Full text: Hessenland (4.1890)

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Zeit angehörenden romanischen Kapitale zeigen, 
lassen auf das deutlichste erkennen, wie die Bau 
kunst des neunten Jahrhunderts in Deutschland 
aus Italien, speziell aus Rom gekommen ist. 
Hat doch Karl der Große von antiken Bau 
werken Italiens und Südfrankreichs Säulen 
nebst Zubehör entnommen und zu seinem eben 
falls im neunten Jahrhundert in Aachen er 
bauten Dome, der in seinen Haupttheilen noch 
aufrecht steht, verwendet. Die zierlichen Säulen- 
kapitäle der Michaelskirche haben aber für uns 
um so größeren Werth, als sie aus einheimischem 
Material und jedenfalls Hierselbst gefertigt sind. 
Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, 
daß die dazu erforderliche Kunstfertigkeit in der 
damaligen Kunstschule des hiesigen Klosters er 
worben wurde. Daß der Bau der St. Michaels 
kirche schon die Bewunderung der Zeitgenossen 
erregte, beweist die auf uns gekommene Be 
schreibung und symbolische Deutung dieses Bau 
werkes, welche der gelehrte Mönch Candidus, 
ein Vertrauter Eigil's und dessen nachmaliger 
Biograph, verfaßt hat. Der selige Dompfarrer 
Kapitular P. Isidor Schleichert übersetzte die 
lateinischen Verse schlicht und recht wie folgt: 
Eigil baute daselbst ein zirkelförmiges Kirchlein, 
Wahrlich sehr fromm! Auf einer unterird'schen Kapelle, 
Deren umgänglich Gewölb auf Einen Pfeiler sich 
stützet, 
Steigt dasielbe über der Erde prächtig zu Höhe, 
Denn acht Säulen und Bogen tragen das künstliche 
Thurmwerk, 
Deffen Dachung mit Einem großen Steine sich spitzet. 
Eigil dachte die Christen als Gottes lebenden Tempel, 
Deffen Größe auf Einer Säule, die Christus ist, 
v ruhet 
Und als lebende Steine meiselt und ordnet der Glaube; 
Dieser, thätig durch Liebe, kittet und füget an 
Christum. 
Zweimal vier Säulen bilden mit Schmuck des Hcilig- 
thums Hallen, 
Sie bezeichnen, was Christus achtmal selig gepriesen. 
Das Gebäude sollte bloß Ein Stein wie gründen 
auch decken; 
Schönes Bild des Stifters und Vollenders der Kirche! 
Was er hienieden so gnädig begonnen, will er voll 
bringen 
Droben im Himmel dereinst mit endlos sich häufenden 
Gütern. 
Dieses Letzt're bedeutet die runde Gestaltung des 
Kirchleins. — 
Unter dem Einen Stein, der das Gebäude 
deckt, ist sicher nur der Schlußstein der Kuppel 
wölbung des mittleren Theiles des Baues zu 
verstehen, ebenso, wie Candidus sagt, daß nur 
ein Stein das Gebäude gründe, womit offen 
bar die mittlere Stühsäule der Krypta gemeint 
ist, welche nur symbolisch als der einzige Grund 
pfeiler des Baues anzusehen ist. 
In der Unterkirche wurde Eigil begraben. 
Hinter dem kunstlosen Altar der Gruft finden 
sich noch die offenen leeren Steinsärge Eigil's 
und Animchad's, eines frommen Klausners, 
welcher viele Jahre in der Krypta ein ab 
geschlossenes Leben geführt hat. 
Im Laufe der Zeit wurde der ursprüngliche 
Bau der St. Michaelskirche durch Auf- und 
Anbau vergrößert. Zunächst ließ um das Jahr 
1092 der Abt Ruthard den oberen Umgang der 
Rotunde errichten; der überaus schlanke Helm, 
der jetzt die Rotunde deckt, mag dem 16. Jahr 
hundert angehören. Ruthard ließ ferner dem 
ursprünglichen Bau an der Westseite ein Schiff 
und diesem einen Glockenthurm anfügen. Etwa 
gleichzeitig wurde die südliche Vorhalle angebaut. 
Endlich wurde 1716 nördlich eine Grabkapelle 
hinzugefügt, welche zugleich die Verbindung mit 
dem Propsteigebäude' vermittelt. Auch mußte 
1716 die werthvolle Nachbildung des heiligen 
Grabes, welche ihren Platz beinahe 900 Jahre 
lang in der Mitte der Rotunde behauptet hatte, 
einem neuen Hochaltare weichen, welcher bei der 
1853 begonnenen Restauration der Kirche durch 
den jetzigen Altar ersetzt wurde. In demselben 
Jahre wurden ferner die 1716 im Geschmacke 
der damaligen Zeit im Barockstil eingefügten 
Zuthaten wieder thunlichst beseitigt. Auch wurde 
der jetzige Farbenschmuck des Innern ausgeführt, 
wobei Reste der ursprünglichen Malerei, welche 
sich unter der vielfachen Kalkweiße vorfanden, 
sowie andere, den gleichzeitigen in der Fuldaer 
Landes-Bibliothek vorhandenen Handschriften 
entlehnte Motive benutzt wurden. Endlich wurde 
1875 das jetzige aus geschnitztem Eichenholze 
bestehende Gestühle aufgestellt und im vorigen 
Jahre die Fenster der die St. Michaelskirche mit 
dem Propsteigebäude verbindenden Kapelle mit 
Glasgemälden geschmückt. 
Wenden wir uns nun der altehrwürdigen 
Kirche auf dem Petersberge zu. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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