Full text: Hessenland (4.1890)

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von unserem Heilligen Natter Babste Martino 
und danach von dem heiligen Concilio höchlich 
uß dem Schatze der kirchen, das ist der ver 
dienst unseres Herrn Jesu Christi und aller- 
heilligen, mildiglich mit ablasse und andern 
gnaden begifftiged, imme zu sture und allen fromm 
luten zu troiste und besserunge." (Kuchenbecker 
Analecta Y, 76). 
Da im Jahre 1440 während des Gottesdienstes 
das Gewölbe der St. Martinskirche eingestürzt 
war und es an Geld zum Wiederaufbau fehlte, 
hielt der Landgraf diesen so hoch angesehenen 
Mann, geeignet, als Ablaßkrämer im Lande 
herumzureisen, um das dazu nöthige Geld auf 
zubringen, wodurch dann auch der Zweck erreicht 
wurde. 
Dem Beispiele Landgraf Ludwigs folgte dessen 
Sohn Heinrich, der reiche Landgraf an der 
Loyna, welcher 1480 den Doktor der sieben freien 
Künste Bartholomaeus von Elten zu seinem Leib 
arzt bestellte, wie denn überhaupt die Landes 
herren zuerst wissenschaftlich gebildete Aerzte als 
ihre Leibärzte beriefen. Solchen Aerzten konnten 
für die von ihnen verordneten Arzneimittel, da 
sie nicht mehr aus nur einfachen mechanischen 
Gemischen bestanden und ihre Bereitungsart jetzt 
besondere Kenntnisse erforderte, die Material- 
waarenhandlungen, aus denen sie bisher bezogen 
waren, nicht mehr genügen und machten die Er 
richtung selbstständiger Apotheken nothwendig. 
So entstanden um das Jahr 1480 in Hessen 
die ersten Apotheken, in Marburg unter Land 
graf Heinrich die des Apothekers Lorenz Fait 
aus Nürnberg, in Kassel unter Landgraf 
Wilhelm I. dem Aeltern die im landgrästichen 
Schloß errichtete Hofapotheke. Als Stiftungs 
jahr der letzteren giebt Schminke das Jahr 1475 
an. Diese Annahme finoet Bestätigung in den 
von Landau gesammelten Urkunden und Notizen 
aus Akten, die sich aus Apotheken in Hessen 
beziehen und gegenwärtig auf der Kasseler Landes 
bibliothek aufbewahrt werden, da in denselben 
„Reversales“ der Hofapotheke aus den Jahren 
1475 bis 1577 angezogen werden. 
Landau nennt als die ersten Hofapotheker 
Kühl, Olpius, Volpracht, Ernst, Wahnschaft, 
und giebt dann weiter einige aus alten Urkunden 
von ihm gesammelte Notizen über die ältesten 
Apotheken der Stadt. Soweit sie noch jetzt hier 
bestehende Apotheken betreffen, werden sie später 
bei der Angabe dieser Erwähnung finden, von 
andern von ihm erwähnten Apotheken und ihren 
Besitzern ist nichts näheres bekannt geworden. 
Dazu gehören Johannes Windisch aus der Zeit 
Philipps des Großmüthigen, Lewin von der 
Brücken (Rontanus) (1558), Klagk (1597), Haye 
(1649), Ulner (1659), Stubenrauch (1687). 
Nur eine Apotheke, deren Lage aber auch nicht 
mehr genauer festzustellen ist, erwähnt er aus 
führlicher folgendermaßen: 
„Im Jahre 1567 verkaufte Landgraf Wilhelm IY 
ein Haus, welches hinten auf die Brüderkirche 
stößt, dem Apotheker Cornelius Stoß für drei 
hundert Thaler und behält sich den Rückkauf 
und die Einsetzung eines andern Apothekers für 
den Fall vor, daß sich unter den Erben kein 
qualificirter Erbe befindet. Die Apotheke ist 
dann 1605 auf den Schwiegersohn des Stoß 
Johannes Hartung vererbt worden und im Jahre 
1633 von dessen Sohn für 800 Thaler über 
nommen worden." 
Der Reichstag zu Augsburg hatte im Jahre 
1548 das Apothekenwesen in Deutschland geordnet 
und Philipp der Großmüthige am 9. März 1564 
eine Apotheker-Ordnung für die Apotheken in 
Kassel und Marburg erlassen. Danach sollen 
die Apotheker keine Artzenei ausgeben, es sei 
dann, daß der Ooetor Neckious oder unser 
Wundartzt Paul Kellner yhnen schreibe, das und 
das solle den Patienten gegeben werden. Kein 
Landtfarer, der sich artzenei anmaßet, soll in 
unserm Lande gebultet oder gelitten werden. Die 
Doctores und Aertzte sollen alle jar zum 
wenigsten einmal visitiren und alle inaterialia, 
so nicht tauglich oder nutze sein, ins Wasser 
schütten lassen und der Apotheker soll schwören, 
daß er kein venen oder gisst verkauffen wolle, 
bei Verlust des lebens. 
Um das Jahr 1540 war die erste Pharma 
kopoe (ohne Angabe des Druckjahres) erschienen, 
verfaßt von dem 1515 zu Obersimtshausen ge 
borenen Marburger Baccalaureus Valerius 
Cordus, einem Sohne des berühmten Marburger 
Professors Euricius Cordus. 
Gleichzeitig mit der erwähnten Apotheker-Ord 
nung erließ Landgraf Philipp eine Taxordnung 
für die Apothekerwaaren, denen später andere, 
zunächst in den Jahren 1656 und 1717 folgten. 
Schon die vom Jahre 1564 zeigt in ihren 30 
Kapiteln von der überaus großen Menge der 
damals gebräuchlichen Arzneistoffe, namentlich 
Kräuter. Besonderes Gewicht scheint man auf 
einen guten Geruch in den Zimmern gelegt zu 
haben, wie sich aus der Aufzählung von 15 ver 
schiedenen Arten Rauchpulver, ebensoviel Arten 
Rauchkertzlein und 13 Arten Rauchküchlein ergiebt. 
In dieser Apotheker-Ordnung wird auch 
bestimmt, daß die Händler oder Kremer kein gisst 
oder andere Artzenei, ausgenommen die Würtze, 
feil halten und verkaufen sollen. Der Streit der 
Apotheker mit den Materialwaarenhändlern über 
die Gegenstände, deren ausschließlichen Verkauf 
sie nun als ihr alleiniges Recht in Anspruch 
nahmen, hat noch Jahrhunderte hindurch gedauert.
	        

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