Full text: Hessenland (4.1890)

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Geh. Oberbau rath Friedrich Fick. In 
unserer Zeit des Dampfes und der Elektrizität vergißt 
man nur zu leicht, welche Wohlthat es noch in dem 
ersten Drittel dieses Jahrhunderts war, auf geebneten, 
gut gebauten Landstraßen zu fahren. Den trefflichen 
Zustand unserer kurhessischen Verkehrswege verdanken 
wir aber zum größten Theil dem am 10. Juli 1861 
zu Kassel verstorbenen Geh. Oberbaurath Dr. 
Friedrich Fick, welchem es in einer verhältniß- 
mäßig sehr kurzen Zeit gelang, die schlechten Ver 
kehrswege in einer Weise und Vollkommenheit zu 
verbessern, daß dies mit Recht als ein Segen im 
ganzen Lande empfunden wurde. Auf Fick wurde 
die Aufmerksamkeit Kurfürst Wilhelm I. durch die 
erfolgreiche Thätigkeit desselben gelenkt, welche er in 
Bayern an der Verbesserung des dortigen rühmlich 
bekannten Straßenbaues und an der Anlegung des 
Donau-Main-Kanals genommen hatte. Der Kurfürst 
berief Fick 1818 als Vorstand des ganzen Kur 
hessischen Bauwesens, in welcher Eigenschaft er in 
einer über alles Lob erhabenen Weise für Ver 
besserung des so sehr vernachläßigt gewesenen Land- 
straßen-Verkehrs mit unermüdlicher Thätigkeit bis zu 
seinem Ableben Sorge trug. 
Der dankbaren Anerkennung dieser wohlthätigen 
Verbesserung gaben noch Jahrzehnte lang die Fuhr 
leute an den Brücken zu Wabern und Marburg 
dadurch Ausdruck, daß sie dem „Bau-Inspektor 
Fick ein Hoch* ausbrachten. 
I. S. 
Aus Heimath und Fremde. 
Hessisches mitten^ in Böhmen. Am 
20. August d. I. sollte im Schloßparke zu Horowitz 
das S t and bild Kurfürst Friedr. W ilh e lm s 1. 
enthüllt werden. Ich hatte mich der fürstlichen 
Einladung folgend, auf den 19. Abends angemeldet 
und wurde von einem Kammerdiener und einer 
fürstlichen Equipage am Bahnhöfe erwartet. 
Der Weg von da zum Schloß geht mitten durch 
die Stadt. Es fiel mir aber auf, daß mein Rosse 
lenker, als wir das Schloß erreichten, nicht in dessen 
Prächtiges Thor — das ich das Löwenthor nennen 
möchte — einlenkte, sondern am Schloß vorüber 
und dann zur Seite des Parks weiter fuhr. Der 
Zweck dieses Umweges wurde mir klar, als ich rück 
wärts durch das Sonnenthor in den Park gelangte, 
indem ich in diesem Augenblick entdeckte, daß das, 
was ich für die Haupifayade gehalten hatte, nur die 
Rückseite des Schlosses war und dessen eigentliche 
Front, von zwei Flügelgebäuden slankirt, dem Parke 
zugekehrt ist. Das Schloß präsentirt sich hier 
wahrhaft großartig, würdig eines mächtigen Fürsten. 
Noch imponirender wirkt daS Innere. Königlicher 
Prunk auf den Gängen, die Fürst Wilhelm von 
Hanau, der jetzige Majorathsherr von Horowitz, 
zu reichlichst ausgeschmückten Bildergalerien gestaltet 
hat. Den Hessen fesseln sofort hessische Landschafts- und 
hessische Städtebilder, darunter köstliche Schöpfungen 
des Künstlers von Langenschwarz, der einst 
kurfürstlicher Offizier war und jetzt als Maler Be- 
wunderungswerthes für den Fürsten geschaffen hat. 
Was mich unter diesen Sachen mehr als nahezu 
alles Andere interessirte, war ein köstliches Bild, das 
sich als eine Ansicht meiner Vaterstadt von mir 
bewundern ließ. Man erkennt auf dem Bilde sofort 
das Fuldaer Schloß, die ihm gegenüberliegende 
ehemalige Hauptwache, das Gasthaus zum Kurfürsten, 
rc. re und im Hintergründe die Thürme der Pfarr 
kirche. Alles das in einem reichen, wohlthuenden 
Luftmeere, das man wonnig einzuathmen glaubt. 
Trotzdem halte ich den freundlichen Leser nicht 
länger bei den Bildern auf; ich führe ihn auch 
nicht in den säulengetragenen Prunksaal ein, der im 
ersten Stock dem Haupteingang gegenüber liegt. Ich 
vermeide auch die reizend eingerichteten Gemächer, 
die sich rechts und links an diesen Prunksaal an 
schließen, und trete zurück in den Park, um dem 
freundlichen Leser die genialen Schöpfungen des 
Bildhauers Natter zu zeigen. 
Ich schreite aus dem Haupteingange des Schlosses 
zurück in der Richtung nach der Hauptallee, durch 
welche ich eingefahren bin. Ehe ich das Ende dieser 
Hauptallee erreiche, das mir jetzt ihr Anfang ist, 
stehe ich schon vor der Marmorstatue Wodans. Sein 
Haupt trägt den Flügelhelm. Die Rechte ist mit 
dem Speere bewaffnet. In der Linken ruht der 
mächtige Schild. Zu den Füßen des Gottes steht 
der Rabe. Ein Unheil verkündender? Es scheint 
so. Denn wer in Wodans Antlitz schaut, erkennt 
sofort, daß der Großmächtige in sich selbst versunken 
dasteht, über den Untergang der alten Götter 
sinnend. 
Links vom Anfange der wiederholt genannten 
Hauptallee steht die'Marmorstatue Brünhildens, die 
dem Siegmund den Tod verkündet. Das Bild ist 
von fesselnder Schönheit und ich dränge dennoch 
weiter, um zum Standbilde Friedrich Wilhelms I. 
zu gelangen. Diese Statue ist in 1 Vz facher Lebens 
größe aufgefaßt und fesselt jeden, der den alten Herrn 
gekannt hat, durch die auffallendste Portrait-Aehnlichkeit, 
obsckon Natter nur nach Photographien und sonstigen 
Bildern hat arbeiten können. Man sieht den Kur 
fürsten, wie er nach seiner Depossedirung von Stettin 
auf kurze Zeit in die alte Heimath zurückgekehrt, 
unter uns zu wandeln Pflegte. Seine Gewandung 
ist die eines feingekleideten Bürgers von heute. Wir 
meinen den leichten Ueberzieher zu erkennen, den er 
einst in Hanau zu tragen pflegte, und das Stückchen, 
das er bei seinen Spaziergängen in der Rechten zu
	        

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