Full text: Hessenland (4.1890)

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Artikel „das Kriegsministerium und der oberste 
Militairchef" auf den Verlust hin. Sie sagt 
da: „Allgemeine Bestürzung erregt hier die 
Annahme der vom Kriegsminister General 
lieutenant von Bardeleben .... eingereichte 
Entlassung ... Die Freude und Beruhigung, 
ihn als Kriegsminister zu wissen, ist in den 
wenigen Wochen seiner Verwaltung glänzend 
gerechtfertigt worden ..." 
Der Veteran lebte fortan im Schoße seiner 
Familie, doch alle öffentlichen Angelegenheiten 
mit hohem Antheile verfolgend — er mußte 
schmerzerfüllt die Katastrophe des Jahres 1830 
mit der folgenden Bundesexecution in Hessen 
erleben, sah die Erniedrigung Preußens, verlor 
aber nicht den Muth und die Zuversicht, daß 
es wieder besser werden müsse. Freunden schrieb 
er am 31. März 1851 „doch wollen wir wünschen 
und hoffen, daß Preußen sich bald wieder ver 
jünge, wie der Phönix aus seiner Asche, und 
dann kräftig seine Flügel schwinge über Deutsch 
lands Gauen! ..." 
Nicht war ihm beschieden, das noch zu erleben 
und die Herstellung der von ihm beschworenen 
und hochgehaltenen Verfassung in Kurhessen zu 
sehen. Der Anfang des Monats April, welcher 
ihm mehrfach Glück und Gutes gebracht hatte, 
setzte dem müden Pilger das Ziel; leicht am 
1. April 1856 erkrankt, verschied unser Freund 
sanft am Morgen des 2., der Todesengel hatte 
leise die Augen beschattet, welche so Hell und 
furchtlos in das Leben geschaut. 
Seinem Wunsche gemäß, fand die Beisetzung 
des Entschlafenen mit Tagesanbruch des 4. April 
statt, unter Ausschluß jedes Gefolges; nur die 
beiden Söhne, Albrecht und Julius, geleiteten 
des Vaters Reste zum Grabe. Dem Geistlichen, 
Pfarrer Jatho, war eröffnet worden, daß der 
Heimgegangene nur ein kurzes Gebet zu seiner 
ewigen Ruhe gewünscht habe: doch setzte Jatho 
sich über diese Bitte hinweg, sein eigenes Herz 
war zu voll tiefer Empfindung bei dem Scheiden 
dieses Mannes und er schilderte in herrlicher 
ergreifender Rede vor den Söhnen den Vater 
als Menschen, Christen, Krieger und Staats 
bürger. Einer noch hatte sich eingefunden, dem 
alten Führer und Freunde eine Hand voll 
Erde auf den Sarg zu werfen, es war Oberst 
von Hohenfels, welcher unweit der Feier hinter 
einem Grabsteine sich hielt, Bardelebens Willen 
zu ehren. 
Den Hinterbliebenen wurde keinerlei Zeichen 
der Theilnahme von Seiten des Landesherrn 
nach diesem Verluste zu theil. Friedrich Wilhelm 
blieb unversöhnlich, er hatte außer seinem früheren 
Uebelwollen im Jahre 1848 neuen Groll gegen 
Bardeleben gefaßt, als er diesen in der Noth 
bitten mußte, das Ministerium des Krieges 
anzunehmen. Daß der General dann nicht 
länger ausgehalten hatte, fand der Kurfürst 
unverzeihlich*). 
Bardeleben hatte noch in Rinteln in einem 
ausführlichen Schreiben sein Verhalten- aus 
einandergesetzt, um, was er im Leben nicht 
vermocht hatte, nach seinem Tode seinem Landes 
und Kriegsherrn zu geben: gewissenhafte Dar 
legung seiner Handlungen und Anschauungen. 
Die Schrift wurde von der Witwe eingesandt. 
Einen Erfolg scheint sie nicht gehabt zu haben, 
wie denn das bald nach des Vaters Tode ein- 
gereichte Gesuch einer Tochter um Verleihung 
einer Präbende im Stifte Obernkirchen ohne 
Antwort blieb und erst im Jahre 1866 von 
der preußischen Verwaltung erledigt wurde, die 
es in des Kurfürsten Kabinet vorfand. 
Bei dem Abschiede von diesem wechselvollen 
Leben dürfen wir bekennen, daß der Mann 
gehalten hat, was einst der Knabe dem Groß 
vater beim Scheiden von Eistrup gelobte: 
Tugend in Wahrheit und Treue. Albrecht von 
Bardeleben war würdig des Dichterwortes 
„Sagt Alles nur in Allem, er war ein Mann!" 
* 
* * 
Dem Verfasser der vorstehenden Blätter ist 
es eine angenehme Pflicht, dem Herrn Oberst 
lieutenant a. D. Julius von Bardeleben zu 
Kassel hier den Dank für das vollkommene 
Vertrauen auszusprechen, mit welchem er den 
schriftlichen Nachlaß seines verewigten Vaters 
nebst einer großen Zahl von Familienbriefen 
zur Verfügung stellte, um die Persönlichkeit und 
den Lebensgang schildern zu können. Dieses 
aber wurde, je mehr der Verfasser mit dem 
Heimgegangenen sich beschäftigte, zu einem 
wachsenden Genusse. 
Kassel, im August 1890. 
Wir haben, dem Wunsche des geehrten Herrn 
Verfassers entsprechend, den mit außerordent 
lichem Fleiße ausgearbeiteten umfangreichen Auf- , 
atz über „General Albrecht von Bardeleben" 
einem vollen Inhalte nach zum Abdrucke ge- 
iracht. Täuschen würde sich aber derjenige, 
welcher daraus den Schluß ziehen wollte, daß 
wir auch mit allen darin enthaltenen Aus 
führungen einverstanden seien. Dies ist nicht 
der Fall. Um etwaigen Mißverständnissen von 
vornherein zu begegnen, sehen wir uns zu dieser 
Erklärung veranlaßt. Die Redaktion. 
*) Auffällig ist es, daß Friedrich Wilhelm den Söhnen 
seither günstig blieb, Albrecht war bereits 1854 General 
major und Kommandeur der Kavalleriebrigade, Julius 
1852 Hauptmann in der Leibgarde geworden.
	        

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