Full text: Hessenland (4.1890)

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Nachdem die Festgenossen noch Spaziergänge in' die 
nächste Umgebung der Stadl, deren landschaftliche Schön 
heit ja bekannt ist, namentlich nach dem Frauenberge 
und dem Kalvarienberge unternommen halten, schloß 
der Hauptfesttag mit dem Abendtrunke im Kaisersaale. 
Anderen Tages erfolgte dann der Ausflug nach der 
Milsebnrg und dem Schloß Bieberstein. Die Sonne 
meinte es mehr wie gut und manchem der Theil- 
nehmer mag der Ausstieg nach der Milseburg nicht 
so ganz unbeschwerlich gefallen sein. Aber die Herren 
des Kasseler Vorstandes hatten es ja so gewünscht, 
eine einfache Fahrt nach Schloß Bieberstein, wie sie 
der Fuldaer Zweigverein vorgesehen hatte, war ihnen 
zu geringfügig, sie glaubten in dem Vorschlage nur 
die Neigung der Fuldaer zur Bequemlichkeit zu er 
kennen , nun sie werden durch die eigene Erfahrung 
eines Anderen belehrt worden sein. 
Das Fest hat von seinem Beginnen bis zu seinem 
Schlüße einen sehr angenehmen Verlauf genommeu 
und wird gewiß bei allen Theilnehmern in gutem 
Andenken bleiben. A. Z. 
«8K- 
ste Gene aus dem goldenen Kchwan. 
Eine hessische Geschichte von W. Herbert. 
(Fortsetzung.) 
In der Thür des Gasthofes stand ein vier 
schrötiger, junger Mann, sein moderner Anzug, 
die dicke, goldene Kette auf der Weste, das vom 
Friseur gebrannte rothe Haar, konnten sein 
flaches, sinnliches Gesicht nicht edler und feiner 
machen — seine Augen folgten nicht der jungen 
Lene, seiner Braut, sondern hingen eifersüchtig 
an der Marianne, welche mit dem alten, dicken 
Oberförster schön that. Die Mutter hatte den 
„schönen Nolde" sich zum Schwiegersöhne gewählt, 
weil er dem Geschäft ein Kapital und Erfahrung 
zuzubringen hatte und Lene nahm ihn aus 
Gehorsam und Gleichgültigkeit. Das Mädchen 
hatte bis heute ein innerliches, träumerisches 
Leben geführt. Freude brachten ihr die Blumen 
im Garten, die Bäume im Walde, die Schwalben 
am Balken — sie zog mit Zärtlichkeit ein 
kleines Schaf, einen Hund, einen jungen Vogel 
groß — sie war eine Freundin armer kleiner 
Kinder. Sie saß gern allein in ihrem Kämmerchen 
und sang alte Volksweisen und Kirchenlieder — 
sie that Jedem gern einen Gefallen und häkelte 
Spitzen und Decken für alte Basen und Tanten. 
Solche Liebhabereien und Gefälligkeiten machen 
einen Menschen liebenswürdig für Andere — 
aber sie reifen ihn nicht, noch bringen sie ihn 
zum Bewußtsein seiner selbst. In der Wirthschaft 
war die Lene nie am Platze gewesen, sie fürchtete 
sich vor Lärm und lauten Worten, einen 
schlechten Scherz floh sie lieber, als daß sie ihn 
parirte — der Dunst der heißen Küche war ihr 
nicht angenehm. Die thätige Mutter sehnte 
sich nie nach der Tochter helfenden Hand, im 
Gegentheil, sie freute sich, daß Lene ein so 
stilles, in sich gekehrtes Kind blieb, das schweigend 
im Garten oder am Fenster hockte, sich mit sich 
selbst beschäftigte und Keinen mit Wunsch nnd 
Bitte belastete. Die Frau Wirthin heischte von 
Kind und Gesinde unbedingten Gehorsam. Lene 
hatte ihn nie verweigert; sie ließ den starken 
Willen der Mutter ruhig über sich, wie ein 
Dach, das ihr Raum gab für ein Dasein, das 
frei genug in sich selber war, weil es Keiner 
verstand — Keiner außer dem Ulrich — der 
trug ihr schöne, seltene Blumen, alte, auf den 
Dörfern gesungene Weisen — gute, reine Bücher 
zu. Aber daß der arme Junge sie liebte, daran 
dachte Lene nicht. Sie wußte auch nicht, was 
Liebe war; es giebt Herzen, welche sich dieser 
Fähigkeit unserer Natur erst voll bewußt werden, 
wenn das Gegentheil der Liebe an sie herantritt, 
sei es nun unter der Form der Kälte, der 
Selbstsucht oder des Haßes. Lene gab sich nie 
Rechenschaft darüber, was es heißt einen Menschen 
zu heirathen. Sie freite, weil es Brauch ist zu 
freien. Sie hörte sich glücklich preisen, weil sie 
die Erkorene des flotten Mannes war und sie 
nahm den Namen des Glückes für des Glückes 
Wesen. Sie fand kein besonderes Wohlgefallen 
an der Persönlichkeit ihres Verlobten, aber der 
welterfahrene Mann verstand die nie aus dem 
engen Kreis der Berge Herausgetretenen mit 
glatter Freundlichkeit über seine innerliche 
Brutalität hinwegzutäuschen. 
„DeinBräutigam liebt dich über alle Maßen", 
pflegte die Frau zu sagen — „Schau nur, diese 
Perlennadel, dieses Granat-Halsband — so 
bekommt es nicht die Tochter des Amtsrichters 
von ihrem windigen Doktor. Wie die Männer 
geben, so lieben sie." Der Ausspruch enthielt 
eine tiefere Wahrheit, als die kurzsichtige, leicht 
zu bestechende Frau ahnte. Aber die Geschenke 
„des schönen Nolde" wurden aus Prahlerei und 
mit der Absicht der Berechnung gegeben.
	        

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