Full text: Hessenland (4.1890)

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und das Vaterland geschehen werde. Solchen 
Worten vermochte der in der Begeisterung der 
Tage, da Deutschland geeinigt schien, verjüngte 
Patriot nicht zu widerstehen. Nach Unterhand 
lungen, welche der ihm ergebene Flügeladjutant 
Karl von Loßberg führte, und in denen der 
General unter Anderem forderte, den Minister 
W. von Schenk zu Sigmaringen und den Re 
gierungsrath Karl Wippermann in das Ge- 
sammtstaatsministerium zu berufen, sowie den 
Generalmajor von Müldner als Generallieute 
nant in den aktiven Dienst zu stellen, erfolgte 
am 3. August seine Ernennung als General 
lieutenant mit dem Patente nach seinem frühe 
ren Dienstalter und zum Kriegsminister. In 
dem Heere wie in der Bevölkerung erweckte die 
Nachricht größte Befriedigung und Freude, da 
man von diesem Manne, wenn von irgend 
Jemandem, erwartete, daß er der außerordent 
lich schwierigen Stellung gewachsen sein würde. 
Mit jugendlicher Frische ging er an die Arbeit, 
das erste Zeichen seines Wirkens war die am 
6. August von den Truppen in großer Parade 
geleistete, mit -Feuersalut der Artillerie ver 
bundene Huldigung für den Reichsverweser Erz 
herzog Johann, welcher der Kriegsherr ursprüng 
lich sehr abgeneigt war. 
Schenk und Wippermann ernannte der Kur 
fürst, jenen zum Minister der auswärtigen An 
gelegenheiten, diesen zum Vorstände des Finanz 
ministeriums, Müldner wurde zunächst nur vom 
außerordentlichen Etat in den ordentlichen über 
nommen. 
An Jordan, der im März zum Gesandten 
Kurhessens am Bundestage ernannt worden 
war, hatte der General einen Brief gerichtet, 
worin er in warmen Worten anerkannte, daß 
er nach der ihm gewordenen schmählichen Be 
handlung nicht jetzt Rache gesucht, sondern 
christlich verziehen und dem Fürsten wie dem 
Lande seine Dienste gewidmet habe. Das war 
auch das eifrige Streben unseres Generals; der 
Schwung, welchen sein Geist in der Treue für 
seinen Fürsten und der Liebe zu seinem Vater 
lande nahm, überwand die Gebreste, welche 
die Kriegsjahre und das Alter in dem Körper 
herbeigeführt hatten. Er wollte Aenderungen 
in dem Heerwesen einführen, welche er für Vor 
theilhaft und nothwendig hielt, so u. A. gleiche 
Farbe des Wassenrocks bei allen Truppengattungen, 
vor Allem eine gleiche Bekleidung der Reiterei, 
welche in zehn Schwadronen drei verschiedene 
Uniformen als Garde-du-Korps, hellblaue Hu 
saren und dunkelblaue Husaren aufwies, wodurch 
den Offizieren bei den häufig nothwendigen Ver 
setzungen sehr große Opfer auferlegt wurden. 
Daß der Minister darin auf nicht zu besiegenden 
Widerstand Pei dem Kriegsherrn stieß, war bei 
dessen Neigung, vielerlei Truppen zu besitzen, 
nicht zu verwundern. Bedeutsamer jedoch war 
die Erkenntniß, welche Bardeleben schon in den 
ersten Tagen sich nicht verhehlen konnte, „daß 
der Kriegsminister nicht Minister sei, sondern 
nur ein Aktenträger, der zwar für Alles ver 
antwortlich sein solle, aber nicht über einen Knopf 
selbständig verfügen könne und daß ihm gar keine 
Wirksainkeit zugestanden werde für den Geist, 
die Disziplin, den Dienst, die Uebungen rc. der 
Truppen, sondern dies Alles als Kommando- 
Sache betrachtet werde, worein der Kriegsminister 
sich durchaus nicht zu mischen habe . . ." In 
diesem Verhältnisse lag ein Widerspruch, der 
durch die nicht klare und scharfe Bestimmung 
der Verfassung hervorgerufen und durch des 
Kurfürsten Persönlichkeit zu einem unlöslichen 
gemacht wurde. 
Eine herzliche Freude wurde Bardeleben noch 
in der ersten Zeit zutheil, als er in warmer 
Vaterlandsliebe sich der Hoffnung hingab, seine 
Kraft würde doch ausreichen, um die Ueber- 
führung des Staates in verfassungsmäßige Ver 
hältnisse an seinem Theile mit zu bewirken; 
Franz Dingelstedt, nun schon berühmt und in 
angesehener Stellung in Stuttgart, begrüßte ihn 
mit folgendem Sonnett: 
Entsteigst Du endlich dem bequemen Grabe, 
Worin Du philosophisch still gelegen, 
Und willst Dich, so wie Rab' und Adler pflegen, 
Im Licht verjüngen, ,Alter Nebelrabe!“ 
Schon seh' ich auf der Hessen Fahnenstabe 
Dich sitzen und die Flügel kräftig regen 
Und jauchze Dir von Weitem froh entgegen, 
Wie aus der Nähe oft gethan der Knabe. 
Ja, führe Du aus dem beschränkten Schatten, 
Wo sie gesondert und versunken schienen. 
Zum Tag, zum Reich, zur Freiheit uns're Kalten! 
Im Geiste bin ich mitten unter ihnen, 
Und wenn sie einst im heißen Kampf ermatten, 
Soll Dir mein Lied als Heerdrommete dienen! 
Es sollte anders kommen, als der Dichter 
dem verehrten Manne die hohe Aufgabe gestellt 
hatte. Die Schwierigkeiten, welche oben an 
gedeutet sind, rieben in fast erfolglosem Kampfe 
die Kraft des greisen Generales bald ans, er 
sah sich außer Stande, die in sich unhaltbare 
'Stellung zu halten und suchte um seine Entlassung 
als Kriegsminister nach. Sie wurde ihm am 
10. September 1848 gewährt. Die „Hessische 
Zeitung", Kassel 10. September, wies in einem
	        

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