Full text: Hessenland (4.1890)

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starb. Die Witwe gab die Besitzungen der Familie 
in Holzhausen und Sipperhausen auf in Pacht 
und siedelte mit den noch in ihrem Hause be 
findlichen Kindern nach Homberg über. 
Gegen Ende des Sommers von 1802 schloß 
das junge Paar den Bund für immer und die 
Frage einer Zulage wurde für die damalige 
Zeit von der Frau Schwiegermama freigebig 
gelöst, indem sie den Neuvermählten 300 Thaler 
jährlich zusicherte. Der Bund wurde am 15. 
November 1803 mit dem ersten Sprößlinge, 
einem Knaben gesegnet, welchem 1805 ein 
Mädchen folgte und es schienen dem Paare 
noch weiter Jahre ruhigen Glückes beschieden 
zu sein, da Hessen neben dem als unbesiegbar 
angesehenen Preußen immer auf der Insel der 
Neutralität ausharrte. 
Nach der Katastrophe Preußens fiel das kleine 
Hessen am 1. November 1806 wie durch einen 
Taschenspielerstreich würdelos, Dank der Verblen 
dung des Kurfürsten, welcher durch schleunigste 
Flucht sich rettete. Das Regiment Garde zu 
Kassel, in welchem Bardeleben stand, wurde 
von seinem Kommandeur außerhalb der Stadt 
geführt und hatte die Waffen niederzulegen. Bei 
diesem wie bei den anderen hessischen Regimentern 
spielten sich traurige Scenen ab, da die Krieger 
nicht begriffen, warum sie die nicht im Kampfe 
geführten Waffen niederlegen sollten. In furcht 
bares Ingrimm zerschlugen Viele ihre Gewehre 
u. A.', nur die eiserne Mannszucht hielt sie ab. 
ohne Besehl sich auf die Franzosen zu stürzen, 
.welche wie vom Himmel gefallen, besser wie aus 
der Hölle gestiegen, plötzlich in Kassel standen. 
Die Truppen waren auf Befehl ihres Kriegs 
herrn entlassen, sie konnten gehen wohin sie 
wollten — doch von ihrem Fahneneide waren 
sie nicht entbunden. 
(Forts, folgt.) 
er Uusmarsch der hessischen Kruppen im Fahre 1814 
Ln den Kelözug gegen Mankreich. 
Von W. Dogge-Ludwig. 
(Schluß. 
„In Gießen sprach sich in dem Benehmen der 
Bewohner eine gewisse Geringschätzung gegen 
uns aus, namentlich konnten sie kein Ende finden 
in dem Spotte über unser Regiment Kurfürst, 
welches sie einige Tage vorher hatten durch 
marschieren sehen. Es ist freilich wahr, daß 
unsere Linienregimenter, wie ich an unserem 
Regiment Prinz Solms sah, keinen glänzenden 
Anblick gewährten. Züge in Jacken und blauen 
und weißen Kitteln, eckige oder runde Hüte, 
Pudel- oder andere Mützen auf dem Kopfe, mit 
kurzen oder laugen Hosen, Stiefeln oder Schuhen 
bekleidet, ihren nöthigsten Bedarf in ein Tuch 
gewickelt tragend, sah man den an der Spitze 
marschierenden, welche doch wenigstens Uniforms 
hosen und Tschakos hatten, folgen. Der Anblick 
solcher Truppen konnte wohl Lachen erregen, 
aber doch nur im ersten Augenblick — der Ge 
danke an die Anzahl Truppen, welche Kurhessen 
in so kurzer Zeit ins Feld rücken läßt und der 
freudige Muth, mit welchem diese Jünglinge, 
von denen die wenigsten über 20 Jahre zählen, 
dem Feinde entgegen gehen, wird bei jedem 
Unbefangenen nur Achtung erwecken können. 
Es ist gewiß rühmenswerth, daß der Kurfürst 
jetzt schon 10,000 Mann ins Feld stellt, da er 
nicht, wie andere Fürsten ein schon wohl 
gerüstetes Korps, sondern nichts von Allem vor 
fand , was zur Ausrüstung eines Heeres erforder 
lich ist. Bei seiner Rückkehr war das Land in 
einem wahrhaft chaotischen Zustand, keine Be 
hörde, die bis dahin Ordnung in dieses Chaos 
hätte bringen können und weder Kanonen, noch 
Flinten vorhanden." 
Die vortreffliche Mannszucht der Truppen, der 
in einer Stärke von 4151 Mann unter Führung 
des Generals von Müller ausgerückten ersten 
Marschkolonne wird auch in dessen Bericht aus 
Dietz vom 25. Januar mit den Worten an 
erkannt: „Es muß jeden mit Staunen erfüllen, 
wie die Soldaten, zum Theil in leinenen Kitteln 
und schlechter Kopfbedeckung (das Regiment Kur 
prinz hatte noch keine Tschakos), vom frühen 
Morgen bis in die späteste Nacht im stürmischsten 
Wetter oder in der strengsten Kälte marschieren 
und mit fröhlicher Laune in die Quartiere ein 
rücken. Die nachtheiligen Folgen der schlechten 
Bekleidung zeigen sich aber bereits, da die Zahl 
der Kranken mit jedem Tage zunimmt." Ein 
Offizier des General-Kommissariats für die Be 
waffnung Deutschlands, in Frankfurt a. M., 
Hauptmann Meyer, schreibt am 18. Februar 
an den österreichischen Feldmarschall Radetzky: 
„Am beklagenswerthesten erscheinen mir die ohne 
Montierung und Mäntel in leinenen Wämsern 
der Armee nachziehenden Kurhessen." 
Dem Mangel an Bekleidungsstücken wurde 
dadurch einigermaßen abgeholfen, daß General
        

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