Full text: Hessenland (4.1890)

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Drum soll der Thurm ein Denkmal sein 
Marburgs getreuen Söhnen, 
Es soll ihr Ruhm, landaus, landein 
Durch alle Zeiten tönen! — 
Wie wird der neue Thurm genannt? 
Den Kaiser noch zu preisen, 
Der wie ein Thurm im Sturme stand, 
Soll „Wilhelm s thu ritt“ er heißen. 
Wer sah in Schlachtenwettersturm 
Den großen Kaiser zittern? 
So stehe fest, du Wilhelmsthurm, 
In Sturm und Ungewittern! 
Von unserem hochgeschätzten Mitarbeiter Carl 
Preser — dem das „Deutsche Dichterheim" jüngst 
das Lob streute, sich wegen des Märchens vom 
Soldatenverkaufe um die hessische Geschichtsschreibung 
ein großes Verdienst erworben zu haben*) — ist im 
September-Heft des „Hausbuchs deutscher Lyrik" ein 
wohlgelungenes Portrait erschienen mit einer von 
Hermann Kiehne geschriebenen „Porträtzeichnung", 
welche die „hohe Begabung" des „gefühlsinnigen, 
gedankentiefen Lyrikers" rühmt. Wegen eines Punktes 
müssen wir jedoch der Feder Kiehne's nachhelfen. 
Preser hatte seine hessische Heimath nicht verlassen 
um sie zu verlassen, sondern weil sein alter 
Herr, der Kurfürst, auch nach den Ereignissen von 
1866 seine Dienste forderte, worauf er mit in die 
Verbannung nach Böhmen zog. Dies kennzeichnet 
auch der Dichter selber im vierten Buche seiner Ge 
dichte, „Im Exil", dem er das Motto voransetzt: 
„Im Glück nicht untreu, und im Unglück treu, 
Das pflege reuelos und ohne Scheu." 
Bei dieser Gelegenheit wollen wir von einem Aus 
spruche Richard Zoozmann's Notiz nehmen, der in 
der letzten Nummer der „Literarischen Blätter" von 
unserem hessischen Landsmann sagt: „Wer seine Ge 
dichte zur Hand nimmt, kommt zu seinem Rechte 
und zu der Erkenntniß, daß er hier etwas vorgesetzt 
erhalte, das himmelhoch verschieden ist von vielen 
unserer Goldschnittslyriker. Preser berechtigt zu dem 
Namen eines ernsten reifen Künstlers von wahr 
haftiger Gesinnung. Frisch auf zu weiterem Schaffen!" 
Kassel. Vor einiger Zeit sahen wir hier im 
Kun st hause einige bedeutende Arbeiten unseres 
Landsmannes des Porträt- und Genremalers 
Johannes Joh. Kleinschmidt. Da fiel vor 
Allem das lebensgroße Bildniß einer jungen Frau 
in schwarzem Atlas (Kniestück) auf. Die Dame ist 
leicht in einen Plüschstuhl gelehnt dargestellt. Das 
Bild ist außerordentlich schön und wirkungsvoll ge 
malt, die ganze Auffassung und Durchführung eine 
durcbaus vornehme. Der Kopf ist fein individualisirt, 
*) Siehe „Hessenland" Nr. 1—5 vom Jahre 1888. 
die Gesammtwiedergabe plastisch lebensvoll. Der 
Kopf eines alten Mannes spricht den Beschauer 
förmlich an; die Charakteristik bäuerlicher Gutmüthig- 
keit ist trefflich gelungen. Die Bildnisse eines älteren 
und eines jungen Mannes, sowie ein Studienkopf 
(Tyrolerin) bezeugen ebenfalls die Meisterschaft 
Kleinschmidts auf das Beste. — An derselben 
Stelle hatte bis vor Kurzem ein anderer einheimischer 
Künstler, Th. M a t t h e s, ein interessantes Straßen 
bild ausgestellt (Stück der Königsstraße in Kassel am 
Friedrichsplatz in Regenstimmung), das ausge 
zeichnete Anerkennung verdient. 
_ #. 
Wie wir in der „Kasseler Allgemeinen Zeitung" 
lesen, wird demnächst im Verlage von A. Freyschmidt 
in Kassel „Der Apostel der Deutschen, ein 
Vo l ks bühne ns p iel von vr. Wilhelm Falken 
hein e r erscheinen. 
Universitätsnachrichten. An Stelle des 
am 1. Oktober an die Universität Göttingen über 
siedelnden Geheimen Medizinalraths Professor vr. 
Schmidt-Rimpler ist der Privatdocent in Berlin vr. 
med. Uhthof als ordentlicher Professor der Augen 
heilkunde nach Marburg ernannt worden. — Dem 
Vernehmen der „Oberhessischen Zeitung" zufolge 
wird an der Universität Marburg mit dem Beginn 
des bevorstehenden Wintersemesters eine Klinik für 
Kehlkopfs-, Nasen- und Ohrenleiden errichtet werden, 
und soll zu deren Leitung bereits Professor vr. Barth 
von Berlin berufen worden sein. — Der Profesior 
der Theologie vr. Schürer in Gießen hat einen 
Ruf an die Universität Kiel erhalten und ange 
nommen. — Der Professor für romanische Literatur 
vr. Hermann Suchier in Halle, geborener 
Kurhesse, hat den an ihn ergangenen ehrenvollen 
Ruf nach Leipzig an Stelle des verstorbenen Professors 
Ebert abgelehnt. 
Todesfälle. Am 25. August wurde zu St ettin 
ein verdienstvoller, hochangesehener und allgemein be 
liebter Offizier, der Generalmajor z. D. Wilhelm 
Bauer, ein geborener Kurhesse, zur letzten Ruhe 
bestattet. Geboren im Jahre 1819 zu Hersfeld als 
Sohn des damaligen Majors und Bataillons-Kom 
mandeurs im kurhessischen Infanterie-Regiment Prinz 
von Solms, nachmaligen kurfürstlich hessischen General- 
Lieutenants und Divisionärs I. Philipp Bauer, be 
kannt in der Kriegsgeschichte durch seine ruhmvolle 
Vertheidigung des Blockhauses zu Danzig im Jahre 
1613, widmete sich Wilhelm Bauer ebenso wie seine 
Brüder der Militärlaufbahn. Er besuchte das Ka 
dettenhaus zu Kassel, wurde im Dezember 1838 
Fähnrich in dem damals in Fulda garnisonirenden 
2. kurhessischen Infanterieregiment und durch Patent 
vom 20. Mai 1839 zum Seconde-Lieutenant in
	        

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