Full text: Hessenland (4.1890)

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„Als Knecht? Das wäre schade für Sie, Mai. 
Ich will Ihnen etwas Besseres vorschlagen. Mein 
Vetter, Rittergutsbesitzer von Wild in Roten 
burg sucht zum 15. Oktober einen Kutscher, und 
wenn ich Sie ihm empfehle, bekommen Sie die 
Stelle. Ich kann Ihnen nur rathen zuzugreifen, 
der Gehalt ist gut und der Dienst bei meinem 
Vetter für einen braven Menschen angenehm. 
Haben Sie Lust dazu?" 
Konrads Augen strahlen. „Ich danke Ihnen 
vielmals, Herr Rittmeister! Ich möchte nichts 
Besseres haben. Sind schöne Pferde dort?" 
Der Rittmeister lächelt. „Sehr schöne. Sie 
werden Ihre Freude daran haben, Mai. Und 
also abgemacht. Heute Nachmittag werde ich 
an Herrn von Wild schreiben, Er kommt wahr 
scheinlich in den nächsten Tagen selbst hierher. 
Halten Sie sich also immer bereit." 
Er wendet sich zu seinem Schreibtisch zurück 
und kramt in allerlei Papieren. 
„Haben Sie schon einmal ein Loos gehabt, 
Mai?" 
„Nein, Herr Rittmeister." 
„So nehmen Sie sich einmal eins von diesen, 
die mir eben aufgehängt worden sind. Vielleicht 
gewinnen Sie sich ein feines Reitpferd." 
Er hält dem überraschten Konrad etwa secks 
Loose von einer Pferdelotterie entgegen. „Ziehen 
Sie selbst, dann bringt es mehr Glück!" 
Konrad zögert verlegen und wird roth. 
„Herr Rittmeister, ich habe —" 
„Dummes Zeug, ich will es Ihnen ja schenken!" 
Konrad zieht. „Nummer dreizehn!" sagt der 
Rittmeister, einen Blick auf das Blatt werfend, 
„das ist ja bös, aber nun müssen Sie das Loos 
behalten. Heben Sie es gut auf, in viör Wochen 
ist die Ziehung.^ Und nun guten Morgen, Mai!" 
„Ich danke Ihnen noch vielmals für alles, 
Herr Rittmeister!" 
Konrad geht zur Thüre. Aber wie er die 
Hand auf den Drücker legt, ruft ihn der Ritt 
meister noch einmal an. 
„Noch eins, Mai! Dem jetzigen Kutscher in 
Rotenburg ist gekündigt worden, weil er den 
Mädchen die Köpfe verdreht hat. Herrn von 
Wild würde es deshalb nicht unlieb sein, wenn 
der neue sich verheirathete. Haben Sie schon 
eine Braut oder so etwas?" 
Dem Burschen ist ist die Kehle wie zugeschnürt. 
„Ich hatte — ich habe —" stammelte er endlich 
in einer Verwirrung, die dem Rittmeister nicht 
entgehen kann. 
„Nun, wenn die Sache noch nicht im Reinen 
ist, so kommt sie ja vielleicht jetzt in Ordnung," 
sagt er deshalb gütig, „nur sorgen Sie sich 
für eine recht brave, fleißige Frau. Adieu für 
heute!" 
Und Konrad geht wie im Traume nach der 
Kaserne zurück. Er möchte jauchzen vor Freude, 
aber auf dem Herzen liegt es ihm wie ein Stein. 
„Wenn mich nur die Martlis noch mag! Wenn 
ihr nur das Bärbchen nichts von der Lene er 
zählt hat!" Das sind die Gedanken, die ihm 
unablässig die glänzende Aussicht in die Zukunft 
trüben und ihm wird erst leichter zu Muthe als 
er ausgerechnet hat, daß es ja nur noch 13 
Tage bis zu deni Sonntage sind, an welchem 
er Martlis und seine Mutter wiedersehen kann. 
Dreizehn Tage! Das Loos seines gütigen Vor 
gesetzten fällt ihm ein. Er will es Martlis 
schenken, dann bringt die Unglückszahl ihnen 
beiden vielleicht Glück. 
(Schluß folgt.) 
Die Stiftskirche in Hersfeiv. 
8ic transit gloria mundi. 
Jüngst zogen wir, von milder Luft umflossen, 
Darin der Herbst die Silberfäden spann, 
Von Sonnenschein, von Waldesduft umgossen, 
Mein Freund und ich das Fuldathal hinan; 
Wir schritten heitern Sinnes, unverdrossen 
Am Flusse hin, der uns entgegen rann, 
Und freuten uns der Flur und grünen Wiesen, 
Auf die wir froh die Blicke schweifen ließen. 
Wir nahten Hersfeld, dem ersehnten Ziele; 
Es blinkte durch der^lichten Bäume Grün. 
Da sahen wir in schönstem Farbenspiele 
Den alten Münster in der Sonne glüh'n. 
Auf Quadersteinen im roman'schen Stile 
Erhob der Riesenbau sich stolz und kühn; 
Es ragten hoch empor die nackten Hallen 
Vor unser'm Blick, verwittert und verfallen. 
Wo einst der Abt regiert des Orden's Glieder, 
Dem Volk gebot mit seinem Hirtenstab; 
Zu Orgelklang ertönten fromme Lieder 
Und Mönche knieten an Wigbertus Grab — 
Da wuchert Gras jetzt, Schlinggewächse, Flieder, 
Da schreit die Eule nachts vom Thurm herab; 
Von Wallern leer ist lange schon die Stätte, 
Als wenn im Zorn sie Gott gerichtet hätte. 
Wir schauten an in stillem Kunstgenusse, 
! Den alten Bau, gegliedert schön und rein,
        

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