Full text: Hessenland (4.1890)

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zubringen, ist hauptsächlich Folgendes bestimmt 
worden: 
Die Karmeliter durften keinerlei Wohnungen 
innerhalb oder außerhalb der Mauer Kassels 
bewohnen oder besitzen mit Ausnahme einer 
einzigen Wohnung, in welcher zwei ihrer Matronen, 
die Martha's, verbleiben möchten.^) Sollten 
sie anderen Grundbesitz durch Vermächtniß er 
werben, so waren sie verpflichtet, denselben augen 
blicklich den natürlicheü Erben und in Ermangelung 
solcher anderen rechtschaffenen Leuten zu ver 
kaufen. Sakramente spenden durften sie nur 
untereinander. Ebenso durften sie keine Testamente 
verwahren, auch kein Begräbniß bei sich gestatten, 
es sei denn mit Wissen des Probstes vom Ahna- 
berge, und nachdem die Todtenmesse in der Pfarr 
kirche der Altstadt 6 ) gehalten worden. Endlich 
war die Zeit für die Abhaltung ihrer Predigten 
bestimmt, nämlich nur bei dem Nachmittags- 
Gottesdienste, und ihnen die Kirchweihen, Kapitel- 
Versammlungen und Prozessionen für gewisse 
Tage ausdrücklich verboten, als welche genannt 
werden: Gründonnerstag (im lateinischen Texte: 
cena domioi), Charfreitag, Ostern, Pfingsten, die 
vier Marientage, Allerheiligen, Allerseelen, 
Katharinentag, Weihnachten, also Haupt-Festtage 
der katholischen Kirche. 
Also nicht nur die schon bei Erwerb ihres 
Grundvermögens zugefügte Ausschließung von 
weiterem Erwerbe war erneuert, sondern auch 
noch eine Reihe anderweiter Beschränkungen zu 
gefügt worden, und es bot sich in Hessen die 
anderwärts gleichfalls vorgekommene merkwürdige 
Erscheinung, daß ein geistlicher Orden weniger 
durch die weltliche Gewalt als durch die Miß 
gunst eines anderen Ordens in seiner Wirksam 
keit beeinträchtigt wurde. 
Trotz dieser Beschränkungen genossen die 
6 ) Die dienenden Schwestern für die häuslichen Bedürs- 
nisse, vgl. auch Koch die Karmeliterklöster der Niederdeutschen 
Provinz (Freiburg i./B. 1889) S. 11, wonach der Name 
Martha für diese Schwestern nur in Kassel üblich gewesen ist. 
e) Cyriaks-Kapelle auf dem Marstaller Platze. 
Karmeliter großes Ansehen. Schon bald bauten 
sie sich auch ein eigenes Gotteshaus, zu dessen 
Errichtung sie Allen, welche hülfreiche Hand 
leisten würden, einen vierzigtägigen Ablaß ver 
kündigten (1298). Im Jahre 1300 übertrug 
ihnen der Landgraf "gegen eine Summe von 
50 Mark Silber die Verpflichtung, täglich eine 
Messe in der Hofkapelle zu lesen. I 
Der Bau der Klosterkirche, der Brüder 
kirche, schritt rüstig vorwärts. Im Jahre 1304 
ward ein Altar der heiligen Maria als der 
Schutzpatronin des Ordens in der Kirche einge 
weiht, 1328 ein weiterer Altar von einem 
gewissen Heimerod von Elben gestiftet, um daran 
für den in demselben Jahre (18. Januar) 
gestorbenen Landgrafen Otto an seinem Jahres 
tage beständig eine Messe zu lesen. ®) 1331 
wurde der Chor ausgebaut und wurden weitere 
vier Altäre eingeweiht. Die nicht unbeträchtlichen 
Baukosten wurden durch Ablässe bestritten, welche 
sich die Brüder durch Vermittlung von ver 
schiedenen geistlichen Würdenträgern, wie vom 
Erzbischof von Mainz (1304), den Bischöfen zu 
Minden (1308), Halberstadt (1310) und Breslau 
(1328), ja sogar vom Patriarchen p Antiochien 
in Kleinasien (1318) zu beschaffen wußten. Wie 
eine alte Inschrift am Eingänge besagt: 
TeMpora strVGtVrae VersVs notat hIC, Lege 
CaVte, 
wurde die Kirche 1376 vollendet. 
Als Begräbniß-Stätte diente gemäß des obigen 
landgräflichen Schiedsspruchs in der Regel der 
Platz bei der Altstädter Pfarrkirche, der jetzige 
Marställer Platz, welcher sich bis dicht an die 
Brüderkirche erstreckte, doch muß dazu auch der 
Klosterhof benutzt worden sein, wie daraus zu ent 
nehmen ist, daß sich bei den jüngsten Bauten im 
Renthvfe in 1883 daselbst Skelette gefunden haben. 7 8 
7) Ebenfalls abgedruckt in Ledderbose a. O., Bd. 111 
S. 197. 
8) Landgraf Otto, Heinrichs I. Sohn, ist übrigens wie 
sein vorverstorbener Bruder und dessen Gemahlin in der 
Gruft des Ahnaberger Klosters begraben worden. 
(Fortsetzung folgt.) 
—*■— 
km aus hm goldenen Kchwan. 
«Line hessische Geschichte von M. Herbert. 
(Schluß.) 
Früh am nächsten Morgen, ehe die Regung 
des Festes begann, schlich der Kolporteur mit 
Ranzen und Mappe zum Stadtthor hinaus und 
als die Thurmglocken anhoben zum ersten Gebet 
läuten, schien es ihm, als seien das die Todten 
glocken der Lene, welche mahnend baten des 
Heils einer armen, verlosten Seele zu gedenken. 
Er hätte nicht unter den Geladenen im Hochzeits 
zuge wandern können, wiewohl er zu ihnen 
gehörte.
	        

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