Full text: Hessenland (4.1890)

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Zweifel, er tastete unsicher umher, eine kleine, 
unbedeutende Existenz, welche unbewußt den 
gewaltigen Kampf aufgenommen hatte, in welchem 
die größten Geister zerschellt sind. 
Zwischen Ulrich und Lene bestand eine lang 
jährige Freundschaft. Obgleich der Junge lahm 
war, hatte es ihm doch nie an Muth gefehlt. 
Einmal hatte er die Lene gegen einen Haufen 
sie angreifender Buben geschützt und ein Loch 
im Kopfe und einen wunden Arm davongetragen. 
Als Belohnung für diese Heldenthat hatte die 
Frau Wirthin ihm das Amt des Stiefelwichsers 
in ihrem Gasthause angetragen — eine Ehrenstelle, 
mit deren Würde das Recht des Mittagsessens 
in der Küche zum goldenen Schwan verbunden 
war. Von da ab war Lene unzertrennlich 
geworden von dem blassen, verwachsenen Jungen, 
den alle Rohheit seiner Umgebung innerlich zu 
verrohen nicht vermocht hatte. Die Beiden 
führten mit einander theologische Gespräche. 
Beider Naturen konnten das Konkrete und 
Abstrakte, das ihrer Beobachtung geboten wurde, 
nicht in Einklang bringen. Eines Tages wohnten 
sie miteinander dem Begräbniß einer Schul 
kameradin der Lene bei. Sie standen auf 
dem alten banmbewachsenen, mauerumfriedeten 
Gottesacker, zwischen den halbeingesunkenen, ver- 
rasten Gräbern jenes Theils, der bereits wieder 
zu Ruhestätten neuer Gäste verwendet ward. 
Plötzlich schrie Lene auf, sie hatte mit dem Fuß 
an einen harten Gegenstand gestoßen. Ulrich 
bückte sich und fand den oberen Theil eines'ver 
morschten Menschenschädels, der aus der Erde 
aufgewühlt, unbeachtet liegen geblieben war. 
Ulrich betrachtete das zerfaserte, braune Knochen 
gewebe und warf es dann weit von dem zurück 
schauernden Mädchen fort. 
„Und da glaube noch einer an das Wort: 
Auferstehung des Fleisches!" murmelte er. Lene 
sah ihn scheu an und legte die Hand auf seinen 
Arm: „Horch!" sagte sie. Mit seiner tönenden 
Stimme kündete eben der Geistliche: „Bei Gott 
ist kein Ding unmöglich". 
„Unser Lehrer sagt", fuhr das Mädchen fort 
„man darf Gott nicht verstehen wollen, sonst 
kann man leicht wahnsinnig werden." Ulrich 
nickte. Er wußte, warum der Lehrer so sprach. 
Der Lehrer hatte eine sterbenskranke Frau und 
sieben hungernde Kinder. So rüttelten diese 
beiden jungen Menschen mit Kindersingern an 
den großen Problemen des Lebens; sie rüttelten 
an dem Dache des Glaubens, dessen Einsturz 
die Schwachen begräbt. Aber das Gemüth, 
welches niemals gezweifelt hat, hat wohl auch 
niemals wirklich geliebt. Wir fragen in Angst 
und Besorgniß nur um jene Dinge, die uns 
wirklich am Herzen liegen. 
Also Ulrich Kothe, der nun ein Zimmer in 
dem Wirtshaus zahlen und seinerseits dem 
kleinen Stiefelwichser ein Trinkgeld geben konnte, 
stand auf und hielt den fertigen Kranz prüfend 
in die Höhe. 
„Mir ist gar nicht zu Muth, als wäre das 
Alles für mich", sagte Lene — „mir ist gerade 
— als hielte eine Fremde Hochzeit und doch 
bin ich's selbst." Ulrich sah nieder auf ihren 
krolligen Scheitel und schwieg. Ihm war es 
nicht, als hielte eine Fremde Hochzeit — er 
wußte ganz genau, daß es sein Liebstes war, 
das morgen in den Besitz eines anderen über 
ging. Er gehörte zu den Leuten, welchen nichts 
ferner liegt, als unbescheiden zu verlangen, was 
ihnen nicht werden kann — und doch — man 
kann seine Seele auch verspielen, ohne es zu 
wollen. Die ganze Seele des armen, jungen 
Menschen gehörte der reichen, schönen Wirths- 
tochter aus dem goldenen Schwan. Er hätte 
alles für sie gethan, wäre für sie gestorben, 
hätte sich wie ein Teppich unter ihre Füße 
geschmiegt — aber die armen Menschen wissen 
in der Blindheit ihrer Vorurtheile nicht. daß 
die Fähigkeit zu lieben der größte Reichthum 
eines Menschen ist. 
(Fortsetzung folgt.) 
Erinnerung nn Wilhelm Mnnscher, 
weiland Direktor des Gymnasiums in Hersfeld, gestorben im Jahr 1872 in Kassel. 
Ihr Musen laßt mich singen, laßt mich sagen 
Von einem Manne, der gewirkt, gestrebt, 
In Lieb' und Treu', von Pflichtgefühl getragen 
Der Jugend Bildung segensreich gelebt! 
Sein freundlich Bild aus meinen Jugendtagen 
Steigt wieder auf, das lieblich hat umschwebt 
Mich schon so oft in ernsten, heitern Stunden, 
Die mir in spätern Jahren hingeschwunden. 
Du nah'st mir wieder jetzt, geliebter Schatten, 
Führst mich zurück in die Vergangenheit, 
Als Du in Hersfeld, dort im Land der Chatten, 
Die Jugend hast gelehrt so lange Zeit; 
Und ich, im Alter schon, dem lebensmatten, 
Gedenke wieder Dein in Dankbarkeit, 
Ich Deines Schaffens, Unterrichts auf's neue, 
Ich Deiner großen Liebe, Deiner Treue.
	        

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