Full text: Hessenland (4.1890)

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die vor der Kirche belegenen Häuser vom Land 
grafen Privaten überlassen, jedoch das Eckhaus 
zum Kaplanhause bestimmt, und kam Letzteres 
zu Anfang des 17. Jahrhunderts an einen 
gewissen Gerwig Sandtmann, welcher daselbst 
einen Neubau aufführte und unter weiterer Ueber- 
lassung eines Stücks vom Kirchhofe das Recht 
erhielt, solchen bis an die Kirche und auf der 
Ecke einige Schuhe hinaus anzulegen für den an 
den Kirchenkasten zu Gunsten der Armen zu 
zahlenden Kaufpreis von 300 Gulden. 
Wie, die Kirche aber bisher hohen Personen 
als Begräbniß-Stätte gedient tjatte 23 ), so auch 
In Uhrkund haben Wir Uns mit. eignen Handen unter 
schrieben und Unser Fürst!. Leeret. Insie^el hieran 
wissentlich hangen lassen. 
Gegeben zu Cassel den 18. Martii nach Christi unseres 
einigen Erlösers und Seligmachers gebürt, des Eintaußend 
Sechshundert und dritten Jahres. 
Moritz L. Grafs 
(L. S.) zu Hessen. 
23) Winkelmann a. O., Th. II S. 284 und Schminke 
S. 362, welche als solche bezeichnen.- Graf Heinrich zu 
Nassau (f 1402) und Hermann den letzten Herrn von 
Treffurt. Die bei beiden Schriftstellern vorausgehende 
Bemerkung, daß in der Brüderkirche „verschiedene Land 
grafen, wie noch an einem Grabsteine nahe dem Altare zu 
sehen gewesen", begraben liegen, beruht gewiß auf der 
oben erwähnten Stiftung zum Andenken des Landgrafen 
Otto (S. 239 in Nr. 17). 
fernerhin. Es liegen daselbst mehrere Glieder 
der angesehenen und dicht bei der Kirche damals 
wohnhaften Familie von Scholey (oder Scholley): 
Die drei Gebrüder Wilhelm, Georg, Eitel Georg 
von Scholey. und Otto Georg von Scholey, 
hessischer Oberkämmerer und Kommandant zu 
Kassel (ft 1583), ferner Simon Binge, Kammer 
meister und Hauptmann der Festung Ziegenhain 
(ft 1581), Justus Didamar, fürstlicher Rath 
(ft 1580) u. A. 
Der Eingang zur Kirche war für die Mönche 
von den Kreuzgängen des Klosters, für die 
übrigen Bewohner der Stadt von der Ketten 
gasse her und später, seit wann ist ungewiß, von 
der Süd-Seite an der vom Schloß nach dem 
Markte hinführenden Straße. Nach der Be 
schreibung in den Baudenkmälern (a. O.) ist die 
vor dem Nordportale, also nach der Kettengasse, 
befindliche Vorhalle als spätgothisch bezeichnet. 
Das danach im Tympanon (im Giebelfelde) des 
Nordportals befindlich gewesene Relief, die Be 
weinung Christi darstellend, mit kleinen Figuren 
knieender Heiliger, hängt jetzt in der dermaligen 
Sakristei. Die Thür nach der West-Seite wurde 
wahrscheinlich erst bei der obigen Neuanlegung 
der Mauer angebracht. 
«Fortsetzung folgt.) 
Aus bm allen Kassel. 
II. Die ältesten Apotheken der Stadt und ihre Befitzer. 
Von W. Logg e-Tuöwig. 
In der ersten Zeit des Mittelalters gab es in 
Deutschland weder auf medicinischen Schulen 
gebildete Aerzte, noch Apotheken. Die Heil 
kunde wurde von Geistlichen und daneben von 
Hirten, Schmieden und alten Weibern ausgeübt 
und die Heilmittel entweder selbst in den Gärten 
gezogen oder von den Materialwaarenhändlern 
gekauft. Die ersten medicinischen Schulen wurden 
im 12. Jahrhundert in Italien zu Monte Cassino 
und Salerno gegründet und dann das medi- 
cinische Studium auf den Universitäten zu Bologna 
und Padua, und später zu Montpellier und 
Paris weiter gefördert. In Italien entstanden 
darum auch die ersten Apotheken, welche stationes 
genannt wurden. Als im 15. Jahrhundert 
wissenschaftlich gebildete Aerzte nach Deutschland 
kamen, wurden auch hier solche gegründet und 
zwar zuerst in Münster und Hildesheim, dann 
in den freien Reichs- und Handelsstädten: 
Nürnberg, Lübeck, Frankfurt, Augsburg, Ulm 
(1409), denen 50 Jahre später die Hofhaltungen 
der Fürsten folgten. Als den ersten Arzt in 
Hessen nennt Dr. Kolbe in seinen Beitrügen 
zur Geschichte der Medicin in Hessen (N. F. B. X 
der Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte 
und Landeskunde) nach einer Urkunde des 
Landgrafen Heinrich aus dem Jahre 1304 einen 
Geistlichen Magister Johannes Phisicus, wie sich 
in jener Zeit überhaupt in Deutschland mehrere 
magistri phisici im Besitze hoher Kirchenwürden 
befanden. Erst über ein Jahrhundert später 
finden wir in Hessen wieder einen Arzt, den 
Meister Leonhard von Swinfort, welchen der 
fromme Landgraf Ludwig von seiner Pilgerfahrt 
nach Jerusalem mitgebracht hatte, „einen Arzt, 
der etzwa ein meister in der jüddischeit gewest 
ist und von Jngebunge des heiligen geistes von 
der Jüddischeit getreten, den Heilligen waren 
Christenglauben an sich genommen und die 
Heilligen toyff empfangen; und darum so ist er
	        

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