Full text: Hessenland (4.1890)

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Ich hab' mein Sach' auf Schein gestellt 
Und im Theater mich geborgen; 
Weltbühne oder Bühnenwelt, 
In beiden gibt's genug zu sorgen. 
Allein was wir an Glück erreicht, 
Vor vielen Andren auserkoren, 
Wir gäben's hin, wie leicht, wie leicht 
— Nicht wahr? — für das, was wir verloren! 
Unsterblichkeit ein ganzes Jahr- 
Für einen Deiner „grünen" Tage; 
Den Jubelkranz im grauen Haar- 
Für meine „Nacht" voll Kampf und Plage! 
Doch nicht mit einem Klageton 
Will ich in Deine Feier treten. 
Das Herz, nicht Brockhaus' Lexikon, 
Bestimmt das Alter der Poeten. 
Wir Alten sind auch gar nicht alt, 
Verglichen mit den heut'gen Jungen, 
Die, außen klug und innen kalt, 
Ganz anders zwitschern, als wir sungen. 
Noch schlagen unsre Pulse warm, 
Noch geh'n wir aufrecht, ohne Wanken, 
Und fordern, Beide Arm in Arm, 
Ein neu' Jahrhundert in die Schranken! — 
Eine größere Dichtung Dingelstedr's war für Liszt 
bestimmt. Es ist der Oratorientext zum „heiligen 
Stanislaus". Mit solchem Ernst und Eifer ging 
er an die Arbeit, daß es diesmal nicht ein Fragment, 
sondern wirklich ein bis auf die letzte Feile voll 
ständiges Werk ist, welches sich in seinem Nachlasse 
findet. Aber kein guter Stern stand über dem Unter 
nehmen. Das Manuskript ward ihm aus Rom zu 
rückgeschickt „als den Zwecken Liszt's nicht entsprechend", 
und die Umhüllung, in der es jetzt ruhte, trägt, von 
des Dichters Hand geschrieben, die Worte: „Reliquien 
des hl. Stanislaus R. i. p * Julius Rodenberg 
schildert uns die Dichtung und bemerkt dazu, daß der 
Gegenstand an sich nicht frei von Bedenken sei und 
daß die vorliegende Fassung desselben den Gedanken 
einer Aufführung in geheiligten Räumen völlig aus 
schließe. Für die Formgewandtheit aber und die 
gute Latinität Dingelstedt's sprechen u. a. auch ein 
„Chor der Wallfahrer", dessen Text er, um im Ge 
dicht keine Lücke zu lassen und das Metrum anzu 
deuten, einstweilen selbst erfunden, demnächst aber 
durch eine der wirklichen Liturgie entnommene Hymne 
zu ersetzen bittet: 
Qui per tenebras migramus, 
Ubi tandem salvi stamus, 
Dabit nobis Dominus. 
Ecce verae via lucis, 
Ecce via verae crucis, 
In qua tu, o Christe, ducis 
Filios tuos coelibus. — 
War es Dingelstedt nicht beschieden, seine Lauf 
bahn mit einer Dichtung im großen Stile, wie er 
beabsichtigte, symphonisch abzuschließen, so verdanken 
wir doch seiner letzten Wiener Zeit eine Reihe der 
vortrefflichsten kleineren Prosaschriften, vorwiegend 
ästhetisch-kritischen Inhaltes, alle von dem feinen Geist 
beseelt, der sich immer noch am glücklichsten in der 
Antithese, dem Epigramme, ausdrückt, und immer 
noch das scharf Pointirte mit dem poetischen Sentiment 
zu verbinden weiß. Von dieser Art sind das „Literarische 
Bilderbuch", die „Faust-Trilogie" und die „Münchener- 
Bilderbogen" — letztere ein Stück seiner Selbst 
biographie, doch auch diese, sein literarisches Ver- 
mächtniß, wie so Vieles in Dingelstedt's Leben, ja 
das Meiste, nur — Fragment. 
Mußte der Dichter, dem vierzig Jahre früher, bei 
seinem ersten Auftreten, alle Herzen zuflogen, damit 
enden? Mußte sein ganzes Dichten ein Bruchstück 
bleiben, die Verheißung nach etwas Höherem, Größerem, 
die sich nicht erfüllt? Fragt mit Recht der Verfasser. 
In seinen besten Jahren, dichterisch genommen, hat 
ihn nur die Heimath gesehen^ in den hessischen 
Gauen hat sich sein Andenken am reinsten erhalten; 
wenn es einen Namen gibt, der in jenen kleinen 
malerischen Städten, an den Ufern der Weser und 
der Fulda noch immer mit der gleichen Anhänglich 
keit genannt wird, so ist es der Franz Dingelstedt's. 
Am 15. Mai 1881 starb Franz Dingelstedt. In 
dem künstlerisch reich geschmückten Stiegenhause des 
neuen Burgtheaters, neben den drei anderen, deren 
Andenken mit der Geschichte dieses hochberühmten 
Instituts unzertrennlich verknüpft sind: v. Sonnenfels, 
Schreyvogel und Laube, steht zwischen goldumrankten 
Säulen in einer Nische das Marmorbild Dingel 
stedt's, in genialisch weltmännischer Gestalt, den 
Mantel zurückgeschlagen, in der Rechten eine Rolle 
haltend — hoch und imposant, überlebensgroß. 
„Und doch wüßt' ich ein Denkmal, bescheidener 
zwar als dieses, allabendlich von Tausenden gesehen, 
die den großen Bühnenleiter wohl, aber nicht den 
Menschen, nicht den Dichter kannten", schließt Julius 
Rodenberg in liebevoller Pietät seinen vortrefflichen 
Essay — „ein Denkmal in der Heimath, das nur 
diejenigen zu betrachten kommen würden, die ihn 
wirklich geliebt haben und niemals vergessen werden 
— eine Gedenktafel an dem kleinen Hause in der 
Ritterstraße zu Rinteln, mit nichts als den Worten: 
In diesem Hause 
verlebte seine Kindheit und Jugend 
Franz Dingelstedt, 
geb. 30. Juni 1814 zu Halsdorf in Oberhessen, 
gest. 15. Mai 1881 zu Wien." 
Für die Verehrer Franz Dingelstedt's wird es von 
Interesse sein zu erfahren, daß unser hochgeschätzter 
Landsmann Dr. Julius Rodenberg, jetzt nach voll 
endetem Abdruck seines Essays, auch eine Bücher 
ausgabe seiner „Mütter aus dem Nachlasse Franz
	        

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