Full text: Hessenland (4.1890)

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Zwischenbau und das Steuer-Kollegium im 
Kanzlei-Gebäude. 
Die im Vorstehenden beschriebenen Behörden 55 ) 
verblieben im Wesentlichen in dieser Gestalt und 
im Renthofe bis zum Organisations-Edikte 
vom 29. Juni 1821 unter dem Kurfürsten 
Wilhelm II. 56 ) Durch dasselbe wurde haupt 
sächlich eine Trennung der Rechtspflege und der 
Verwaltung eingeführt, und schieden solcher Ge 
stalt aus den Regierungen, welcher Namen für 
diese als Verwaltungs-Behörden verblieb, die 
Obergerichie als Justiz-Behörden, während 
der Geheime Rath abgesehen von einigem dem 
Gehei menKabinet des Landesherrn belassenen 
Geschäften, durch die Ministerien ersetzt wurde, 
sowie die Ober-Rentkammer durch das General- 
Kriegs - Departement, die Finanzkammer, das 
Ober-Steuer-Kollegium u. s. w. Mit Aufhebung 
der Lehns-Verfassung wurde für die noch zu 
bearbeitenden Lehnssachen ein einziger Lehnhof 
zu Kassel eingerichtet durch Verordnung vom 22. 
Dezember 1848, § 5 57 ). 
Außerhalb des Rahmens dieser Darstellung 
muß es liegen, die Thätigkeit der neuen Be 
hörden auch annähernd zu schildern, und gleicher 
Weise muß hier die ruhmreiche Geschichte des 
Ober-Appellations-Gerichts zu Kassel, welches 
nicht nur höchste Gerichtsbehörde des Landes, 
sondern auch Gerichtshof für die Entscheidungen 
auf Minister-Anklagen wegen Verfassungs-Ver 
letzung war, übergangen werden. Ein Theil der 
aufgeführten Behörden verblieb im Renthofe und 
hat sich daselbst bis zur Einverleibung des Kur 
55) S. namentlich Winkelmann a. O. Th. I S. 281; 
„Zwischen besagtem Gebäu (dem fürstlichen Marstall) ist 
recht gegen dem Schloß über ein schöner weiter Platz mit 
einer steinernen Spatziergangs-Lauben, woselbst vor diesem 
eine schöne Kirche, die Altstätter Kirche genannt, gestanden. 
Nicht weit hiervon auch gegen dem Schloß über an der 
Brüder-Kirchen liegt das 6o1Isbiuin Adelphicum, so vor 
mals ein Kloster von L. Henrichen dem Ersten im Jahr 
1272 gestiftet, hernach von Herrn L. Moritzen zu einer 
Fürsten-Schul oder Collegio illustri verordnet, darinnen 
aber nunmehr die Geheimden- und Land-Canzleyen, wie 
auch die Steuer-Forst-?rssb^teria1-Landgerichts- und Berg- 
Stuben sich befinden, davon in III u. V Theilen mit 
mehreren gehandelt wird; daran das von Herrn Landgraf 
Wilhelmen erbauete und im Jahr 1580 den 20. November 
mit großen Lolonnisn eingeweihete Fürstliche Regierungs- 
Canzley, Oovsistorial- und Renthcammer-Gebäu, darunter 
das Fürstliche Münz-I-uboratorin in, neben der Renthcammer 
aber oben die Usäioinal-Stube, auch dahinter ein lustiges 
Gärtlein an der Fulda ist, welches alles ganz steinerne 
hohe und solche Gebäue sind, daß ein Fürst mit Reputation 
darinnen wohnen könnte." 
5b) Sannnlung von Gesetzen u. f.' w. für Kurhessen, 
Bd. III I. 1821, S. 29 fg. 
57) Ebendas. Bd. XI, I. 1848, S. 278. 
fürstenthums Hessen in die preußische Monarchie 
befunden. In Folge der nunmehrigen Ver 
änderungen und insbesondere der Vergrößerung 
einiger Behörden wie der Regierung, welche jetzt 
für den ganzen Regierungs-Bezirk Kassel bestimmt 
die in den ehemaligen Provinzen bis dahin ihren 
Sitz gehabt habenden Regierungs-Behörden in 
sich aufgenommen hat, wurde diese in ein be 
sonderes Gebäude verlegt, das bisherige Staats- 
Ministerium. Bald tauchte aber die bereits zu 
hessischen Zeiten entstandene und dann fallen 
gelassene Idee wieder auf, die Behörden der 
Justiz und der Verwaltung in einem Gebäude 
zu vereinigen. Nach Ausführung dieses groß 
artigen Plans an Stelle der ehemaligen Katten- 
burg ist der Renthof von allen Behörden, welche 
Jahrhunderte daselbst gewirkt, aufgegeben worden. 
Nur verblieben ist darin das Konsistorium, 
wobei zu bemerken ist, daß nach Allerhöchstem 
Erlaß vom 13. Juni 1868 eine Vereinigung der 
drei evangelischen Konsistorien in Kassel, Mar 
burg und Hanau zu einem gemeinschaftlichen 
Konsistorium in Marburg, und sodann nach 
Allerhöchstem Erlaß vom 24. April 1873 dessen 
Verlegung nach Kassel erfolgte.^) 
Außerdem kamen aber in den Renthof die 
Steuerkassen zum größeren Theile, ferner die 
Katasterämter, diese in das ehemalige Kloster- 
Gebäude, und endlich sind in Letzterem der 
Polizei Räumlichkeiten überwiesen zur Unter 
bringung der von ihr festgenommenen und ver 
hafteten Personen, zu welchem Zwecke die Fenster 
zum unteren Theile zugemauert und darüber mit 
Eisenstäben versehen sind. — 
Mit Ehrfurcht blicken wir auf den großen 
und umfangreichen Bau, welcher so lange Zeit 
der Mittelpunkt war, von dem aus für unser 
engeres Vaterland die ganze Staats-Maschine in 
weltlichen und geistlichen Dingen in Bewegung 
gesetzt und betrieben wurde, und getrösten uns 
der zuversichtlichen Hoffnung, daß die demselben 
Seitens der Königlichen Regierung zugewandte 
Fürsorge in Erhaltung geschichtlicher Denkmale, 
wie des bereits oben gedachten Brunnens und 
sodann der Inschriften im ehemaligen Regierungs 
Zimmer, 5!) ) fortdauern, umsomehr als der Rent 
hof durch den Verbleib des Konsistoriums und 
das Hinzukommen einiger anderer Behörden auch 
heute noch eine nicht zu unterschätzende Stellung 
einnimmt. 
5^) Preuß. Ges.-Sammlung v. 1868 S. 583 u. v. 1873 
S. 184. 
5») Mittheilungen des Vereins f. Hess. Geschichte u. 
Landeskunde I. 1880, H. III S. 30.
	        

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