Full text: Hessenland (4.1890)

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halten gewohnt war, während seine Linke die Hand 
schuhe und den vom Haupte genommenen Cylinder 
trägt. Eine schwere Aufgabe, hier aber schönstens 
gelöst. 
Auf dem Sockel der Kurfürststatue steht das 
ernste Wort „Patri“. Der dankbare Sohn hat dies 
Standbild in liebevoller Verehrung „dem Vater" 
gestiftet. 
Das Fest der Enthüllung im Uebrigen auch noch 
zu schildern, unterlasse ich, da ich damit den Politischen 
Blättern doch nur nachhinken könnte. 
Bemerkt sei hier aber, daß die genannten herrlichen 
Statuen nicht Rätters einzige Schöpfungen sind. 
Im Schloßparke zu Horowitz befindet sich auch noch 
die Kolossalstatue Siegfrieds, der. auf dem getödteten 
Drachen sitzend, dem Waldvöglein lauscht, und noch 
Anderes, was Rätters Meißel geschaffen, entdeckt 
man im Innern des Schlosses. So namentlich 
eine herrliche Büste Kaiser Franz Josefs I., 
der dem Künstler hierzu gesessen hat. Viel 
leicht interessirt es unsere Leser auch noch, daß 
Raiters Wiege zu Graun in Tyrol gestanden, daß 
die Kolossalstatue Zwingli's in Zürich, die Statue 
Haydns in Wien, daß „tue drei Rornen" im 
Mausoleum des Großhändlers Flesch in Wien, die 
Statuen Laubes und Dingelstedts im Wiener Host 
burgtheater, das Standbild Walthers von der Vogel 
weide in Bozen und manch anderes berühmtes Werk 
eine Schöpfung Rätters ist. 
Aus dem Schloßparke zu Horowitz aber können 
wir nicht scheiden, ohne auch den auf einer sanften 
Anhöhe aufgestellten großen Christoffel zu begrüßen, 
eine Imitation des Wilhelmshöher Riesenwerks im 
Ausmaße von l /, 0 seiner dortigen Größe. 
Dies Wenige, was ich heute zu sagen habe, zeugt 
wohl dafür, wie sehr ich Recht hatte, meinem 
Aufsatze die Ueberschrift zu geben, die an seiner 
Spitze steht. A. Hr. 
Ueber die Enthüllungsfeier selbst bringen 
die »Hessischen Blätter" einen längeren Artikel, dem 
wir Folgendes entnehmen: Seit der im vorigen 
Frühjahr erfolgten Succefsion in das Majorat des 
fürstlich Hanauischen Familien - Fideikommisses der 
Herrschaft Horowitz trug sich Se. Durchlaucht der 
Fürst Wilhelm von Hanau mit dem pietätvollen 
Vorhaben, seinem hochseligen Vater, dem Kurfürsten 
Friedrich Wilhelm von Hessen, welcher das Fidei- 
kommiß für seine Leibeserben, die Prinzen und 
Prinzessinnen von Hanau, gestiftet und im Schlosse 
zu Horowitz die Sommermonate seiner Entthronungs- 
jahre zugebracht hatte, ein monumentales Standbild 
zu errichten. Dasselbe sollte zugleich die umfassenden 
Umbauten, Neueinrichtungen und Verschönerungen, 
welche der Fürst seit Jahresfrist in dem Schloß und 
Park zu Horowitz hatte vornehmen lassen, zum Ab 
schlüsse bringen. Die feierliche Enthüllung des am 
Ende eines weiten baumumsäumten Rasenplatzes im 
Schloßparke aufgestellten Standbildes hat am 
20. August d. I., am 88. Geburtstag des Kurfürsten, 
in solennster Weise stattgefunden. In einem weiten 
Halbkreise vor der Statue nahm die Festversammlung 
Aufstellung: rechts die anwesenden ehemaligen kur 
fürstlichen Beamten, die fürstlichen Beamten der Herr 
schaft Horowitz, die Geistlichkeit und die k. k. Be 
amten ; links die Berg- und Hüttenarbeiter von den 
großen fürstlichen Eisenwerken in Komarau, ihre 
Musikkapelle an der Spitze, das zahlreiche fürstliche 
Forstpersonal, die Pächter der zu der Herrschaft 
gehörigen sieben Meierhöfe rc. Unmittelbar der 
Statue gegenüber waren Sitzplätze für das hohe 
fürstliche Paar, die Schloßgäste und die Damen ein 
gerichtet, hinter welchen die Livree-Dienerschaft des 
Schlosses Aufstellung nahm. Die Feier begann mit 
einem Gesangesvortrag, worauf an Stelle und im 
Namen des zwar anwesenden, aber durch körperliches 
Leiden am Sprechen verhinderten Bildhauers Natter 
Herr A. Trabert vortrat, um das Kunstwerk seinem 
hohen Stifter zu übergeben. Der Fürst gab nach 
einer Ansprache das Zeichen zur Enthüllung. Unter 
den Klängen der Musik und unter dem Donner der 
im Hintergrund des Parkes aufgestellten Geschütze 
siel die Hülle. — An der Enthüllungsfeier, welcher 
ein Festmahl im Schlosse folgte, nahm von der 
fürstlich Hanauischen Familie nur noch die Prinzessin 
von Ardeck Theil, die Prinzen von Hanau waren, 
wie die »Hess. Blätter" mittheilen, leider am Er 
scheinen verhindert. 
W,ie alljährlich am Geburtstage des letzten 
Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Hessen war 
auch in diesem Jahre am 20. August dessen 
Grabmal auf dem alten Friedhofe zu Kassel reichlich 
mit Lorbeerkränzen, Blumen und roth-weißen Bändern 
geschmückt, welche die fürstlich hanauische Familie, 
hohe Verwandte und dem früheren kurfürstlichen Hofe 
nahestehende Persönlichkeiten hatten niederlegen lasten. 
Auch war die Grabstätte vom Morgen bis zum 
Abend zahlreich besucht. 
In der im Augusthefte der „Deutschen Rundschau- 
enthaltenen Fortsetzung des Essays „Franz Dingel 
stedt. Blätter aus seinem Nachlaß" schildert 
uns der Verfasser Julius Rod enberg in der ihm 
eigenen fesselnden, meisterhaften Weise die Weimarer 
Zeit des Dichters (1857—1867). Wir erhalten 
hier sehr interessante Aufschlüsse über die Beziehungen 
Franz Dingelstedts zum großherzoglichen Hofe, zu 
Franz Liszt, Hoffmann von Fallersleben, Karl Gutz 
kow und den übrigen damals in Weimar lebenden 
Koryphäen der Literatur und Kunst. Reizend ist die 
Schilderung des dichterischen Tourniers zwischen 
Franz Dingelstedt und Hoffmann von Fallersleben, 
das von der Fürstin von Wittgenstein veranlaßt, bei
	        

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