Full text: Hessenland (4.1890)

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von Münchhausen" kennt man von ihm noch ein 
Verzeichniß der Tassie'schen Gemmen, sowie eine, 
jetzt ungemein selten gewordene, Schrift: , Beytrag 
zur allerältesten und natürlichen Historie von 
Hessen; oder Beschreibung des Habichwaldcs und 
verschiedner andern Niedcrheßischen alten Bulcane in 
der Nachbarschaft von Cassel, Nebst einer Kupfer- 
Platte („Vulcanische Oefnung bey Franckenhausen in 
Nieder Hessen", gezeichnet und geaetzt von I. H. 
Tischbein jun: 1774.) Kassel 1774. 8° 76 Seiten. 
— Letztere Schrift enthält die Ergebnisse von Raspe's 
geognostischen Forschungen in Hessen, welche er im 
Aufträge des Landgrafen unternommen hatte; einige 
Zeit zuvor hatte er „eine gelehrte Reise in einige 
deutsche Provinzen zur Aufsuchung alter historischer 
Monumente thun müssen," und war noch im Spät 
sommer des Jahres 1774 ,im Begriff, in mancher 
ley ähnlichen Absichten eine größere Reise nach Italien 
anzutreten." Diese Reise scheint aber nicht zur 
Ausführung gekommen zu sein. Im Jahre 1794 
ist Raspe in Irland gestorben 
Der oben angeführte Steckbrief ist ein wahres 
Musterstück von Kanzleistyl des vorigen Jahrhunderts 
und giebt zugleich eine so außerordentlich plastische 
Schilderung des „Fugitivi“, daß ich ihn hier in 
seinem Wortlaute folgen lasse: 
„Steckbrief. Es ist der in dahiesigen Hoch- 
fürstl. Diensten gestandene Rath, Rudolf Erich 
Raspe, welcher aus Hannover bürtig, mittler 
Statur, mehr länglicht- als runden Gesichts, kleiner 
Augen, etwas großer gebogener spitziger Nase, rother 
Haare unter einer kurz nach dem Kopfe gebundenen 
Beutel-Pcruque, rothen Rock mit Gold, schwarzen 
tuchenem, blau manchestern und weiß grau zeugern 
Rock abwechselnd tragend, mehrentheils einen hurtigen 
Gang habend, vorgestern in einem grauen Uberrock 
von hier entwichen. — Da nun derselbe aus dem 
seiner Aufsicht anvertraut gewesenen Hochfürstl. 
Medaillen-Cabinet für 2000 Rthlr. an Werth nach 
seinem eigenem Geständniß entwendet, und für 300 
Rthlr. Medaillen beym Lombard versetzt, ohne was 
sich bey näherer Untersuchung noch weiter entdecken 
dürfte, außerdem aber noch 700 Rthlr. Vorschuß 
hinter sich hat, mithin an dessen Habhaftung gar 
sehr gelegen; So wird jeden Orts Obrigkeit hier 
durch requiriret, auf dem Fugitivum möglichst zu 
vigilircn, ihn im Betretungsfalle zu arretiren und 
davon zu seiner Auslieferung, gegen Erstattung der 
Kosten und Ausstellung gewöhnlicher Reversalien, 
anhero Nachricht zu geben. Kassel den 17. März 
1775. Fürstl. Hessische Regierung Hierselbst." 
j 
Aus Heimach und Fremde. 
Kaiser-Wilhelms-Thurm auf Spiegelslust 
bei Marburg. Am 2. September, dem Sedan 
tage, fand auf der Spiegelslust bei Marburg die 
feierliche Einweihung des Kaiser-W ilhelms- 
Thurmes statt. Die , Oberhessische Zeitung" 
bringt eine eingehende Schilderung dieser Feier, der 
wir hinsichtlich des Baues selbst nachstehende, einer 
großen Anzahl von Lesern unserer Zeitschrift gewiß 
willkommene Angaben entnehmen; knüpfen sich doch 
an die Spiegelslust für Jeden, der in Marburg 
studiert hat, die angenehmsten Erinnerungen an dort 
in Freundeskreisen verlebte Stunden, an Fäßchen- 
partien und sonstige fidele Suiten, von denen man 
wohl mit Recht sagen konnte: olim meminisse 
iuvabit! Die „Oberhessische Zeitung" schreibt: 
Nachdem der bereits im Jahre 1873 begonnene erste 
Aufbau eines Thurmes in der Sturmnacht vom 12. 
zum 13. März 1876 zerstört worden und der Wunsch 
des Wiederaufbaues ein Jahrzehnt später sowohl in 
der Tagespresse wie in der Bürgerschaft lebhafte Unter 
stützung fand, traten eine Anzahl angesehener Männer 
der Stadt unter Führung des Oberbürgermeisters 
Schüler zu einem „Komitee zur Erbauung des 
Kaiser-Wilhelms-Thurmes" zusammen, um diese 
Sache von neuem kräftig in die Hand zu nehmen 
und nach Ueberwindung zahlreicher Schwierigkeiten 
aller Art heute zu einem glücklichen Abschluß zu 
bringen. Nach einem von Kreis - Bauinspektor 
Wentzel (damals hier, jetzt in Coblenz) entworfenen 
Plan übernahm der Bauunternehmer H. Weis Haupt 
hier die Ausführung des Gesammtbaues. Am 8. Juli 
1887 erfolgte der erste Spatenstich und konnte der 
Thurm — mit kurzen Winterunterbrechungen der 
Arbeit — am 28. August d. I. in allen seinen Theilen 
als vollendet bezeichnet werden. Dieser selbst, ein 
wetterfester massiver Bau aus feinkörnigem Sandstein, 
erhebt sich majestätisch auf dem im Osten unserer 
Stadt gelegenen Ordenberge und zwar auf einem 
1188 Fuß über dem Meeres- und 620 Fuß über 
dem Lahnspiegel gelegenen klippenartigen Vorsprunge, 
welcher seit 1825 den Namen Spiegelslust trägt, 
sogenannt von dem in jenen Jahren hier studierenden 
Freiherrn Werner v. Spiegel (später Domherr in 
Halberstadt), der die genannte Hochfläche mit Anlagen 
versehen ließ. Von der über 171 Stufen zu erreichenden 
burgzinnenartig gehaltenen Plattform des Thurmes 
erschließt sich dem Auge eine ebenso großartige als 
schöne Aussicht. Im Vordergründe die altehrwürdige 
und doch so jugendfrische Stadt Marburg, geschmückt 
mit Meisterwerken der Baukunst, umschlungen von 
den silberglänzenden Fluthen der Lahn und gleich 
einem perlenübersäten Mantel die schloßgekrönte Höhe 
umschließend Nordöstlich weiter schweift der Blick 
bis weit nach Niederhessen hin (Knüll, Meißner, 
Burg- und Kellerwald), nach Südosten ins Fuldaische 
(Rhön- und Vogelsgebirge), nach Süden bis in die 
Rheingegend (Taunus mit Feldberg und Westerwald) 
und schließlich west- und nordwestlich die Lahnberge 
mit der ganzen Kette des Rothaargebirges bis zum
	        

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