschmucke glühend. 
Altäre sah ich, die im Chore standen. 
Das Gitter, welches man die Schranken nennt, 
Und wie auf jenen hohe Kerzen brannten 
Und das Gefäß sür's heil'ge Sakrament; 
Es deckten Balken, welche sich verbanden, 
Den Bau von einem bis zum andern End, 
Und durch das Bild der Phantasie geblendet 
Sah ich den Dom in seiner Pracht vollendet! 
Erstaunt erblickt' ich diese Herrlichkeiten 
Getäuscht vom Schein, der magisch mich umfing. 
Im Chore standen Stühle zu denzSeiten, 
Dort war ein Kreuz, an welchem Christus hing; 
Die Wände schmückten Bilder alter Zeiten, 
Wie Simon Petrus auf dem Meere ging, 
Und Lullus war im Mittelschiff zu schauen 
Erhaben, groß aus Marmorstein gehauen. 
Ich schaute still; da hört' ich Tritte schallen, 
Ich sah im Dome weiße Stolen weh'n 
Und ernste Priester auf den Stufen wallen 
Und in den Chor zum Hochaltare geh'n; 
Und Mönche sah ich auf die Kniee fallen 
Und einen Lektor auf dem Ambo stehn — 
Da barsten in dem Schiff die runden Bogen 
Und plötzlich war das Bild dem Blick entzogen! 
Ich sah den dunkelblauen Himmel wieder 
Und Trümmer und verwittertes Gestein. 
Die Abendluft durchschauerte die Glieder, 
Sie strömte durch die offnen Fenster ein. 
Wir stiegen in die öden Hallen nieder 
Und schritten durch den Chor bei Dämmerschein; 
In uns gekehrt, in stillem Seelenfrieden 
Verließen wir den alten Dom — und schieden. 
H. Sievert. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Hessen-Kasseler Orden und Ehrenzeichen. 
1) Unter den hessischen Orden nimmt der 
Militär-Verdienst-Orden die erste Stelle ein, 
war er doch der älteste und angesehenste. Gestiftet 
am 25. Februar 1769 vom Landgrafen Fried 
rich II. als Orden „pour la vertu militaire“ „zur 
Aufmunterung und Belohnung derjenigen, welche sich 
durch Tugend, Tapferkeit, Wohlverhalten und sonstige 
einem Soldaten anständige Eigenschaften eines solchen 
Ehrenzeichens würdig gemacht haben", wurde er nur 
an diejenigen verliehen, welche in Hesien-Kassel'schem 
Militärdienst standen. Die erste Rezeption weist 2 9 
Ritter auf, wovon 5 Prinzen, 15 Generale, 6 Oberstem, 
3 Oberstlieutenants. Die letzten Ritter waren : 
Oberst Weiß (1849), Kgl. preuß. General von Hahn 
(1880), Prinz Alexander von Hessen (1860). In 
einer Ode vom 14. August 1769 besingt Joseph 
Friedrich Engelschall die Stiftung dieses Ordens in 
der ihm eignen Weise. 
2) Ein Jahr später, 6. Juni 1770, stiftete 
Landgraf Friedrich II. den Hausorden vom 
goldnen Löwen, welcher die heilige Elisabeth zur 
Patronin hatte und dessen Statuten am 1. Januar 
1818 von Kurfürst Wilhelm I. in mehreren Punkten 
abgeändert wurden. 
3) Am 18. März 1814 stiftete Kurfürst 
Wilhelm I. für den damaligen Krieg den Orden 
vom eisernen Helm zur besonderen Auszeichnung 
von Verdiensten im wirklichen Kampfe. 
4) Am 14. März 1821 stiftete Kurfürst 
Wilhelm II. für hessische Krieger und Landesan 
gehörige, welche an den Feldzügen von 1814 und
        

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