Full text: Hessenland (4.1890)

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kahlen Astenberge hin überschauend. Eine Aussicht, 
die sich in ihrer erhabenen Mannigfaltigkeit mit den 
bedeutendsten ihresgleichen in Mitteldeutschland messen 
kann.*) Aber auch der Thurm selbst ist ein Bau 
werk interessanter Art und reiht sich den Vorzügen 
seiner Umgebung in würdiger Weise an. Mit einem 
Flächeninhalt von 85 Quadratmetern im unteren 
Sockel erreicht derselbe bis zur Plattform eine Ge- 
sammthöhe von 33 Meter = 100 Fuß. Die der 
Stadt Marburg zugekehrte Seite bildet einen Halb 
kreis, die entgegengesetzte zeigt in der Grundform 
ein halbes Achteck. Vor dem eigentlichen Thurm 
körper erhebt sich ein 6 Meter hoher Rundgang mit 
Eckthürmchen, zu welchem zwei Freitreppen von 
außen und eine Treppe im Innern des Thurmes 
emporführen. Unterhalb der Brüstung dieses Rund- 
ganges sind das Reliefbild Kaiser Wilhelm I. sowie 
die Gedenktafeln mit den Namen der im Kriege von 
1870/71 gefallenen Söhne Marburgs eingefügt. 
Von hier aus führt eine bequeme mit 13 Podesten 
versehene Treppe im Innern des Thurmes zu 
der mit 8 kunstvoll gemalten Fenstern (ein 
Geschenk des Glasermeisters K. Schultz und 
Sohn) versehenes Thurmstube, von der man 
über weitere 28 Stufen zur Plattform gelangt, 
über welche hinweg sich noch um ein beträchtliches 
das mit einem Spitzdach und einem N. (Marburg) 
gekrönte Eckthürmcken erhebt. Von der Thurmstube 
ab kragt sich die Rundung des Thurmes zu einem 
Rechteck aus und der Aufstieg zur Plattform erfolgt 
durch das erwähnte an der Ostseite angebrachte Eck 
thürmchen. Mit dem Thurme verbunden bezw. an 
gebaut ist ein ebenfalls massives Wirthschaftsgebäude. 
Dasselbe enthält neben einem Restaurationssaal (54 
Quadratmeter Flächenraum) Küchen- und Keller 
räume, und ist an der der Stadt zugekehrten Seite 
mit schöner Veranda versehen. Vorkehrungen zur 
parkartigen Gestaltung der Thurmumgebung sind be 
reits getroffen. — Die Ausführung des Gesammt- 
baues erlitt u. a. eine ganz besondere Erschwerung 
dadurch, daß sämmtliches Baumaterial (mit Ausnahme 
der Steine, welche in dem etwa 30 Meter unter der 
Thurmsohle befindlichen fiskalischen Steinbruche ge 
wonnen wurden) aus der Stadt den steilen Bergab 
hang hinausgeschafft werden mußte. Das Wasser 
lieferte eine unterhalb des Steinbruchs und eine im 
sog. „Gefälle" entspringende starke Quelle. — Die 
Kosten des Gesammtbaues belaufen sich auf circa 
43 000 Mk., wovon bis dahin etwa 26 000 Mk. 
gedeckt werden konnten und zwar durch Uebernahme 
des früheren verzinslich angelegten Thurmbaufonds 
*) 3m Verlage der Universitäts - Buchhandlung von 
Oskar Ehrhardtin Marburg ist eine vortrefflich aus 
geführte .Rundsicht vom Kaiser - Wilhelms- 
Thurm auf Sp iegelslust" erschienen, auf die wir die 
Leser unserer Zeitschrift ganz besonders aufmerksam zu 
machen nicht verfehlen. Die Redaktion. 
mit 3772 Mark 89 Pfg., durch freiwillige Zeichnungen 
und Büchsensammlungen 13 976 Mark 41 Pfg., so 
wie durch einen Zuschuß der Stadt in Höhe von 
6000 Mark. Zu decken bleibt demnach noch die er 
hebliche Summe von etwa 16 000 Mark. — Das 
auf der vorderen Seite des Thurmes unterhalb des 
ersten Rundganges eingelassene Lorbeer- und Eichen 
laub umrankte Reliefbild Kaiser Wilhelm I. ist ein 
Meisterwerk der Bildhauerkunst und von dem durch 
seine Arbeiten am hiesigen neuen Universitätsgebäude 
u. a. her bekannten Bildhauer Schöneseiffer hier- 
selbst angefertigt; gleiches Interesse hinsichtlich ihrer 
Ausführung bieten auch die beiden von demselben 
Künstler angefertigten Gedenktafeln mit den Namen 
der 1870/71 gefallenen Krieger Marburgs. 
Hermann Haase in Marburg veröffentlichte 
in der „Oberhessischen Zeitung" zu der Einweihungs 
feier ein Gedicht, welches er auch gleichzeitig uns 
zum Abdrucke in unserer Zeitchrift, die dem geehrten 
Herrn Verfasser schon so manchen schätzenswerthen 
Beitrag verdankt, freundlichst zusandte. Wir lassen 
es hier zum Schlüsse unseres Artikels folgen: 
Kaiser Mkyelmstßurm 
auf 
Spiegelslust bei Marburg. 
Nun steht er doch*) der neue Thurm 
Und blickt stolz in die Lande; - 
Er trotzt dem Wetter und dem Sturm 
Und macht uns keine Schande. 
Er ist aus gutem Stein gebaut 
Und steht auf festem Grunde; 
Von seiner Zinne trunken schaut 
Das Auge in die Runde: 
Auf Stadt und Dorf im Heffenland, 
Auf Wald und Feld und Wiesen; 
Aus blauer Ferne, wohlbekannt, 
Der Berge Gipfel grüßen. 
Es ziert den Thurm des Kaisers Bild, 
Den Gott uns selbst erkürte, 
Der, Deutschlands Schwert und Deutschlands Schild, 
Von Sieg zu Sieg uns führte. 
Der einig uns und stark gemacht, 
Die Herzen uns entzündet, 
Den Namen Deutschland hoch gebracht, 
Das neue Reich gegründet. 
Auch trägt der Thurm elf Namen werth, 
Die Namen tapfrer Krieger, 
Die, uns beschützend Heim und Herd, 
Gefallen sind als Sieger. 
*) Dieses doch bezieht sich auf ein sr. Zeit im Mar- 
burger Tageblatt erschienenes Gedicht, im welchem der 
Wiederaufbau des Spiegelslustthurmes stark angezweifelt 
wurde. A. d. V.
	        

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