Full text: Hessenland (4.1890)

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Es war im Oktober, aber früher Frost hatte 
bereits der Welt das Sommerliche genommen 
und die Farben des Vergehens auf Strauch 
und Baum gedrückt. Die fahlen Wiesen des 
Thales waren mit Herbstzeitlosen übersäet, eine 
Schaar großer Krähen stolzirte langsam über 
die öden Flächen. Ulrich warf einen Stein 
unter sie und freute sich, als sie mit mißgelauntem, 
wüthendem Gekrächz sich schwerfällig erhoben 
und ihren Ruhestörer anklagend die näcksten 
Bäume oder das jenseitige Flußufer aufsuchten. 
Er kam an einem kleinen Walde vorbei, der 
den jäh aufsteigenden Rain dicht bedeckte mit 
Unterholz und Gestrüpp und hochragenden, 
knorrigen Eichen. 
„Das ist ein Schlupfwinkel für Hasen und 
Füchse", sagte er, bitter lachend — „für Alles, 
nach dem die Büchse des Jägers zielt." Und er 
kroch hinan, bis er eine gedeckte Stelle fand, 
dort warf er sich im Unterholz auf das Moos 
und weil es todtenstill und einsam ringsum war, 
dachte er „hier magst du dich einmal von 
Herzen ausschreien." Er brach in ein heißeres 
Schmerzensgeheul aus. Die Leute im nächsten 
Dorfe sagten: „Das ist ein angeschossener 
Fuchs". 
Nun war der Herr Nolde ©eHeter. im Gast 
haus zum goldenen Schwan und plötzlich ging 
Alles nach einer neuen Melodie. 
Zum ersten Male stand die Frau Wirthin 
einem Menschen gegenüber, der seinen Willen 
über den ihren setzte — sie bäumte sich dagegen, 
spektakelte und begehrte auf — aber der schöne 
Nolde verstand es einem Menschen den Zügel 
anzulegen — er hytte eine Art höhnisch zu 
lächeln und kalt seinen eigenen Weg zu gehen, 
gegen welche das Weib nicht aufkam. Bald 
holte das neue, von ihm eingeführte Personal 
nur noch seine Befehle ein — der Lene aber 
war klar geworden, was „Freien" heißt. 
Sie hatte nun einen Herren, der sie küssen 
oder aushöhnen durfte, je nach Bedarf — der 
Gewalt über sie besaß — aber es war nicht 
mehr die Gewalt, welche sie zugleich schützte und 
ihr Freiheit ließ ein kleines, unbeachtetes, in 
sich geschlossenes Dasein nebenher zu führen. 
Wie der Sturm und der Frost und die öde 
Herbsteskälte in den kleinen, mauerumhegten 
Garten treten, alles verändernd und zerstörend 
— trat er in ihr Leben. Aber für einen 
zerstörten Menschengarten giebt es keinen Frühling. 
Die stille, kleine Lene war ein Weib geworden 
— aber der Kelch der Knospe ward erbrochen, 
er öffnete sich nicht leise und fröhlich der Natur 
folgend, dem Sonnenschein und der linden Luft, 
sie verblühte ehe sie geblüht hatte. 
Fesch und lustig in ihrem rothen Kleide und 
den falschen Korallenschnüren ging Marianne, 
die Kellnerin im Hause umher — trüben, ver 
glasten Auges, vernachlässigt in der Kleidung 
saß Lene am Fenster und strickte weiße Jäckchen 
für das kleine Wesen, dem sie das Leben geben 
sollte. Lene besaß Nichts, das einen Mann 
vom Schlage ihres Gatten hätte reizen und 
anziehen können. Der schöne Nolde war ein 
Mensch, der amüsirt sein wollte, den ein freches 
Lachen und eine üppige Büste lockten. Für die 
stille, tiefe Natur neben sich hatte er so wenig 
Verständniß, als er für den unnennbar geheimniß 
vollen Zauber, welcher in den melancholischen, 
reich bewaldeten, schweigsam in sich versunkenen 
Thälern des Hessenlandes liegt, gehabt haben 
würde. Der schöne Nolde schalt die Lene langsam, 
langweilig — er nannte sie dumm und wollte 
sie durch Stachelreden zur Rührigkeit zwingen. 
Er erreichte, daß sie in störrischer Unthätigkeit 
in sich zusammensank. 
Noch einer versank mit Lene in Traurigkeit 
und Apathie — das war der Ulrich. Ohne 
Eifer betrieb er sein Geschäft, er verarmte und 
verlumpte, sein Gesicht und seine Kleider wurden 
zusammen grau — sein rother Schlips hing 
fadenscheinig und verblichen unter dem schmutzigen 
Hemdkragen — er ging den Leuten scheu aus 
dem Weg, sein Blick wurde stier und schon 
begannen die Kinder hinter ihm her zu rufen: 
„Der tolle Ulrich!" Er ging auch nicht mehr 
zur Kirche und hatte früher keinen Gottesdienst 
versäumt. 
„Warum das Ulrich?" fragte ihn der Pfarrer 
— als er ihm eines Tages im Felde begegnete 
— „Warum flieht Ihr unserem Herrgott? Der 
findet Euch überall". 
„Ich habe eine Todsünde auf dem Gewissen, 
Herr Pastor", sagte der Ulrich" und ich lebe 
darin. Ich will ihr nicht entsagen und deshalb 
gehöre ich nicht in die Kirche". 
Auf mehr ließ er sich nicht ein. 
Der Gedanke, daß die Lene jetzt einem Anderen 
vollständig gehörte, daß sie mißhandelt wurde 
und er sie in ihrem Unglück mehr liebte, als je, 
brachte ihn fast um den Verstand. 
Manchmal schlich er sich scheu wie ein ge 
prügelter Hund an die junge Frau heran. 
„Warum bist du von meiner Hochzeit weg 
gelaufen?" hatte sie ihn bei der ersten Gelegenheit 
gefragt. 
„War's schön?" entgegnete er statt der 
Antwort. 
Alle waren sehr lustig und das Essen war 
gut", erzählte sie — „aber du weißt, wenn 
Alle lärmen und Unsinn treiben, wird mir 
immer weh". 
Später im Jahre fragte er sie Nichts mehr;
	        

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