Full text: Hessenland (4.1890)

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sessel sitzend und umgeben von seinen getreuen 
Beamten eine auf die Eröffnungs-Festlichkeit be 
zügliche Urkunde aus der Hand des Vizekanzlers 
Dr. Hund in Empfang nimmt und enthält 
daher nicht bloß Statthalter, Kanzler, Vize 
kanzler und die zur fürstlichen Kanzlei gehörigen 
geheimen Räthe, sondern auch die obersten Hof- 
und Militär-Beamten nebst einer Anzahl höherer 
Verwaltungs-Beamten des Landes. Fürstlicher 
Rath und Kanzlei bildeten hiernach eine Be 
hörde. Die fürstlichen geheimen Räthe waren 
zugleich Mitglieder der Kanzlei und hatten in 
derselben den Vorrang, bzw. Vorsitz vor den 
übrigen Räthen, den Kanzlei-Räthen. 
Eine Kanzlei-Ordnung war bereits unter 
Philipp dem Großmüthigen ausgearbeitet und 
zwar für die beiden Kanzleien zu Kassel und 
Marburg, im Wesentlichen nur Lehens-, Zunft- 
Sachen u. dgl., Bußen und Bauten in den 
Kanzleien in sieben Absätzen enthaltend und datirend 
vom 6. Mai 1553, kam jedoch erst nach der 
gedachten Einweihung des neuen Kanzlei-Ge 
bäudes zu Kassel zur Veröffentlichung (am 25. 
April 1581. bb) Aus derselben verdient im 
Näheren Folgendes hervorgehoben zu werden. 
An der Spitze als Titel I mit der Ueberschrift: 
„Welche Zeit in Rath zu gehen" stehen die Vor 
schriften über den Beginn der Geschäftsstunden, 
welche der Gegenwart sehr zuwider laufen. Es 
sollten nämlich „Statthalter und alle zur Cantzley 
verordneten Räthe, auch Secretaire und Schreiber" 
sich Morgens im Sommer, d. h. von Petri bis 
Michaelis, um 6 Uhr und im Winter, also von 
Michaelis bis wieder Petri, um 7 Uhr und 
Nachmittags das ganze Jahr hindurch um 1 Uhr 
in der Kanzlei einfinden vnd alle dort vor 
kommenden Geschäfte abmachen und verbleiben, 
bis zu Hofe geläutet werden. Der letzte Zeit 
punkt ist nicht näher angegeben, wahrscheinlich 
als damals allgemein bekannt. Sollte einer mit 
Leibes Schwachheit behaftet sein oder eine ehr 
hafte Verhinderung haben, so mußte er es dem 
Statthalter oder Kanzler zeitig anzeigen, damit 
sein Ausbleiben keine Störung veranlasse. 
In den folgenden Titeln, II—XI, wird die 
geschäftliche Behandlung der Suppliken und der 
eingehenden sonstigen Briefe besprochen, sodann 
die Art der Verhandlung in den einzelnen der 
Kanzlei zugewiesenen Sachen, nämlich Fürstliche 
Privat-Sachen, Land-Sachen (Landes-Sachen) 
und gerichtliche Sachen, ferner die Thätigkeit der 
Secretäre u. s. w. 
In Gerichts-Sachen war, wie schon bemerkt, 
die Kanzlei vorzugsweise zweitinstanzliches Ge 
richt, daneben aber jedenfalls für wichtige Fälle 
erstinstanzliches. Als Appellations-Behörde kon- 
kurrirte übrigens die Kanzlei mit dem von 
Wilhelm II. dem Mittleren eingesetzten Sammt- 
Hofgericht zu Marburg, indem entweder 
an dies letztere oder „so es dem Appellanten vmb 
Verhütung großen vnkostens oder anderer vrsachen 
halben gelegen" an die Kanzlei appellirt werden 
konnte. 8 ') 
Wesentliche Aenderungen wurden durch die 
Kanzlei-Ordnungen Wilhelm's V. vom 14. Mürz 
1628, Wilhelm's VI. vom 20. März 1656 und 
Karl's vom 9. Mai 1713 3ä ) herbeigeführt. 
Danach waren einmal die Dienst-Stunden stets 
Morgens von 7—10 Uhr und Mittags 1—4 
Uhr. Ferner waren mehrere Sachen bezeichnet, 
die vor die Kanzlei als erste Instanz gebracht 
werden sollten, wie Ehe-Sachen, Landfriedens 
bruch-Sachen, Pfändungs-Sachen, d. h. „da sich 
zwar der Possession eines Guts oder Gerechtig 
keit zugleich anmaßen, dahero Pfändung vnd 
ander Verrath zu besorgen," auch andere Sachen, 
wenn die Untergerichte das Recht versagten oder 
verzögerten. Sodann ist genauer das Verhältniß 
der Mitglider des Kollegs zu einander hervor 
gehoben. In Tit. I 8 3 der Kanzlei-Ordnung 
von 1656 heißt es deshalb: 
„Wann der Statthalter vnd Cantzlar ahn 
wesend, präsidirt jener und dieser führt das 
Directorium. Falß aber ihrer einer oder 
ander ehehafften oder Geschäfte halber ab 
wesend vnd eben bey der Cantzley nicht zur 
stelle were, Soll vf beschehene Notifikation 
der nehistfolgende von den adelichen Richtern 
des Statthalters oder Praesidenten, vnd der 
Vice-Cantzlar, oder in dessen Abgang der 
nehiste von den gelehrten des Cantzlars stellen, 
Unterdessen wahren vnd vertreten." 
und im weiteren Verlaufe werden die Geschäfts 
kreise der a d e l i g e n oder fürstlichenRäthe, 
gegenüber denen der gelehrten oder eigent 
lichen Kanzlei-Räthe, später auch Re- 
gierungs-Räthe genannt, bestimmt, indem 
erstere vorzugsweise die landesherrlichen Privat- 
Sachen, letztere die Prozeß-Sachen haben sollten. 
Aus dieser Zusammensetzung erklären sich die 
Titulaturen, wie verschiedene Akten im Mar- 
burger Staats-Archive ergeben. In Beschlüssen 
heißt es: 
„Zu deren Cantzley (oder später Regierung) 
verordnete Praesident, Cantzlar, Vice-Cantzlar 
und Räthe " * * 35 
84 ) Also bei der Kanzlei geringere Kosten, vgl. Cantzlei-O. 
v. 1628 und 1656 Tit. IX § 1. L. O. II S. 17,288. 
35) L. O. II S. 10 sg., 275 fg.; III S. 709. - Die 
von Moritz v. 1. Zanuar 1613 war nur für die Kanzlei 
zu Marburg bestimmt: L. O. III S. 113. 
3») L. O. 1 S. 438—448.
	        

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