Full text: Hessenland (4.1890)

227 — 
literarische Welt nahm keine Notiz von der 
wirklichen. 
Wir sind zu Ende- Von dem merkwürdigen 
Beispiele, welches das Volk in Franken, auf der 
Rhön, im Spessart geliefert hatte, war den 
Regierungen ein überaus deutlicher Wink, ein 
ganz unverkennbarer Fingerzeig gegeben, wo die 
Rettung des Reiches zu suchen sei. Nichts war 
einfacher, nichts sogar nothwendiger, als daß 
alle deutsche Fürsten das Volk überall in Masse 
zu den Waffen rufen mußten zur gemeinsamen 
Abwehr des Feindes und zur Behauptung der 
Integrität des Reiches. Aber die Fürsten 
waren verblendet, das Beispiel, die Lehre, die 
ihnen das Landvolk der Rhön, des Spessarts 
gegeben, sie waren vergeblich. Mehr als eine 
verlorene Schlacht betrugen die Verluste, die 
allein die Rhönbauern den Franzosen beigebracht 
hatten und noch lange lange Jahre war für 
die letzteren die trübste Erinnerung der Gedanke 
an ihren Rückzug von 1796 durch die 
Rhön und den Spessart, die kleine 
Venöse. — 
ie selHsunöfünszigste Jahresversammlung des Hereins 
für hessische Geschichte und GanöesKunöe in Uulöa. 
(Schluß.) 
Wie im Programm vorgesehen, folgte nach dem 
Frühschoppen um 1 Uhr Mittags der Besuch der 
hervorragendsten Sehenswürdigkeiten Fuldas. Zunächst 
begaben sich die Festgenossen unter der Führung des 
Herrn Bauraths Hoffmann in die Michaelskirche, 
die 820—822 vom Abte Eigil erbaut, die Zweit 
älteste Kirche Deutschlands und ein Muster des 
karolingischen Baustils ist. Mit ihr hatte sich der 
Baurath Hoffmann in seinem Vortrage am Vor 
mittage speciell beschäftigt und so war Gelegenheit 
geboten, sich von seinen Ausführungen jetzt auch 
durch den Augenschein zu überzeugen. Wir wollen 
hier nicht unerwähnt lassen, daß die Kirche im Jahre 
1855 vom Professor Lange in Marburg, früher in 
Fulda, stilgemäß restaurirt worden ist und daß dieser 
noch eine kleine Schrift über die Michaelskirche ver 
öffentlichte, die heute noch ihren Werth hat. Von 
der Michaelskirche begab man sich in den Dom zur 
Besichtigung der sehr reichen Domschätze. Hier 
empfing Herr Prälat Dr. Komp die Gäste und 
übernahm in freundlichster Weise die Führerrolle. 
Zum Schluffe begaben sich die Festgenossen in das 
vom seligen Bisthumsverweser Hahne gestiftete 
städtische Museum in dem großen umfangreichen 
Gebäude, das ursprünglich (1581) vom Papste 
Gregor XIII. als Seminarium errichtet, dessen 
Leitung den Jesuiten unterstand, 1802 unter der 
Regierung des Erbprinzen von Oranien, zur Kaserne 
umgewandelt wurde und heute als städtisches Schul 
gebäude dient. In ihm befindet sich ein prachtvolles 
Oratorium, dessen schöne Deckengemälde, Bilder aus 
dem Leben des hl. Franciscus ^averius, des Mit 
begründers des Jesuitenordens und Apostels der 
Inder, darstellend, neuerdings vom Maler Witzel in 
sehr geschmackvoller Weise restaurirt worden sind. 
In dem städtischen Museum empfing Herr Ober 
bürgermeister Rang die Gäste und machte selbst in 
der ihm eigenen liebenswürdigen Weise den Führer 
durch die Ausstellungsräume. In der an werthvollen 
Alterthümern reichen Sammlung erregte ganz be 
sondere Aufmerksamkeit der mächtige goldene Ehren 
pokal der Stadt Fulda, dessen wir schon bei anderer 
Gelegenheit gedacht haben. Sein Werth wird auf 
250<>0 Mark geschätzt. 
Kurz nach 3 Uhr begann das Festmahl in dem 
weißen Saale des Orangeriegebäudes. Der Vor 
sitzende, Herr Major v. Stamford, brachte den 
ersten Toast auf den deutschen Kaiser Wilhelm II. 
aus. Ihm folgte als Redner Landgerichtspräsident 
Koppen von Hanau, dessen in warmen Worten 
ausgebrachter Trinkspruch auf die Stadt Fulda mit 
lebhaftem Beifall aufgenommen wurde. Ihm. ant 
wortete Herr Oberbürgermeister Rang mit einem 
Hoch auf den hessischen Geschichtsverein. Seine in 
gefälliger Weise mit Humor gewürzte Rede fand 
nicht minder großen Anklang. Es brachten dann 
noch Toaste aus die Herren Pfarrer Wisse mann 
von Kassel, Landesbibliothekar Dr. Brunner von 
Kassel, Gymnasialoberlehrer Dr. Wesen er von 
Fulda , Pfarrer H e l d m a n n von Michelbach rc. 
An dem Festmahle betheiligten sich etwa 80 Personen. 
Die Theilnahme von Damen verlieh demselben eine 
ganz besondere Weihe. Gegen 6 Uhr wurde die 
Tafel geschlossen. Für das Arrangement verdient 
Herr Michael Epstein alle Anerkennung. Die Speisen 
waren vortrefflich, die auserlesenen Weine aus dem 
Keller des Herrn August Müller, des Besitzers des 
weithin rühmlichst bekannten Gasthofes »zürn Kur 
fürsten^, vorzüglich, die Dekoration des an sich schon 
durch seine prächtigen Stukkaturarbeiten und Plafond 
gemälde imponirenden großen Saales zeugte von 
Sinn und Geschmack.
	        

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