Full text: Hessenland (4.1890)

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Lenes Sinn stand picht auf Perlen und Arm 
bänder und doch — sie hatte ihre Mutter den 
Werth des Geldes so oft hochpreisen hören, daß 
es ihr in der That als ein Beweis großer Liebe 
erschien, wenn sie mit kostbaren Gaben über 
schüttet wurde. Der Bräutigam war zudem 
aufmerksam, seine Stimme umschmeichelte sie 
zärtlich — aber sie beobachtete nicht scharf und 
kein anderer sagte ihr, daß er ein wenig allzu 
leise ging — daß der Ton seiner Stimme zu 
unnatürlich sanft und gedämpft, sein farbloses 
Auge zu unstet war. Nur Ulrich sah es. Er 
mißtraute dem Freier von Anbeginn — dennoch 
hätte er für die Welt kein Wort gegen den 
feinen Herrn Nolde gesagt. Er wußte, daß 
Neid nichts mit seinen Beobachtungen gemein 
hatte — und wußte auch, daß man es ihm 
dennoch als Neid auslegen würde, wenn er 
seinem Mißtrauen Worte lieh. Die Leute 
hätten ja auch seine Liebe für die hübsche, 
reiche Lene merken können und er fürchtete das 
Lächerliche wie alle scheuen Menschen. Doch 
einmal hatte er eine Bemerkung gewagt und 
zwar zu Lene selbst. 
„Du weißt nicht, was du thust", sagte er — 
„Freien ist kein Kinderspiel. Das ist nicht, wie 
wenn man mit einem Menschen zusammenlebt, 
nur so von außen. Der Nolde verlangt dein 
Bestes, wie etwas Selbstverständliches und wenn 
du ihm Alles gegeben hast, bist du ärmer und 
er nicht reicher, denn er versteht dich nicht und 
von „Liebe weiß er soviel, wie jeder Hund und 
jede Katze". 
Sie sah ihn mit ihren Kinderaugen mehr 
Verständnißlos als erschrocken an. 
„Ich fürchte mich auch manchmal davor — 
aber -- was kann's helfen? Allerdings wird's 
wohl nach dem Heirathen nicht mehr so schön 
sein, als es vorher war", sagte sie einsichtsvoll. 
„Du kannst dir's eben nicht denken", grollte 
er und wandte sich von ihr. 
Lächerlich oder nicht — aber Ulrich faßte 
eine tiefwurzelnde Liebe zu der Wirthin schönem 
Töchterlein, er verzehrte sich in heißer Leiden 
schaft zu dem stillen Kinde. Halbe Nächte lang 
saß er wach oder rannte auf verlassenen Feld 
wegen in toller Sehnsucht ihr nahe und von 
ihr geliebt zu sein und dann brachte er wieder 
verzweifelte Stunden damit zu, das Gebot sich 
vorzuhalten: „Du sollst nicht begehren deines 
Nächsten Weib" — denn erst, seit die Lene eines 
Anderen Braut war, war er sich seines Unglücks 
klar bewußt. 
Gedankensünden ängstigen manchen Charakter 
mehr als die Erinnerung an eine vollbrachte, 
böse That. Der Bursche wurde bleich und 
abgezehrt, streit- und händelsüchtig. Er lief 
seine Wege und trieb seinen Handel wie eine 
leblose Maschine. Sonntags in der Kirche saß 
er das Gesicht tief in den Händen vergraben, 
stöhnend gleich einem Friedlosen und zuweilen 
unruhig auffahrend, wenn der Pfarrer in der 
Predigt einen Ausspruch that, der vielleicht 
seinen Qualenzustand traf. Die Leute fingen 
an, ihn mit besonderen Blicken zu betrachten, 
wie einen bei dem's im Oberstübchen brennt. 
So standen die Dinge am Hochzeitsabend der 
Lene aus dem goldenen Schwan. 
Polternd und klirrend flogen von der Jugend 
des Städtchens geworfen Scherben von Gläsern 
und Steingut an die alte Gasthofsthür — denn 
seltsamer Weise — meint der Volksglaube — 
daß gebrochenes Glas Glück bringe. Auf dem 
Tische im Kämmerlein der Braut lagen aus 
gebreitet — ein weißes Kleid — ein Braut 
schleier und ein Kranz und drunten im Saale 
auf langer Tafel standen Geschenke und Blumen. 
In der Küche hantirten vier Köchinnen und die 
Bäcker trugen mächtige Kuchen und Torten in's 
Haus. Große Braten hingen an dem eisernen 
Haken vor der Hofthür, denn die Sippschaft von 
Braut und Bräutigam war eine weitverbreitete 
und hoch mußte es hergehen auf der Hochzeit 
der ersten Bürgertochter des Städtchens. 
Erst spät endete das laute Treiben der Vor 
bereitungen — langsam senkte die Stille der 
Nacht sich auf das alte, höchstöckige Haus. 
Alles ruhte — in tiefem Schlummer befangen, 
ging auch die Lene ihrem neuen Schicksal ent 
gegen — der Mond stand am Himmel und 
zeigte dem einsam und ruhelos am Fenster 
sitzenden Ulrich die braunen Giebeldächer, das 
balkige Gehock der übereinandergeschachtelten 
Hinterhäuser auf der Hofseite. Plötzlich vernahm 
er an einem Parterrefenster im Hofe ein Klopfen 
und leises Flüstern. Dort wohnte Marianne, 
die hübsche Kellnerin, welche Nolde aus Berlin 
verschrieben. Der Bräutigam Lene's war es, 
der nächtlich an ihr Fenster kam. Ulrich sah, 
wie sie den Kopf herausstreckte, wie Nolde die 
Arme um ihren Hals legte — er hörte das 
Geräusch eines langen Kusses. — In einem 
Nu stand er hoch aufgerichtet, eine tolle Wuth 
schüttelte ihn, er riß seine Zimmerthür auf 
und stürmte die Treppe hinab — in der Hof 
thür traf er auf Nolde, welcher durch das 
Geräusch verwirrt, entfliehen wollte. Ulrich 
gab ihm einen Schlag in's Gesicht daß er 
blutete. 
„Du verräthst die Lene schon vor der Hochzeit, 
gemeiner Hund!" schrie er — trag das als 
Denkzettel, wenn du sie vor den Alten führst. 
Der schöne Nolde machte keine Anstalt sich zu 
wehren — „Ach, der verrückte Ulrich" — zischte
	        

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