Full text: Hessenland (4.1890)

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Hur Geschichte des Kenthofs in Kassel 
Von K- N e u b e r. 
Der nördlich von Kassel's großartigem Gebäude, 
welches an der Stelle des einstigen Schlosses der 
hessischen Fürsten sich erhebt, und in dem Justiz 
und Regierung jetzt nebeneinander wohnen, gleich 
sam zu Füßen desselben gelegene weitläufige Bau, 
gewöhnlich Renthof, zeitweise auch Kollegien 
hof genannt, hat ein nicht nur für Kassel 
insbesondere, sondern auch für ganz Hessen 
hervorragendes Interesse, namentlich darum, weil 
darin Gerichts- und Verwaltungs-Behörden zu 
sammen und in den verflossenen Jahrhunderten 
sogar organisch vereinigt sich befunden haben. 
Der Renthof in baulicher Hinsicht verschiedene 
Zeiträume darstellend, besteht aus 2 Flügeln, 
welche später miteinander durch einen Zwischenbau 
verbunden worden sind, bis dahin aber ihre 
getrennte Geschichte gehabt haben. 
I. Der westliche, nach der Brüderkirche hin 
gelegene Flügel war ursprünglich Kloster und 
im Besitze der Karmeliter (oder Karmeliten). 
Zum Verständnisse dürfte es zweckmäßig sein, hier 
eine kurze Darstellung ihrer Geschichte einzuschalten. 
Der Karmeliter - Orden oder wie er voll 
ständig heißt: 
„Der Orden unserer lieben Frauen vom Berge 
Karmel" 
(0räo kratrum beate Marie de monte Carmeli) 
entstand im Morgenlande im Zeitalter der 
Kreuzzüge ums Jahr 1156, also zwischen dem 
zweiten und dritten Kreuzzuge, aus einer vom 
Wallfahrer Berthold von Calabrien, der süd 
westlichen Halbinsel Italiens (nach Einigen Sohn 
eines Grafen von Limoges in Frankreich) ge 
bildeten Vereinigung von Pilgern auf dem 
steilen Vorgebirge Karmel, dem Nordwest- 
Ende des Gebirges Karmel (türkisch: Djebel 
Mär Elias) an der Meeresküste von Palästina, 
wo einstmals der gewaltige Prophet des alten 
Bundes, Elias, sich aufgehalten und von wo 
aus er auch die Baalspriester bekämpft hatte. 
Berthold erbaute daselbst beim Eliasbrunnen für 
sich und seine Gefährten einige Zellen, sowie 
eine Kapelle. Als Schutzpatronin wurde die 
Jungfrau Maria verehrt. Unter seinem Nach 
folger Brocard vermehrte sich die Zahl der 
Einsiedler so sehr, daß auf sein Nachsuchen der 
Patriarch Albrecht von Jerusalem eine förmliche 
Ordens-Regel gab (1209). Papst Honorius III. 
bestätigte diese und damit den Orden selbst (1224). 
Die aus 16 Artikeln bestehende Ordens-Regel 
verpflichtete zu strengem Gehorsam gegen den 
erwählten Oberen (Superior, Prior), Nicht- 
Verlassen der von einander abgesonderten Zellen 
außer zur Versammlung im Betsaale an jedem 
Morgen, sowie zum Gesang der Tageszeiten 
(borae canonicae) für die dazu bestimmten, 
persönlicher Armuth, Widmung dem Gebet und 
Handarbeiten (d. h. dem Handwerk nach dem 
Vorgänge der Apostel). Enthaltung von Fleisch 
speisen, Fasten zu gewissen Zeiten und Schweigen 
zu gewissen Zeiten. Doch nur kurze Zeit sollte 
der Aufenthalt in Palästina dauern. Nachdem 
die Begeisterung der abendländischen Christenheit 
für die Festhaltung der heiligen Stätten im 
gelobten Lande nachgelassen hatte, hielten sich 
die während der Kreuzzüge entstandenen Orden 
dort nicht mehr sicher, und so zogen auch die 
Karmeliter, wenigstens in der Mehrzahl *), zunächst 
nach Cypern, dann weiter nach Europa, wo sie 
an vielen Orten begeisterte Aufnahme fanden 
(1238—1244). Namentlich war eine so ansehn 
liche Zahl nach England gewandert, daß dort 
selbst zu Ahlesford der Orden sein erstes. 
General-Kapitel halten konnte, auf dem der 
Engländer Simon Stock zum Ordens-General 
erwählt wurde (1245). Dieser gab im Anschlüsse 
an die vom Morgenlande abweichenden Oertlich- 
keiten und Sitten des Abendlandes eine neue 
Ordens-Regel, bestätigt vom Papste Jnnocenz IV. 
(1247.) Dieselbe enthält vor Allem das Gelübde 
der Keuschheit, die Gestattung des Fleischgenusses 
in einigen Fällen, die Beschränkung der Zeit 
des Fastens und des Schweigens, gemeinschaft 
liche Mahlzeit im Refectorium, Benutzung von 
Pferden und Mauleseln bei Reisen, Anlegung 
der Klöster innerhalb der Städte, und endlich 
Ausschluß jedes Besitzes. Durch diesen letzteren 
Punkt wurde der Karmeliter-Orden zum förm 
lichen Bettel-Orden als der dritte nach den 
bis dahin bestehenden der Franziskaner und 
Dominikaner. Eine Aenderung trat um diese 
Zeit auch in der Ordenskleidung ein. Dieselbe 
hatte bis dahin in grauen oder braunen Kutten 
bestanden, über denen weiße Mäntel mit sieben 
schwarzen oder braunen Streifen getragen wurden 
zur Erinnerung an den Mantel des Propheten 
Elias, welcher Brandflecken bekam, als ihn dieser 
auf feurigem Wagen gen Himmel fahrend seinem 
Nachfolger Elisa herabwarf. Seit der 2. Hälfte des 
13. Jahrhunderts wurden ganz weiße Mäntel 
getragen und darunter schwarze Kutten. Die 
Ordens-Geistlichen trugen außerdem noch ein 
i) Das Stammkloster auf der Höhe des Karmel hat 
sich bis heute erhalten, nach Zerstörung in diesem Jahr 
hundert (1821) durch den Sammelfleiß eines dabei übrig 
gebliebenen Mönchs wieder hergestellt.
	        

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