Full text: Hessenland (4.1890)

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Wanögräsin Maria von Keffen^ 
die Vormünderin und Mutter Wilhelms IX. 
Von W. Rogge-Tuöwig. 
So wie die Geschichte des hessischen Fürsten 
hauses reich ist, wie wenige eines anderen Landes, 
an ausgezeichneten Fürsten und Regenten, so 
ist sie es auch nicht minder an vortrefflichen 
Fürstinnen. Hervorragend sind unter ihnen wegen 
ihrer zugleich staatsmännischen Verdienste, die 
Landgräfinnen Amelie Elisabeth und Hedwig 
Sophie, und als Musterbilder edler Frauen, die 
Gemahlin Philipps des Großmüthigen, Christine 
von Sachsen, und Wilhelms IV. Gemahlin, Sabine 
von Württemberg. 
Ihnen vollkommen ebenbürtig schließt sich aus 
späterer Zeit Maria, die erste Gemahlin Landgraf 
Friedrichs II., König Georgs II. von England 
Tochter, an, die in ihrem so schwer getrübten 
Eheleben in der treuesten Erfüllung ihrer Mutter 
pflichten als Erzieherin des künftigen Landes 
herrn und seiner beiden Brüder Trost und Ersatz 
suchte und auch in reichem Maße gefunden hat. 
Sie war am 5. März 1723 als fünfte Tochter 
und sechstes Kind des Königs Georg II. von 
England und seiner Gemahlin Karoline von 
Ansbach-Brandenburg zu London geboren und 
verdankte ihrer deutschen Mutter, von der ein 
englischer Geschichtsschreiber sagt, daß sie ein 
Muster aller öffentlichen und häuslichen Tugenden 
gewesen sei, die vortrefflichste Erziehung. So wie 
diese, eine große Freundin der Literatur, den 
Verkehr mit geistreichen und gelehrten Männern 
allem Glanz des Hofes vorzog, fühlte auch sie 
sich im engsten Zusammenleben mit ihrer Mutter 
und ihren Schwestern am glücklichsten, und blieb 
das Lesen belehrender und unterhaltender Schriften 
bis ans Ende ihrer Tage ihre liebste Beschäfti- 
gnng. 
Schon in ihrem sechsten Lebensjahr wurde von 
ihrem Vater eine ihr ganzes späteres Lebens 
schicksal entscheidende Bestimmung getroffen, 
König Georg hatte 12000 Mann hessische Truppen 
in englischen Sold genommen und war im Jahre 
1729 nach Kassel gekommen, um über diese am 
30. Juli auf dem Forste Heerschau zu halten. 
Als bei dieser Gelegenheit der neunjährige 
Prinz Friedrich sein Regiment vorführte, erregte 
der muntere, frische Knabe bei dem König so 
großes Wohlgefallen, daß er ihm seine Tochter 
Maria zur Gemahlin bestimmte; zehn Jahre 
später fand dann die förmliche Verlobung und 
am 19. Mai 1740 zu London die Vermählung 
durch Prokuration statt, der am 28. Juni im 
Schloß zu Kassel die feierliche Vermählung 
folgte. Der festliche Empfang der jungen Fürstin 
hatte auf Anordnung des Vaters des Prinzen 
am Tage vorher in Amalienthal (dem späteren 
Wilhelmsthal) stattgefunden und hier Maria 
ihren Gemahl zum ersten Mal gesehen. Gar bald 
schon sollte sie zur Erkenntniß kommen, daß die 
Verschiedenheit ihrer Charaktere und ihrer Nei 
gungen ein glückliches, eheliches Zusammenleben 
nicht erwarten ließen, obschon sie noch nicht alle 
Hoffnung deshalb aufgab. Diese wurde aber 
dadurch getrübt, daß ihr Gemahl gleich in den 
ersten Jahren ihrer Ehe in Folge seiner Theil 
nahme an verschiedenen Feldzügen häufig und 
lange Zeit von ihr getrennt zu leben genöthigt 
war. 
Gleich im ersten Jahre zog er mit seinem 
Vater, welcher die von Georg II. für die Kaiserin 
Maria Theresia gesammelten Hülfstruppen be 
fehligte, als Generalmajor gegen die in Westphalen 
eingedrungenen Franzosen ins Feld. In den 
Jahren 1742 und 1743 kämpfte er gegen diese in 
Flandern und Brabant, im folgenden Jahre in 
Bayern gegen die Oesterreicher, im Jahre 1746 
führte er 6000 in englischen Sold genommene 
Hessen nach Schottland und kämpfte dann noch 
in diesem und dem folgenden Jahre gegen die 
Franzosen in den Niederlanden. Bald nach 
seiner Rückkehr begleitete er im Jahre 1749 
seinen Vater auf der so folgenschwer gewordenen 
Reise nach Neuhaus zum Besuche des Kurfürsten 
und Erzbischofs Klemens August von Köln und 
trat dann eine Reise nach Brüssel. Paris und 
London an, von der er erst im April 1750 nach 
Kassel zurückkehrte. 
Hatte so das Eheleben beider Gatten sich in 
diesen Jahren schon wenig erfreulich gestaltet, 
so kam es nach Rückkehr des Prinzen zwischen 
ihnen zu immer häufigeren und größeren Zer 
würfnissen, die dann im Jahre 1754, mit dem 
Bekanntwerden des Uebertritts Friedrichs zur 
katholischen Kirche, wesentlich mit auf Veran 
lassung des Vaters Marias, die förmliche Schei 
dung der Ehe zur Folge hatten. Schwer hatte 
Maria unter diesen Verhältnissen gelitten. Die 
Gemahlin des früheren hessischen Staatsministers 
von der Asseburg schreibt darüber in einem Briefe 
vom 24. Juni 1754: „Ich habe unsere liebe 
Prinzessin sehr veränderr gefunden, ich habe 
geweint, als ich sie in diesem Zustand sah, sie 
bekommt von Zeit zu Zeit Nervenzufälle, die 
schrecklich anzusehen sind."
	        

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