Full text: Hessenland (4.1890)

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Mann denn nie eine Jugend gehabt? Hatte er in 
jungen Jahren nie den verführerischen Duft einer 
vortrefflichen Wurst eingesogen? Genug, es zeigte 
sich wieder einmal, daß das erfahrenste Alter nicht 
vor Irrthum bewahrt ist, denn genau drei Stunden 
nach Uebergabe der Wurst wurde ihr letzter Zipfel 
zwischen Guntershausen und Gensungen verspeist. 
Aber noch eine Bedingung wurde an das Geschenk 
geknüpft, denn der gute Hauswirth trug mir zu 
meinem größten Erstaunen auf, den Eisensträfling 
L , den ich sicher oben auf dem Marburger 
Schlosse sehen würde, bestens von ihm zu grüßen. 
Auch würde derselbe — meinte er — mir wohl 
seine Geschichte, seine Verirrungen und die traurige 
Veranlassung dazu, ausführlich erzählen. 
Ich will nur gestehen, daß schon hiernach sich 
etwas Sympathie für den Verbrecher in mir zu 
regen begann, denn ich sagte mir, daß, wenn er 
aller menschlichen Ehre bar wäre, ein anerkannt 
braver und geachteter Mann wohl keine Grüße für 
ihn haben würde. 
Mein erster Weg in Marburg galt natürlich dem 
Schlosse. Nachdem ich mich an dem Bilde von un 
vergänglicher Schönheit, welches sich dort oben dem 
trunkenen Blicke darbietet, gelabt hatte, ging es sofort 
an's Zeichnen. In diese Beschäftigung versenkt, trat 
artig grüßend ein schlank gewachsener hübscher Mann 
in halber Sträflingskleidung zu mir und theilte mir 
mit, daß, wenn ich die inneren Räume des Schlosses 
zu sehen wünschte, er mit Vergnügen mein Führer 
sein würde. Aus meiner Antwort hörte er gleich 
den Kasselaner heraus, genug, es war der L......, 
der durch die mir aufgetragenen Grüße in helle 
Freude versetzt wurde. 
Auf der Wanderung durch die damals noch völlig 
öden Räume des Schlosses war er ein unermüdlicher 
Erklärer und als ich ihn schließlich nach seinen 
Schicksalen fragte, erzählte er mir mit aller Bereit 
willigkeit Folgendes: 
„Als junger Handwerker lernte ich in Kassel ein 
hübsches Mädchen kennen und bald schlang die Liebe 
ein Band um unsere Herzen. Aber wir fanden, als 
wir uns dem Vater des Mädchens entdeckten, den 
heftigsten Widerstand, der nicht allein nicht zu be 
siegen war, sondern in den grimmigsten Haß auf 
mich ausartete. Alle Hoffnung auf ein eheliches 
Glück schwand mir unter den Maßnahmen des herz 
losen harten Mannes dahin, so daß auch in mir 
nach und nach ein Groll gegen ihn heranwuchs, der 
mich schließlich, da mein Leben mir werthlos wurde, 
zu dem Entschlüsse trieb, ihn und mich zu tödten. 
Mit zwei geladenen Pistolen versehen, vertrat ich 
dem Störer meines Glücks an einer einsamen Stelle 
seines täglichen Spaziergangs den Weg. Ich feuerte 
auf ihn und er fiel. Dann richtete ich die andere 
Pistole auf mich, aber mit vor ungeheuerer Auf 
regung zitternder Hand verfehlte ich die rechte Stelle I 
und brachte mir nur eine große Wunde am Halse 
bei, davon Sie noch die Narbe sehen. Ich floh von 
der Stelle aus und unter Entbehrungen aller Art, 
mit schmerzender Wunde hatte ich beinahe die 
holländische Grenze erreicht, da ereilte mich der Steck 
brief und ich wurde nach Kassel zurücktransportirt, 
um dort nach strengem Richterspruch für den Mord 
versuch — denn ich hatte den Alten gar nicht ge 
troffen, sondern er war vor Schreck zu Boden 
gesunken — zu zwölf Jahren schwerster Eisenstrafe 
verurtheilt zu werden. 
Wenn nun auch ein elender Ausgestoßener, so 
pries ich es doch als ein unerwartetes Glück, als ich 
vernahm, daß die Hand meinem bösen Willen nicht 
gehorcht hatte. Ich hatte keinen Mitmenschen ge- 
tödtet und nahm mir vor, meine Strafe, so hart sie 
war, mit Geduld zu tragen. Bald wurde mein 
Betragen im Gefängniß musterhaft genannt und 
schon nach einigen Jahren nahm man mir die 
schweren Ketten ab und ich wurde von den Mit 
gefangenen abgesondert. Schon längst habe ich die 
Thätigkeit eines Hausdieners beim Herrn Inspektor; 
frei und ohne Aufsicht gehe ich, um Einkäufe und 
Besorgungen aller Art zu machen, hinunter in die 
Stadt, wo ich mich des Wohlwollens von Alt und 
Jung erfreue, und so lebe ich der Hoffnung, daß 
mir einige Jahre meiner Strafzeit erlassen werden. 
Dann soll mich nichts mehr auf deutschem Boden, 
der meine Schande sah, halten. Nach Amerika steht 
mein Sinn, dort blüht mir vielleicht das Glück, 
durch ehrlichen Fleiß mein Leben zu fristen.“ 
Ich drückte ihm gerührt die Hand, sah ihn in den 
nächsten Tagen wohl noch einige Mal und reiste 
dann nach Kassel zurück. 
Ende August desselben Jahres sprach ich, vom 
Rhein kommend, wieder in Marburg vor und als 
ich in früher Morgenstunde den Marktplatz betrat, 
sah ich dort eine seltsame Bewegung. Leute liefen 
hin und her oder standen, lebhaft sprechend, vor den 
Verkaufsläden. Aus einem derselben, .gefolgt von 
dem Inhaber, kam Plötzlich ein anständig gekleideter 
Mensch, der, mich erkennend, auf mich losstürzte und 
mir krampfhaft die Hand schüttelte. Es war 
der L „Ich bin frei! Eben bin ich frei 
gekommen!" Das waren seine Worte, die er in 
größter Erregung hervorstieß. Dazu stürzten ihm, 
der sich gar nicht zu fassen vermochte, die Thränen 
aus den Augen. Es konnte das plötzliche Glück, 
der goldenen Freiheit wiedergegeben zu sein, noch 
nicht begreifen. Eine Menge Menschen drängte sich 
zu ihm, um voller Mitgefühl ihm die Hände zu 
drücken. 
Nach anderthalb Wochen sah ich ihn zum letzten 
Mal flüchtig in Kassel; dann verschwand er. 
Möge er in der neuen Welt das gehoffte Glück 
gefunden haben. H.
	        

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