Full text: Hessenland (4.1890)

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zum Vorwurfe gemacht. Das wies Bardeleben 
zurück und sagte, da der Prinz von Hause aus 
Ungerechtigkeit gegen ihn geübt habe, hätten 
Selbstachtung und Stolz ihm nicht erlaubt, die ihm 
nicht gegebene Gelegenheit zur Rechtfertigung zu 
suchen. Am Schlüsse des aus einem edlen 
männlichen Charakter erflossenen Briefes rief der 
General dem jüngeren Freunde zu: „Bleiben 
Sie ja dem Fürsten, der Sie freundlich und 
schonend behandelt, treu und ergeben, denn es 
ist eine gar schöne Sache, seinem Fürsten per 
sönlich zugethan-zu sein — fahren Sie fort, die 
menschlichen Mängel des Prinzen der Menge zu 
verbergen und ihr nur die guten Seiten zu 
zeigen, gegen ihn aber immer wahr zu sein, 
wie dies in Ihrem Charakter liegt ..." Das 
war im Jahr 1836. Noch einen Offizier, 
welcher die Schule in Bardelebens Regimente 
durchgemacht hatte, finden wir in dieser Zeit dem 
einstigen Kommandeur in Anhänglichkeit und 
Verehrung zugethan, den damaligen Premier 
lieutenant Karl von Loßberg, einen unterrichte 
ten, tüchtigen jungen Mann, welcher dem Ge 
nerale sein Inneres öffnete und sich Rathes 
erholte. 
Welche Empfänglichkeit der alte Krieger sich 
für das Geistige bewahrt hatte, lehren die Gegen 
stände mit denen er sich beschäftigte: unter dem 
Pseudonym A. D. Nebelrabe (Anagramm von 
A. Bardeleben) schrieb er Aufsätze militairischen, 
politischen, wie schönwissenschaftlichen Inhaltes 
in verschiedene Blätter; Heinrich Koenig suchte 
ihn zu bewegen, eine Zusammenstellung der 
Frauengestalten Shakespeares, Goethe's, Schiller's 
und Jean Paul's zu verfassen, was er jedoch 
ablehnte. Ueber „Geothe's Briefwechsel mit einem 
Kinde" sprach er sich in einem Aufsatze aus und 
die Erscheinungen der Litteratur verfolgte er 
mit Aufmerksamkeit. Seine Schrift „Zweifel und 
Ansichten über die Lage des von Drusus im 
Jahre 11 v. Chr. erbauten Kastells an der 
Lippe, Kassel 1839" hat noch heute Werth; 
ihre gesunden militairischen Anschauungen und 
Untersuchungen haben, wie es scheint, die Auf 
klärung über die Lage des von Drusus im 
Jahre 11 v. Chr. angelegten Kastells an der 
Lippe gebracht und es ist ihnen nach mehr als 
fünfzig Jahren noch die Verbreitung zu wünschen, 
welche offenbar ihnen fehlt. Wie der General 
dem jungen Franz Dingelstedt aus Rinteln 
freundlich führend in dieser Zeit nahe getreten 
ist, hat Julius Rodenberg in der „Deutschen 
Rundschau, 1889 Heft 10" in schöner, fesselnder 
Weise geschildert, das Andenken Bardelebens 
mit dem des berühmten Schriftstellers verknüpfend. 
Und noch etwas erhält sein Gedächtniß. ohne 
daß man sich dessen bewußt wäre; in dem Brief 
wechsel, durch welchen der General mit seinen 
zahlreichen Freunden und Verehrern in Be 
ziehung sich erhielt, erfand er den sinnigen 
Gruß „von Haus zu Haus", welcher heute weit 
verbreitet ist und einen Schluß auf das Leben 
in der Familie Bardeleben's gestattet. 
Die Ruhe des Veteranen wurde ernstlich be 
droht, als ihm im Jahre 1839 aus Kassel und 
aus Marburg vertrauliche Mittheilungen zu 
kamen, nach denen der Untersuckungsrichter in 
dem gegen Professor Jordan angestrengten Pro 
zesse die Verhaftung des Generals vvn Barde 
leben beantragt hatte. Begründet sollte sie 
werden dadurch, daß dieser mit Jordan Umgang 
gehabt, an Gastmahlen ihm zu Ehren theil- 
genommen, die Gattin desselben zu Grabe ge 
leitet, bei der Fahnenweihe der Bürgergarde zu 
Marburg eine lange Rede gehalten, die Bürger 
garde ihm ein Hoch gebracht habe und anderes 
noch Schwächeres. Er sagte sich selbst, „daß bei der 
damaligen Rechtlosigkeit, Kabinetsjustiz und Ver 
folgung gewissenhafter Richter in Kurhessen" 
er jahrelange Untersuchungshaft zu erwarten 
hätte, wenn das mit der Angelegenheit beauf 
tragte Generalauditorat darauf einginge. Allein 
diese höchste Militairbehörde erklärte, die Ver 
haftung nicht verfügen zu können, lehnte sogar 
jede Vernehmlassung ab, wenn nicht bessere 
Gründe beigebracht würden. Das kam jedoch 
erst nach längerer Zeit zur Kenntniß des Gene 
rals und er mußte bis dahin in der peinlichen 
Sorge schweben, in das Netz einer unabsehbaren 
Untersuchung verstrickt zu werden. Bald hier 
nach lebte die Familie wieder in Freude auf 
durch die Verlobung der Tochter Emilie mit 
Wilhelm Schirmer, dein großen Landschaftsmaler, 
welcher im August 1841 die Braut heimführte. 
Ueber ein Jahrzehnt hatte das befriedende 
Stillleben gewährt, ab und zu unterbrochen 
durch den Besuch auswärtiger Freunde, da ballte 
sich von Neuem Gewölk über dem Haupte des 
Kommandanten von Rinteln. Er wußte, daß 
er „gleichsam wie ein Verbrecher" unter polizei 
licher Aufsicht stehe, von Spionen umgeben sei, 
welche seine Worte und Handlungen nach Kassel 
zu berichten hatten; doch, sagt er, „nahm ich 
keine Rücksicht darauf in dem Bewußtsein, nur 
das Wahre und Richtige zu wollen". Es fand 
sich jedoch ein Umstand, mit dem er gefaßt wer 
den konnte. Ein Befehl des Regenten berief 
ihn „zu einer Vernehmlassung" im Dezember 
1843 nach Kassel; der General wurde einge 
standenermaßen des Vergehens schuldig erkannt, 
einmal ohne Urlaub (den nur der Kurprinz ge 
währen konnte) eine Nacht aus der Festung (die 
bereits unter König Joröme's Herrschaft geschleift 
worden war) abwesend gewesen zu sein". Hierbei
	        

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