Full text: Hessenland (4.1890)

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2. Der Lehenhof. Gemäß der Verordnung 
Philipps des Großmüthigen vom 6. Mai 1553 48 ) 
hatte die Regierung zu Kassel — nicht auch die 
zu Marburg und Rinteln — die Besorgung von 
Lehns-Sachen, Regelung aller Lehen und Er- 
theilung aller Lehnsbriefe im ganzen Hessenlande,. 
jedoch waren für die dazu nöthigen Geschäfte 
noch ein Lehns-Sekretär und ein Lehns-Schreiber 
bestellt. Die Regierung zu Kassel war demnach 
als solche Lehenhof und sollte die Lehns-Sachen 
in pleno vornehmen, wie durch gnädigste Re 
solution des Landgrafen Karl vom 13. Februar 
1726 49 * * ) eingeschärft wurde, aber es blieb doch 
in Uebung nur einzelnen Räthen die Lehns- 
Sachen besonders zu übertragen. Mit dem 
Hinzukommen der Gebiete von Hanau und Fulda 
fungirten auch die dortigen Regierungen als 
Lehenhöfe. 
3. Das Ober-Appellations-Gericht. 
Schon Kaiser Maximilian II. hatte unterm 
4. April 1575 den vier Gebrüdern: Wilhelm, 
Ludwig, Philipp und Georg, Landgrafen zu 
Hessen, die Freiheit ertheilt, daß aus den 
hessischen Landen keine Apellation von dem 
Reichskammergerichte angenommen werden solle, 
wenn nicht die Sache über 600 Goldgulden werth 
wäre. ^°) Die Entscheidung der danach in höchster 
Instanz in Hessen abzuurtheilenden Sachen lag 
dem Ober-^ppollation- oder Uevwion-Gericht 
ob, welches aus der Kanzlei gebildet und „des 
jhars zu drehen gewissen zeitten" im Kanzlei 
gebäude gehalten wurde. Nach der Kanzlei- 
Ordnung Wilhelm's IV. von 1581 (8 24) sollte 
dasselbe in jeder Woche Freitags gehalten und 
dazu zwei der Räthe von der Kanzlei durch den 
Statthalter oder Kanzler abgeordnet werden.") 
Vom Kaiser Ferdinand III. wurde die Appellations 
Summe für die Hessen-Kassel'schen Lande auf 
1000 Goldgulden erhöht. Zugleich wurde die 
bisherige Einrichtung von dem Landgrafen 
Wilhelm VI. abgeändert. Derselbe sagt darüber 
in einem Erlasse vom 3. April 1656, 52 ) daß er 
bei Antretung seiner Regierung (1650) „ein 
eygen absonderlich Ober-äppeUation-Gericht ahn 
gerichtet, nachher aber nach weislicher Ueberlegung 
wieder aufgehoben habe," weil nämlich die be 
stellten Räthe auch zu anderen Staatsgeschäften 
hätten herangezogen werden müssen und dadurch 
überlastet worden wären, und bestimmte, daß die 
Appellationen gegen die Regierungen zu Marburg 
und Rinteln von der Regierung zu Kassel, die 
<8) L. O. I S. 448. 
*9) L. O. III S. 989. 
so) L. O. II S. 301. 
ei) L. O. I S. 447. 
52) L. O. II S. 310; vgl. Kopp, Handbuch Th. VII 
S. 129 u. Gerichts-Berf. Th. I S. 294. 
gegen letztere dagegen „durch absonderlich hierzu 
Oeputirte Räthe und 6ommi88arien" entschieden 
werden sollten. 
Kaiser Karl VII. verlieh am 7. Dezember 1742 
dem Hause Hessen-Kassel ein unbeschränktes Privi 
legium de non appellando und hob damit die 
Appellation an die Reichsgerichte völlig auf. 
In Folge dessen wurde vom Landgrafen 
Friedrich!, (zugleich König von Schweden) 
durch Edikt vom 26. November 1743 wieder ein 
besonderes Ober-Appellations-Gericht 
als höchste Justizbehörde für das ganze Land 
eingeführt, das seine Thätigkeit im Jahre 1746 
eröffnete, von welchem Jahre (15. Februar) auch 
die Ober-Appellations-Gerichtsord- 
n u n g datirt. 53 ) 
Endlich befand sich in dem Kanzlei-Gebäude, 
bezw. daneben: 
4. eine sehr umfangreiche Ober-Behörde, ver 
schiedenfach titulirt: zuerst Fürstliche Rent 
kam m er nach der Rentkammer-Ordnung vom 
1. März 1568, dann Kriegs- und Domänen 
kammer nach allerhöchster Anordnung bezw. 
Regierungs-Ausschreiben vom 8. April 1760 und 
später Ober-Rentkammer nach Resolution 
bezw. Regulativ vom 5. Februar 1789.") Die- 
elbe besorgte, wie es in der topographischen Be- 
chreibung Kassels von 1805 (S. 342) kurz zu- 
ammengefaßt heißt: „Alles was die Einkünfte 
>es Landes und die herrschaftlichen Ausgaben 
betrifft, darunter alle berechnete Beamte, die 
herrschaftlichen Pachtungen, die Dienst-, Teich-, 
Fisch-, Hut- und Zehend-Sachen." Die Zu 
sammensetzung der genannten Behörde geht aus 
den zuerst angeführten Verordnungen nicht hervor, 
nach dem Regulativ von 1789 bestand sie aus 
dem Präsidenten, sechs Räthen mit dem Titel: 
Ober-Kammerräthe bezw. Geheime Kammerräthe, 
und zwei Assessoren als eigentlichen Stock, womit 
dann verbunden waren ein Forst- und Jagd-, 
ein Berg- und ein Bau-Departement mit je 
einem Rath bezw. Direktor, sowie die Domänen 
kasse nebst einer Mehrzahl von Subaltern- und 
Unterbeamten, und zählte im Ganzen 39 Personen. 
Daneben bestanden und hielten ebenfalls in dem 
nach obiger Behörde benannten Renthofe ihre 
Sitzungen das ursprünglich selbständige, später 
mit der Domänenkammer verbundene Ober- 
Jagd-Forst amt und zwei in ihrer Selbständig 
keit verbliebene Behörden, das Bergraths 
und das Steuer-Kollegium. Das Ober- 
Jagd - Forstamt befand sich im ehemaligen 
Kloster-Gebäude, das Bergraths-Kollegium im 
55) L. O. IV S. 852 fg.. 922 fg. 
54) L. O. I S. 838 fg., VI S. 9. VII S. 322.
	        

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