Full text: Hessenland (4.1890)

217 
Dich haben im Gedächtnis festgehalten 
Beständig Deine Schüler weit und breit, 
Gedacht an Dich, Dein liebevolles Walten 
Mit Freude, Lust und Dankbarkeit. 
Ihr Leben geistig, sittlich zu gestalten 
Warst eifrig Du bemüht zu jeder Zeit; 
Hast ihnen unermüdlich, unverdrossen 
Den reichen Schatz des Alterthums erschlossen. 
Welch einen geistigen Genuß gewährte 
Der liebe Lehrer, wenn er vor uns stand, 
Uns den Demosthenes. Horaz erklärte, 
Gegeben uns zum Lesen in die Hand. 
Und wie sich dann sein treuer Blick verklärte, 
Wenn er besonders schöne Stellen fand! 
Nicht wie ein Schulfuchs kleinlich uns zu meistern, 
Verstand er seine Schüler zu begeistern. 
O Glück! Es konnte damals freier walten 
Ein Schuldirektor noch zu Deiner Zeit, 
Sein Eigenwesen frisch und ganz entfalten, 
Im Amt von Ueberbürdung noch befreit; 
Noch nicht vom Schulrath ward er angehalten, 
Mit der Natur, dem Geist in Widerstreit, 
Schablonenhaft zu hasten und zu drängen, 
Die Schüler in's Prokrustesbett zu zwängen! 
Dir war die Freiheit, nach den Fähigkeiten 
Den Musensohn zu bilden, noch verlieh'»; 
Du hast ihn überwacht nach allen Seiten, 
Ihn ernst ermahnt, den Müßiggang zu flieh'n; 
Du warst bestrebt, die Jugend anzuleiten 
Zu Gottesfurcht, zur Tugend zu erzieh'», 
Zum Edlen sie, zum Guten anzufeuern, 
Und ihrem Leichtsinn väterlich zu steuern! 
Wohlwollend, ehrlich, anspruchslos im Leben, 
Dem Eigennutze fremd und hilfsbereit, 
Treu dem Beruf, der Wissenschaft ergeben, 
Vom Streberthume frei und Eitelkeit — 
Warst Du den Schülern, ihrem Thun und Streben 
Ein bleibend schönes Vorbild allezeit, 
Das ihnen wie ein Stern zu Heil und Segen 
Geleuchtet hat auf ihren Lebenswegen! 
Vor Jahren schon bist Du dahin geschieden 
In Kassel. Zwar bezeichnet uns kein Stein 
Die stille Stätte, wo Du ruhst in Frieden; 
Doch hast durch Treue, liebevolles Sein 
Du selbst ein Denkmal Dir gesetzt hienieden, 
Werthvoller als ein Kreuz, ein Leichenstein; 
Im Herzen bei den Menschen fortzuleben 
Ist doch der schönste Lohn für unser Streben! 
Htto Sievert. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Das Mausoleum des Kurfürsten Wil 
helm II. von Hessen. Wilhelm II., der Vater 
und Regierungsvorgänger des letzten hessischen Kur 
fürsten, wurde nach seinem im Jahre 1847 zu 
Frankfurt a. M. erfolgten Tode provisorisch in der 
Marienkirche zu Hanau beigesetzt. Hier wird er 
nun auch wohl für immer seine ewige Ruhestätte 
gefunden haben, obwohl er noch während seiner 
Regierung eine andere Stelle dazu bestimmt und zu 
ihrer Errichtung einen wahrhaft großartigen Plan 
entworfen hatte. Zum Platz dafür hatte er die 
Wilhelmshöhe gewählt, seinen Lieblingssitz, der ihm 
neben vielfachen Verschönerungen der Anlagen den 
neuen Wasserfall, sowie die Erbauung des Gasthauses, 
des Wachtgebäudes und des Pflauzenhauses verdankt. 
Dieser Plan ist aber leider unausgeführt geblieben, 
da er zu spät, erst kurz vor den Ereignissen des 
Jahres 1830, welche den kunstsinnigen Fürsten gar 
bald zur Niederlegung der Regierung und Entfernung 
ins Ausland veranlaßten, gefaßt wurde. Damit ist 
für Wilhelmshöhe, wie sich aus dem Folgenden 
ergeben wird, eine große Zierde verloren gegangen. 
Die Zeichnung zu dem beabsichtigten Bau, die 
von dem als geschickter Zeichner bekannten Kurfürsten 
selbst herrührt, hat sich unter den Papieren des vor 
einigen Jahren verstorbenen Bauraths Regenbogen, 
welcher im Jahre 1830 zu Wllhelmshöhe die Stelle 
eines Hofbau-Jnspektors bekleidete, nebst einigen von 
ihm dazu niedergeschriebenen Bemerkungen vorgefunden. 
Diesen Aufzeichnungen entnehmen wir Folgendes: 
„Jur Sommer 1830 kam der Kurfürst einige 
Tage vor seiner mit der Gräfin Reichenbach nach 
Wien und Karlsbad unternommenen und für ihn 
so verhängnißvoll gewordenen .Reise eines Abends 
nach Tafel in mein im Erdgeschoß des Gasthofes 
befindliches Bureau und entwickelte mir unter Vor 
legung der von ihm gemachten Zeichnung den Plan 
zur Errichtung eines zu seiner ewigen Ruhestätte 
bestimmten Mausoleums. Danach sollte dieses auf 
Montcheri rechts vom neuen Wasserfall in gleicher 
Höhe mit der Löwenburg in Form eines Tempels 
erbaut und rings mit Parkanlagen umgeben werden. 
In der Mitte des Tempels, dessen Licht von oben 
fällt, wird über der Gruft, in welcher der Leichnam 
ruht, ein marmorner Sarkophag errichtet. Der 
ganze Bau ist von drei Seiten mit einem eisernen 
Geländer umgeben, welches in jeder Seite halb 
zirkelförmige Ausbiegungen erhält und an deren 
Enden sich große Kandelaber und Fontainen befinden. 
An der offen gelassenen Seite führt durch ein Portal 
mit dorischen Säulen und vergitterter Thüre eine 
große, breite mit staffelförmigen Wangen versehene
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.