Full text: Hessenland (4.1890)

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Es ist eine erfreuliche Thatsache, daß man in 
jüngster Zeit der Volkssprache mehr Aufmerksamkeit 
als früher schenkt und in der Erforschung der be 
stehenden Mundarten ein wichtiges Mittel erkennt, 
nicht nur die neuhochdeutsche Schriftsprache zu be 
reichern, sondern auch rückwärts schreitend über Wesen 
und Bedeutung der Worte und besonders über die 
Lautverhältnisse unserer Muttersprache sicheren Auf 
schluß zu erlangen. Wenn wir uns auf dem Gebiet 
der Dialektforschung umsehen, so gewahren wir schon 
eine stattliche Anzahl solcher Einzeluntersuchungen. 
Auch in unserm Hessenlande hat die Volkssprache 
sachkundige- Bearbeiter gefunden, die es sich in neuester 
Zeit angelegen sein ließen, einzelne Mundarten der 
hessischen Volkssprache vom phonetischen Standpunkte 
aus zu behandeln. Die uns vorliegende Broschüre, 
betitelt „die Hersfelder Mundart", von 
Di*. Salzmann, Gymnasiallehrer in Stendal, 
(Verlag der Erhardt'schen Universitäts-Buchhandlung 
in Marburg) versucht eine Darstellung der hessischen 
Mundart nach Laut- und Formenlehre zu geben. 
Der Verfasser, ein geborener Hersfelder, bietet im 
Anschluß an die mitteldeutschen Quellenschriften „das 
Liet von Troye" und „das Leben der heiligen Eli 
sabeths zunächst (I. Th.) eine Darstellung des Laut 
bestandes der Hersfelder Mundart, dann folgt (II. Th.) 
eine kurze systematische Zusammenstellung der Sprach- 
formen, der sich einige Proben des hessischen Dialektes 
anschließen. Ft. 
Todesfälle. Am 31. Juli starb zu Mar- 
garethenhaun der Gutsbesitzer Franz Joseph 
Herrlein, in Folge seiner langjährigen parla 
mentarischen Thätigkeit weit und breit bekannt in 
unserem Heimathlande Hessen. Geboren am 18. 
Februar 1818 zu Sieber bei Fulda, wo sein Vater 
damals Revierförster war, besuchte er von 1831 ab 
das Fuldaer Gymnasium bis zur Prima und wid 
mete sich dann der Landwirthschaft. Seine parla 
mentarische Wirksamkeit begann er 1852 als Mit 
glied der kurhessischen Ständeversammlung und ver 
blieb in derselben, immer wiedergewählt, bis zum 
Jahre 1866. Nach der Vereinigung Kurhessens mit 
Preußen wurde Herrlein als Vertrauensmann nach 
Berlin berufen und vertrat von 1867 an den 12. 
Wahlkreis (Fulda) des Regierungsbezirks Kassel in 
dem preußischen Abgeordnetenhause. Im Jahre 1671 
wurde er im Wahlkreise Fulda-Gersfeld-Schlüchtern 
zum Abgeordneten für den deutschen Reichstag ge 
wählt, dem er bis zum Jahre 1879 angehörte. Er 
hatte sich in Berlin der Centrumsfraktion ange 
schlossen. Beide Mandate, als Landtags- wie als 
Reichstagsabgeordneter, legte er am 10. Januar des 
genannten Jahres nieder. Von da an erstreckt sich 
feine parlamentarische Thätigkeit nur noch auf An 
gelegenheiten der Provinz und des Kreises. Er 
verblieb Abgeordneter des hessischen Kommunalland 
tages, dem er seit 1867 angehörte. 
Als Mitglied des ständischen Verwaltungsaus 
schusses war cs dem rührigen und rastlos thätigen 
Manne beschieden, eine sehr einflußreiche Rolle zu 
spielen und sich ganz besondere Verdienste um seinen 
heimathlichen Kreis Fulda, sowie um die benach 
barten Kreise Hünfeld und Gersfeld zu erwerben. 
Es würde zu weit führen, wollten wir alle die 
Ehrenämter aufzählen, die Herrlein bekleidet hat. 
Nur das wollen wir noch erwähnen, daß er als 
Vorstand des landwirthschaftlichen Kreisvereins, als 
Mitglied des Kreistages und des Kreisausschusses, 
als Kreisdeputirter es sich stets angelegen sein ließ, 
die Interessen seines Kreises zu fördern. Zunehmende 
Altersschwäche veranlaßte ihn vor etwa zwei Jahren 
sich gänzlich vom öffentlichen Leben zurückzuziehen 
und den Rest seiner Tage in Ruhe auf seinem Gute 
Margarethcnhaun zu verbringen. Seine Leiche wurde 
nach Fulda verbracht und am Sonntag den 3. August 
auf dem dortigen alten städtischen Friedhofe unter 
großer Betheiligung von Leidtragenden beigesetzt. 
R. i. p. 
Am 8. August verschied zu Kassel im hohen 
Alter von 78 Jahren der Amtsgerichtssekretär a. D. 
Ludwig Stern, dessen Tod in den weitesten 
Kreisen der Bürgerschaft lebhaft betrauert wird, zählte 
er doch zu den beliebtesten und geschätztesten Männern 
der Residenzstadt Kassel und hatte er sich doch 
während seiner Amtsführung das allgemeine Zutrauen 
erworben. Johann Friedrich Ludwig Stern war 
geboren im Jahre 1812 als Sohn des kurfürstlichen 
Kammergerichtsrathes Stern in Kassel. Er besuchte 
von 1824- 1831 das Lyceum Friedericianum und 
studirte dann zu Marburg und Güttingen Rechts 
wissenschaft. In Marburg war er ein sehr an 
gesehenes Mitglied des forschen Korps Hassia und 
in seine dortige Studienzeit fällt die famose Korps 
hetze der Marburger Hassia mit der Göttinger 
Guestphalia, die auf der Kalbsburg bei Fritzlar an 
einem Sommertage vom frühen Morgen bis zum 
Abend ausgefochten wurde, und in welcher die 
Marburger „Hessen" Sieger blieben. Als sie nach 
Marburg zurückkehrten, wurden sie von den anderen 
dortigen Korps, den Westfalen, Teutonen und Schaum 
burgern im Triumphe empfangen. In Göttingen 
war Stern Mitglied der Guestphalia, desselben Korps, 
dessen zweiten Chargirten er bei den Duellen auf der 
Kalbsburg die Nase durchhauen hatte. Die Kasseler 
Zeitungen widmen dem Dahingeschiedenen warme Nach 
rufe, denen wir, zunächst dem „Kasseler Tageblatt", 
folgende Angaben entnehmen. Nach bestandener 
Fakultätsprüfung in Marburg und dem Staatsexamen 
in Kasiel wurde Stern zunächst Rechtspraktikant bei 
dem kurfürstlichen Stadtgericht in Kassel, Mitte der 
vierziger Jahre war er als Aktuar beim Amts 
gericht in Veckerhagen angestellt und vom Jahre
	        

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