Full text: Hessenland (4.1890)

Jur Geschichte des Kenthofs in Kassel. 
Von K. Neuber. 
(Fortsetzung.) 
Sogar die Verkehrs-Verhältnisse wurden von 
den Karmelitern beherrscht. In der ersten Hälfte 
des 14. Jahrhunderts (1336) wurden der Stadt 
Kassel vom damaligen deutschen Kaiser Ludwig 
dem Baiern 3 Märkte verliehen: auf die Sonn 
tage Jnvocavit, Jakobi und Martini; aber ohne 
kaiserliche Bestätigung kam ein vierter Markt hinzu, 
am Sonntage Quasimodogeniti, weil an diesem 
die Karmeliter ihre Kirchweih feierten und ihren 
Ablaß feilboten. Für die seelsorgerliche Thätig 
keit nahmen die Brüder nur geringe Gebühren. 
Der bereits genannte Heimerod von Elben be 
zahlte 50 Pfund Heller für ein Seelgeräth; für die 
jährliche Gedächtnißfeier der Frau Jutta, Konrad's 
von Hertingshausen Ehefrau, wurden ein für 
allemal 6 Schillinge gezahlt. Zuweilen wurden 
die zu beobachtenden Feierlichkeiten genau vorge 
schrieben. So bestimmte Reinhard von Dalwigh, 
Knappe, welcher für die Familie von Holzhausen 
und andere Verwandte des Hauses eine Seelen 
messe zu vier verschiedenen Zeiten des Jahres zu 
lesen gestiftet hatte, daß ein schwarzes Tuch aus 
gebreitet, vier Lichter auf den Altar, vier an die 
Enden des Tuchs aufgestellt werden sollten, wo 
für ein für allemal 24 Gulden zu entrichten seien?) 
Nach dem oben erwähnten Schiedssprüche sollten 
die Karmeliter nur ein einziges Wohnhaus 
besitzen, trotzdem hatten sie, wie aus einer Mit 
theilung vom Jahre 1346 hervorgeht'"), noch ein 
weiteres „in der Fleischhauergasse hinter Heinrich 
Haarbusch", wovon sie keiner Zeit der Stadt 
Geschoß zu entrichten hatten. Dies vertauschten 
sie mit einem anderen, Hermann Kirchberg 
(Lirxvr^) und Ehefrau gehörigen und in der Alten 
Stadt belegenen und erlangten auch für letzteres 
Abgaben-Freiheit, Beide mit Genehmigung von 
Schöffen und Bürgerschaft. Ueber die Lage wird 
Näheres nicht angegeben. Daß von dieser Be 
hausung abgesehen ihre Räumlichkeiten keineswegs 
klein gewesen sein mögen, geht daraus hervor, 
daß auch größere Versammlungen der Brüder in 
Kassel stattfanden. So wurde im Jahre 1360 
9 ) Pident a. O. S. 44 
io; Nebellhau a. O., Bd. II S. 303. 
daselbst ein General-Convent gehalten, wie 
es heißt, des ganzen Ordens der Karmeliter.'') 
Das ihnen gehörige Areal umfaßte jedenfalls 
das ganze Quartier von dem Eckhause nach -dem 
Marställer Platze hin, dessen Grund und Boden 
in einer nachher noch zu erwähnenden Erwerbs 
urkunde eines der späteren Besitzer ausdrücklich 
als früher den Karmelitern gehörig 
bezeichnet wird, bis zur Kettengasse, zu Ende 
vorigen und zu Anfang dieses Jahrhunderts 
Brüder st raße genannt, zog sich also um die 
Brüderkirche herum und war mit Gebäulichkeiten 
besetzt. Ob dies ein zusammenhängender Bau 
oder eine Mehrheit von Gebäulichkeiten war, 
darüber fehlt jeder Anhaltspunkt. ") 
Während wir nun über den bisher beschriebenen 
Zeitraum bezüglich der Spezial-Geschichte der 
Karmeliter ziemlich genau unterrichtet sind, wissen 
wir über den nachfolgenden bis zur Mitte des 
15. Jahrhunderts wenig. Da fanden wieder in 
Folge des Einflusses der damaligen Vorkämpfer 
der Reformation auch manche Reformen im 
Karmeliter-Orden statt, und zwar in ganz 
Europa, im Wesentlichen Milderungen der strengen 
Ordens-Regeln, was zu Spaltungen führte. Man 
unterschied nunmehr drei auch in der Kleidung von 
einander abweichende Klassen: 
1. die unbeschnhten Karmeliter, 
auch Barfüßer oder Observanten 
genannt, welche an den bisherigen 
Satzungen festhielten; 
2. die beschuhten Karmeliter, auch 
Conventualen, welche von milderen 
n) Schminke a. O. S. 346, vielleicht auch nur ein 
Provinzial-Kapitel d»r niederdeutschen Provinz. 
12 ) Für das Vorhandensein von Häusern daselbst über 
haupt kann die Darstellung in dem Roman: „Heinrich von 
Brabant, das Kind von Hessen" (S. 39) von dem Ritt 
drs Enkels des damaligen Burgvogtes zum Kloster 
Hasungen angeführt werden, ind.m es dort heißt: „Der 
kleine Reitertrupp — war die kleine aber steile Anhöhe, 
auf welcher der Burghof lag. heruntergeritten, kreuzte den 
Platz, auf dem die alte baufällige St Cyriakuskirche stand, 
und lenkte in eine enge schmutzige Gasse (die Marktgasse) 
ein welche von kleinen schlecht gebauten Häusern einge 
faßt, in gerader Richtung zu dem Marktplätze führte."
	        

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