Full text: Hessenland (4.1890)

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er leise — und dann — geräuschlos wie eine 
Katze entschlüpfte er seinem Angreifer und war 
im nächsten Augenblick in der Dunkelheit des 
Flurs verschwunden. Wie zerschlagen schlich 
Ulrich die Treppe wieder empor — morgen war 
Hochzeit — aber wer würde ihm geglaubt 
haben, wenn er versucht hätte, die Lene vor 
ihrem Geschick zu bewahren? 
(Schluß folgt.) 
i-8H- 
Aus alter und neuer Zeit. 
Der letzte Vorstand der Kaufmanns 
gilde in Kassel. Vor Jahresfrist starb hier in 
Kassel, hochbetagt, im 78. Jahre seines Lebens, Herr 
Heinrich Sch eur mann, eine in bürgerlichen 
Kreisen hochangesehene und um seine Vaterstadt verdiente 
Persönlichkeit. Anfänglich dem Baufache sich widmend 
und in der Bauverwaltung zu Wilhelmshöhe thätig, 
traf ihn das tragisch-komische Mißgeschick, wegen Tragens 
einer rothen Mütze von Kurfürst Wilhelm II. seines 
Dienstes enthoben zu werden, ein Vorfall, der s. Z. 
viel in Kassel von sich reden machte. Scheurmann 
widmete sich dann dem Handelsstande und trat in 
das altrenommirte Philippsohn'sche Geschäft. Hier 
wirkte er mit Friedrich Gerstäcker zusammen, 
der zu jener Zeit gleichfalls Kaufmann zu werden 
beabsichtigte. Zwischen den Jünglingen knüpfte sich 
damals ein dauerndes Freundschaftsband, von welchem 
viele Briefe Gerstäckers, welche sorgsam von der 
Familie Scheurmann bewahrt werden, Zeugniß ab 
legen. Fleiß, Ehrenhaftigkeit und Geschick machten 
Heinrich Scheurmann bald zum angesehenen 
Handelsherrn, und erwarben ihm das Vertrauen des 
Handelsstandes in so hohem Grade, daß ihn dieser 
im Jahre 1813 zum Vorstand der Hanse- 
greb eng ild e, d. i. Zunftmeister, erwählte,welches 
Amt er bis 1866, wo die Gilde sich auflöste, be 
kleidete. Hervorragend in den Geschäften der Stadt 
thätig als Mitglied des Bezirksrathes (1818 — 52), 
Berwaltungsrath der damals erbauten Friedrich- 
Wilhelms Nordbahn, wirkte er auch politisch sehr 
lebhaft, besonders bei den Wahlen, in gemäßigt 
liberalem Sinne. 
Als 1858 die Leih- und Kommerzbank in Konkurs 
gerieth, ernannte die Regierung den erfahrenen 
Finanzmann zum Kurator derselben, und seiner Um 
sicht und Energie gelang es, die Geschäfte so zu 
ordnen, daß die Verluste der Inhaber von Obli 
gationen nur gering waren, und vielen armen Leuten 
so ihr Hab und Gut erhalten blieb. 
1861 delegirte die Kasseler Kaufmannschaft 
Heinrich Scheurmann zum Handelstage nach Heidel 
berg, wo er klaren Blickes und erfolgreich, die In 
teressen des deutschen Binnenhandels vertrat und 
förderte. Seine gesellschaftlichen Talente brachten 
ihn an die Spitze der hervorragenden Gesellschaft 
„Lesemuseum", deren Direktor er 30 Jahre lang zu 
Nutz und Frommen derselben war. In Heinrich 
Scheurmann verkörperte sich so recht ein rühriges, 
der Vaterstadt und seinem Stande Nutzen bringendes 
Bürgerdasein, wie es in solch umfangreicher Thätig 
keit nicht häufig ausgelebt wird. Mögen diese Zeilen 
dazu dienen, sein Gedächtniß bei seinen Mitbürgern 
zu erhalten. Heinrich Scheurmann war das Pro 
totyp eines echten, rechten, deutschen und Kasseler 
Bürgers. Friede seiner Asche. A. 
Aus Aeimath und Fremde. 
Die Ausstellung hessischer Drucke im 
Rittersaale des Schlosses zu Marburg ist am 
Donnerstag den 7. August durch Archivrath 
Dr. Könn ecke, den Vorsitzenden des Marburger 
Zweigvereins des hessischen Geschichtsvereins ge 
schlossen worden. Näheres darüber folgt später. 
Wir lesen in dem „Kasseler Tageblatt": Herr 
L. De ich mann, Mitglied der Academie universelle 
des Sciences et.des arts in Brüssel und Inhaber 
eines geographischen Instituts in Kassel, dessen Arbeiten 
bereits vielfach preisgekrönt sind, ist, wie uns erst 
jetzt bekannt wird, im Januar d. I. zum Mitglied 
der Europäischen Gesellschaft der Wissenschaften 
(1877 in Paris gegründet) ernannt und sind ihm 
die am Bande zu tragenden Insignien und die 
gotbeae Medaille der Gesellschaft verliehen worden. 
Ferner ist demselben durch die Jury der gegenwärtig 
unter dem Protektorate der vorerwähnten Gesellschaft 
in Madrid stattfindenden „Internationalen Aus 
stellung", für seine patentirten astronomischen Chrono 
meter und Apparate, der höchste Preis, das 
Grand Diplome d’Honneur mit der goldenen 
Medaille, zuerkannt worden. 
Universitätsnachrichten. Zum Rektor der 
Universität Marburg wurde am 2. August für 
das Amtsjahr 1890/91 der Professor der Mathe 
matik Dr. Weber von dem akademischen Senat 
gewählt. — Der Professor der Chirurgie Dr. Braun 
in Marburg, der Nachfolger Roser's, hat einen 
Ruf an die Universität Königsberg erhallen und an 
genommen.
	        

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