Full text: Hessenland (4.1890)

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der damaligen Schreibweise die römischen Zahl 
zeichen von 1618 enthalten sind: 
Hoc opus ex voto seris memorabile sedis 
Mauritius primus condidit author opus. 
Hic pietas artesque togae Martisque Minerva 
Docta probe sedem gaudet habere suam. 
0 patris hoc patriae monumentum fulminis exors 
Tutela aeternum stet maneatque Dei. 
ConsILlo CLarens CLarens VlrtVte LyOeVM. 26 ) 
Die Errichtung des Zwischenbaues läßt, da 
nunmehr beide Theile des Renthofes mit ein 
ander in Zusammenhang kamen, es zweckmäßig 
erscheinen, vor Weiterführuug der jetzt gemein 
samen Geschichte die besondere des zweiten Theils 
darzustellen. 
II. Der östliche, nach der Fulda hin ge 
legene Flügel des Renthofs ist jedenfalls späteren 
Ursprungs und stets Sitz von Behörden und 
zwar höheren Behörden gewesen. Wann derselbe 
zuerst angelegt worden, läßt-sich nicht mit Be 
stimmtheit sagen; ebensowenig läßt sich die von 
anderer Seite ausgesprochene Annahme nach 
weisen, daß an dieser Stelle ursprünglich fürst 
liche Rentgebäude, also Gebäulichkeiten mit den 
Geschäfts-Räumlichkeiten, vielleicht auch Woh 
nungen für die mit Erhebung der an den Landes 
herrn zu entrichtenden Abgaben betrauten 
Beamten, gestanden haben. Dagegen ist die An 
sicht, daß dort die unterste Gerichtsbehörde, der 
sog. Schultheisenhof, sich befunden, widerlegt 
und nachgewiesen worden, daß dieser auf dem 
ältesten Gebiete von Kassel in der Nähe des 
jetzigen Packhofs bei der damaligen Mündung 
der Ahne in die Fulda gestanden. 21 ) 
In wichtigeren Sachen, Zivil- wie Kriminal- 
Sachen erkannte das Landgericht, 2 ^ und 
dies befand sich, da bekanntlich Kassel ursprüng 
lich Kirchditmold (Dietmelle) als angesehnerem 
Orte in verschiedenen Richtungen unterstellt war, 
zu Kirchditmold und hat dortselbst bis zur Mitte 
des 15. Jahrhunderts bestanden unter der Be 
nennung : Tribunal major Comitatus Hassiae 
oder 
„daz ubirste Gericht waz sich an Hals vnd 
an Hand gecridt." 29 ) 
*6) Schminke a. O., S. 219. 
* 7 ) Vgl. Stölzel's Aufsätze in der Vereins-Zeitschrift, N. 
F. Bd. IV S. 94 fg.. Bd. V, S. 94 fg. 
28) Landgericht hat zu verschiedenen Zeiten und an ver 
schiedenen Orten verschiedene Arten von Gericht bezeichnet, 
nämlich einmal höhere Gerichte und sodann Gerichte für 
die Landgemeinden. 
2») Kapp Hess. Gerichts-Verfassung Th. I S. 283 fg., 
woselbst eine Urkunde vom 26. März 1247 erwähnt wird, 
wonach die Brüder Hermann und Heinrich von Wolfers 
hausen anzeigen, daß mit Rücksicht aus ihre dem Erzbis- 
thum Mainz und der Kirche geleisteten Dienste, der Erz 
bischof (Siegfried) von Mainz ihnen auf Widerruf die 
In der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts wird 
ein Landgericht zu Kassel erwähnt als 
„Gericht im Renthofe zu Kassel." 2 ") 
Aber weder über die bauliche Beschaffenheit des 
damaligen Renthof-Gebäudes, noch über die Ein 
richtung des darin thätigen Gerichts wird uns 
irgend etwas mitgetheilt. In seiner späteren Ge 
stalt wurde dasselbe unter Landgraf W i l h e l m IV. 
dem Weisen aufgeführt im Jahre 1579 
mit der Bezeichnung Kollegienhof oder 
Kanzlei-Gebäude als Sitz eines oberen 
Gerichts und zwar vorzugsweise zweiter, da 
neben für gewisse Sachen erster Instanz. 
Appellations-Gerichte oder Oberhöfe waren im 
Mittelalter meist die Gerichte anderer größeren 
Orte bzw. auswärtige Schöppenstühle. Diese 
den' Landesherrn nicht zusagende Einrichtung 
wurde durch Einsetzung besonderer höherer Ge 
richte allmählich beseitigt. In den vom Land 
grafen Hermann der Stadt Kassel gegebenen 
Statuten von 1384 3 * * S. * *) heißt es: 
„Ouch ist ez daz ein Orteil gefunden adir 
gesprochen wirbt, daz man scheiden will adir 
schildet mit Beruffunge. Die sol man tun 
zu vns vnd zu unserem Rade." 
Berufungs-Instanz war also der Landesherr 
mit seinen Räthen, und hieraus entwickelte sich 
ein eigentlicher Appellations-Gerichtshof, die sog. 
geheime Kanzlei. Dieselbe war anfänglich 
in Anlehnung an den fürstlichen Rath im landes 
herrlichen Schlosse, dann seit 1526 in dem von 
einer Frau von Boyneburg (1510) errichteten 
und später von Philipp den Großmüthigen er 
kauften Gebäude, dem nachherigen Marstalle. 
Doch mochte bald auch dies nicht geeignet er 
scheinen und siedelte die Kanzlei über in das 
inzwischen vollendete Kanzlei-Gebäude im Rent 
hofe, woselbst am 20. November 1580 unter 
großen Feierlichkeiten die erste Sitzung stattfand, 
zu deren Erinnerung das große Oelbild im 
dermaligen Sitzungssaale des Konsistoriums ange 
fertigt wurde.' 2 ) Das Bild stellt den Augen 
blick dar, wo der Landgraf auf einen Thron 
Gerichtsbarkeit ertheilt habe (dimisit) „et specialiter 
jurisdictionem super villam Dyetmelle que Oberste 
gericht vocatur“, vgl. auch da S. 306; Gudenus Cod. 
Diplomat. T. I pag. 597 sq. 
so) S. Stölzel's Aufsätze, Note 27 und Stölzl: Ge 
lehrtes Richterthum Th. I S. 326 Note 8, S. 389; Th. II 
S. 117, an welchen Stellen u. A. Bezug genommen wird 
auf Prozeß-Akten des Elisabeth-Hospitals zu Kassel gegen 
den Müller Rübing zu Altenritte v. Z. 1484, worin beide 
Theile die Entscheidung der fürstlichen Räthe anrufen, nach 
dem zuvor im Renthofe zu Kassel ein Beweis-Znterlocut 
ergangen war. 
SY Sammlung Fürst!. Hess. Landes-Ordnungen Th. I 
S. 5 und 6. 
82) Näher beschrieben von Dr. Bernhardt in der Ver 
eins-Zeitschrift, N. F. Bd. III S. 367 fg.
	        

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