Full text: Hessenland (4.1890)

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Grundsätzen ausgehend die Ordens-Regeln 
mehr den veränderten Verhältnissen anzu 
passen bemüht waren; 
3. die Tertiarier, der s. g. dritte 
Orden, eine bei vielen Orden vor 
kommende Gattung von Mitgliedern, 
welche in ihrer äußeren Lebensstellung 
verbleibend nur zu gewissen Handlungen, 
wie Gebeten, Fasten u. dgl., sowie zum 
Gehorsam gegen die Oberen verbunden 
waren und ein frommes Leben führen 
mußten. 
Nebenbei finden sich in jeder Klasse auch 
Schwestern, Karmeliterinnen (machten doch 
sogar Einige aus der Schutzpatronin des Ordens, 
der Jungfrau Maria, eine Karmeliterin), vor 
zugsweise in Frankreich- in Deutschland ist von 
denselben nirgends die Rede. In unserem engeren 
Vaterlande scheint der Orden meist der zweiten 
Klasse angehört zu haben, aber es erging ihm 
wie anderen: die neu angenommenen Grund 
sätze gefielen weder den geistlichen noch den welt 
lichen Oberherrn. Landgraf Wilhelm I. der 
Aeltere, welcher bekanntlich seine Regierung durch 
eine Pilgerfahrt nach Jerusalem unterbrach 
(1492), kehrte von dieser zurück mit einer vom 
Papste erhaltenen Vollmacht, den Karmeliter- 
Orden einer gründlichen Umgestaltung zu unter 
werfen. Er schien seinen Plan auch zur Aus 
führung bringen zu wollen, ließ sich jedoch, wie 
es heißt, vom Mitleid mit der Armuth der 
Mönche bestimmen, von einer eigentlichen Umge 
staltung abzustehen. Die Brüder gelobten sich 
zu bessern und wußten bei diesem allgemeinen 
Versprechen für sich die Zusicherung zu erwirken, 
daß ihnen keine Oberen aufgedrungen werden 
konnten. Eine Urkunde von 1487 ergibt die 
Namen ihrer damaligen Oberen: Jacobus 
Schindehütte Prior, Laurentius von Griffde 
Lector, Johannes Suderland Subprior, Hilde- 
brandus Sommer Prokurator.") 
Mancherlei Zuwendungen wurden ihnen damals 
wieder zu Theil. So stifteten ein Kassellaner, 
Cyriakus Bermenter, und seine Frau ein jähr 
liches Almosen und zwei Messen am Altare des 
heiligen Jodocus, was die Bestätigung des 
Erzbischofs Berthold von Mainz erhielt (1498). 
Ihrerseits, um sich für die ihnen gewährte 
Duldung erkenntlich zu zeigen, stifteten die 
Karmeliter (1501) ein Vermächtniß an das 
Siechenhaus vor der Neustadt (jetzt Siechenhof 
genannt) zur Austheilung eines Nößel Wein 
und Wecken an jeden der Armen (Ußsätzigen). 
Im Jahre 1506 wurde wieder in dem 
1S ) Schminke «. O. S. 361. 
Karmeliterhause zu Kassel ein General-Kapitel 
des ganzen Ordens gehalten. ,4 ) 
Auch erfreuten sie sich der Fürsorge der landes 
herrlichen Familie. Die Landgräfin Anna, ge 
borene Prinzessin von Mecklenburg, Gemahlin 
Wilhelm's II. und Mutter Philipp's des Groß 
müthigen errichtete ein Seelgeräth für mehrere 
Klöster, darunter das Karmeliter-Kloster, in 
Kassel. Sodann bezog dasselbe ständige Ein 
nahmen aus der Stadtkasse, wie die „Kasseler 
Stadtrechnungen aus der Zeit von 1468—1553" 
in mehreren Posten bezeugen, theils in baarem 
Gelde, theils in anderen Gegenständen, z. B. im 
schwarzen Tuche (in xanno nigro), ferner von 
dem städtischen Brauhause bei der Fuldabrücke 
in Gemeinschaft mit den anderen Klöstern, indem: 
3 % den Junckfern tzu Weißenstein 
1 Gl. 1 ort den Cartheußern 
1 Gl. den Carmelitern hie tzu Cassel 
gezahlt wurde.") 
So hielten sich die Karmeliter bis zur großen 
Reformation des Augustiner - Möncks von 
Wittenberg. Und als Landgraf Philipp der 
Großmüthige der Lehre Luthers sich anschloß 
und in Hessen die Kirche zu reformiren begann, 
hatte hier die letzte Stunde der Klöster geschlagen. 
Nachdem der Reichstag zu Speier von 1526 
vom König Ferdinand I. in Vertretung des 
Kaisers verabschiedet worden war mit der 
Bestimmung, daß jeder Reichsstand es in 
Glaubens-Sachen halten dürfe, wie er es vor 
Gott und dem Kaiser verantworten könne, wurde 
vom Landgrafen Philipp, im Oktober 1526 eine 
Synode zu Homberg berufen, und auf dieser von 
vielen Geistlichen besuchten Versammlung durch 
die daselbst gefaßten Beschlüsse die Einführung 
der Reformation besiegelt. In Folge davon 
ordnete der Landgraf die Aufhebung der Klöster 
in Hessen an und die Einziehung ihres Ver 
mögens theils zur Abfindung der betheiligten 
Kloster-Insassen, theils zur Gründung von 
Schulen und milden. Stiftungen. 
Die Karmeliter wußten dem zuvorzukommen 
und erschienen noch vor der Synode zu Homberg 
aus freien Stücken vor dem Landgrafen, diesem 
das unter seinem Ahnherrn gestiftete Kloster zur 
Verfügung stellend, weil sich dasselbe aus Mangel 
") Piderit a. O. ©. -101, vgl. Sinnt. 11. 
15) Vereins-Zeitschrift N. F. III, Suppl.: Kasseler Stadt 
rechnungen, herausg. v. Ad. Stötzel, S. 169. — Z. 1520, 
Nr. 49. Nach denselben Rechnungen S. 300 erhielten auch 
die Karmeliter zu Spangenberg regelmäßig Zinsen aus 
dem Säckel der Stadt Kassel. Das Karmeliter-Kloster 
zu Spangenberg, erst im 15. Zahrh. gestiftet, gehörte wie 
das zu Kassel zur niederdeutschen Provinz; vgl. Koch, die 
Karmeliterklöster der Niederdeutschen Provinz lFreiburg 
i. B. 1889) S. 55 fg., 72 fg. und Chronik der Stadt und 
Festung Spangenberg vom Bürgermeister Siebold.
	        

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