Full text: Hessenland (4.1890)

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Nummer Hreizehn. 
Eine Dorfgeschichte aus Niederhessen, dem Leben nacherzählt 
von A. Weröenmüller. 
(Fortsetzung., 
III. 
In der Stadt ist es am selben Abend un 
gewöhnlich lebhaft. Das kommt daher, daß die 
Soldaten in der Nacht vorher aus dem Manöver 
zurückgekehrt sind und nun überall an Straßen 
ecken und Thorfahrten mit ihren Mädchen zu 
sammen stehen. Auch der Konrad Mai geht 
dem großen Hause zu, in dessen erstem Stock 
werk sein sogenannter Schatz, die Lene, dient. 
Er ist ein schlanker Bursch mit einem auffallend 
hübschen Gesicht, und die Husarenuniform steht 
so gut zu ,feinen lustigen blauen Augen und 
dem braunen Krauskopf, daß sich schon andere 
Leute als Dienstmädchen nach ihm umgedreht 
haben. Jetzt sieht er ein wenig zerstreut aus. 
Sein Rittmeister hat ihn für den anderen Tag 
zu sich bescheiden lassen, und da er sich gar nicht 
denken kann, was der mit ihm zu sprechen hat, 
so ist ihm die Erwartung peinlich. Und dann 
hat er noch etwas anderes Unangenehmes vor 
sich: er will sich von der Lene für immer ver 
abschieden. Schmerz bereitet ihm diese Absicht 
nicht, aber es ist doch leicht möglich, daß die 
Lene seine guten Gründe nicht gleich einsieht. 
Langsam steigt er die Treppe hinauf und ist so 
mit sich beschäftigt, daß er das Dienstmädchen, 
welches ihm auf dem ersten Absatz begegnet, erst 
erkennt, als es schon vorbeigelaufen ist. „War 
das nicht das Bärbchen?" murmelt er für sich. 
„Dient das jetzt etwa auch hier im Haufe?" 
Dann zieht er rasch entschlossen die Schelle. Es 
dauert lange, bis ihm geöffnet wird. Als end 
lich Schritte von der Küche her kommen, sind 
es nicht die flinken der Lene, sondern schwere, 
dröhnende. Ein ältlicher Mann in der Uniform 
eines Eisenbahnschaffners macht auf und be 
trachtet ihn erstaunt: 
„Sie wünschen?" 
„Ist die Lene nicht da?" 
„Sie holt eben Bier im Keller. Soll sie 
etwas?" 
Konrad reizt die Frage zum Lachen. „Nein, 
ich wollte ihr blos —" da kommt sie auch schon 
mit zwei Flaschen die Treppe heraufgestürzt. 
„Ach, Sie finds, Herr Mai? Glücklich wieder 
aus dem Manöver zurück? Ein Bekannter aus 
meinem Ort, Karl! — Da nimm die Flaschen 
mit in die Küche, ich muß hurtig Herrn Mai 
etwas von zu Hause erzählen, gleich bin ich 
wieder oben." 
Wie ein Wasserfall kommt es von den Lippen des 
gewandten Mädchens, und ehe sich's Konrad versieht, 
steht er wieder unten in der düstern Thorfahrt, 
und Lene erzählt ihm athemlos, daß der Karl 
Schneider ein Wittwer, aber ein sehr ordentlicher 
Mann sei, und daß sie im Januar Hochzeit mit 
ihm halten würde. „Siehst Du. ich bin schon 
vierundzwanzig, da kann ich doch nicht mehr 
gut warten," schließt sie offenherzig, „und bei 
einem Schaffner ist ein fester Gehalt und nach 
her eine kleine Pension, ich wäre ja unsinnig 
gewesen, wenn ich nicht zugegriffen hätte. Nimmst 
Du mirs sehr übel?" 
„Nein, im Gegentheil!" fährt es dem Konrad 
heraus, und so erleichtert athmet er dabei auf, 
daß die Lene ihn doch etwas verwundert ansieht. 
Und weil sie bei der Gelegenheit bemerkt, daß 
der Konrad viel hübscher als ihr Karl ist, sagt 
sie ein wenig gereizt: „Du tanztest doch immer 
am liebsten mit mir!" Konrad nickt. „Ja, 
das that ich. Aber Tanzen und Heirathen ist 
zweierlei. Deshalb mach Dir um mich keine 
Sorgen, meine Dienstzeit ist ja ohnehin jetzt 
vorbei." „Ah und da kommt Dir Dein altes 
Heubacher Schätzchen wieder in den Sinn? Na, 
mir solls recht sein,. Wenns Dich noch mag, wer 
weiß aber, ob ihm das Warten auf Dich nicht 
auch zu langweilig geworden ist." 
Lachend springt sie die Treppe hinauf und 
während der Husar leise pfeifend zur Kaserne 
zurückkehrt, berichtet sie ihrem Bräutigam, sie 
habe dem Mai einen Gruß an seinen Schatz, 
einem Mädchen aus ihrem Dorf, auszurichten 
gehabt, mit welcher Erklärung, begleitet von 
einem ansehnlichen Wurstenbrot, der Arglose sich 
zufrieden giebt. — 
Am anderen Morgen steht Konrad vor seinem 
Rittmeister in dessen reichausgestattetem Arbeits 
zimmer und fühlt sich freundlich angemuthet von 
dem wohlwollenden Ton, in dem der ernsthafte 
Herr seine Zufriedenheit mit seinem Verhalten 
während der dreijährigen Dienstzeit ausspricht. 
„Sie haben ein anstelliges, manierliches Wesen, 
Mai, und wissen gut mit Pferden umzugehen, 
was gedenken Sie jetzt zu thun, wenn Sie, wie 
ich höre, durchaus nicht weiter dienen wollen? 
Sind Sie zu Hause nöthig?" 
„Nein, Herr Rittmeister, aber ich dachte, Herr 
von Heiden, bei dem ich früher als Knecht war, 
nähme mich vielleicht wieder."
	        

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