Full text: Hessenland (4.1890)

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Tiefe entsandte. Aus der Bierstube drang das 
Lachen und Reden trinkender Männer. Marianne, 
die fesche Kellnerin, rannte mit den gefüllten 
Seideln auf und nieder, ihre schwarzen Augen 
funkelten wie große Glasperlen, ein bunter 
Asterstrauß steckte coquet auf ihrer Brust. 
Träumerisch und allein saß Lene, die Braut, auf 
der grünen Bank unter den Kastanien am 
Brunnen. Einige Schulkinder hockten vor ihres 
Vaters Hausthür und sangen in langgezogenen 
Tönen ein altes, hessisches Kirchenlied: 
,Wachet auf! ruft uns die Stimme — 
Des Wächters sehr hoch von der Zinne! 
Wach auf, du Stadt Jerusalem! 
Von zwölf Perlen sind die Thore — 
An deiner Stadt. Wir stehn im Chore 
Der Engel hoch vor Gottes Thron". 
Lene schauerte in sich zusammen und strich 
mit der Hand über die Stirn. Das „Wachet 
auf!" des so oft gehörten Liedes klang ihr heut' 
seltsam mahnend. Sie hatte ihr ganzes Leben 
bis heute verträumt und es ergriff sie eine 
Ahnung, daß das „Aufwachen" vor der Thüre 
stand. 
„Warum schauert's dich? fragte der Ulrich 
Koihe, der neben ihr auf der Bank saß und 
an cineni Blättergewinde band für das morgige 
Fest, „'s ist doch dein Lieblingslied". 
Ulrich Kothe, allgemein „der lahme Ulrich 
genannt", weil er ein zu kurzes Bein und eine 
schiefe Schulter mit bekommen hatte, schien von 
der Mutter Natur dazu gezwungen, ein unnützer 
Kostgänger unseres Herrgott zu sein,'wenigstens 
seine Thätigkeit auf Dinge zu richten, welche 
gesunde, strebsame Menschen als Nichtigkeiten 
betrachten und ein wenig unter die vogelfreien 
Gewerbe zählen. Ulrich war Kolporteur, er 
vertrieb schlechte Romane, für die untersten 
Volksschichten berechnete Zeitschriften, Traktätchen, 
Brandt's Schweizerpillen, den Königstrank und 
Pain Expeller. Er zog von Haus zu Haus 
und von Dorf zu Dorf, zuweilen gut auf- 
genonimen, zuweilen vor die Thüre gejagt wie 
ein räudiger Hund — aber sein Gewerbe nährte 
seinen Mann, er ging gut gekeidet und konnte 
anständig schlafen, auch selber bessere Bücher 
lesen, als er feilbot, Bedürfnisse, welche ein in 
ihm lebender Tropfen vornehmen Blutes ohne 
fremdes Zuthun wach gehalten. Sein Vater 
wär der mißrathene Sproß eines adeligen Ge 
schlechts, der als Gefängnißwärter geendet und 
eine arme Dirne aus dem Volke geheiratet hatte. 
Um eine elende Summe, welche ihm von seinen 
Verwandten geboten wurde, hatte er seinen hoch 
klingenden Namen und den allerdings schon 
etwas nach Hohn schmeckenden Titel „Baron" 
abgelegt, um den landläufigen Kothe zu führen. 
Er hätte der Welt keinen Sohn geschuldet, aber 
er gab ihn ihr dennoch großmüthig. Diesem 
Sohne war eine traurige, erste Kindheit geworden. 
Zwischen den öden, steilen- glatten Mauern des 
Gefängnißhofes hatte er gespielt. Strolche und 
Vagabunden — fahrendes Volk jeder Art, alte 
Säuferinnen, unverbesserliche Diebe — ewig 
rückfällige Bettler drückten dort die Gesichter an 
die eisernen Stäbe der Zellenfenster. Flüche 
und Seufzer, der ganze Jammer verlorener, 
verkoinmener Existenzen thaute wieder auf, die 
junge Menschenpflanze und der verschüchterte, 
kleine Bengel ahnte, daß es irgendwo auf 
Erden besser sei als hier — aber er wußte nicht 
wie und wo. Dann kam der Vater wegen 
Trunksucht vom Amte und bald darauf starben 
die armseligen Eltern am Thphus — sie über 
ließen ihn wie er war dem Schicksal, das zuweilen 
keine gute Nährmutter ist — sie ließen ihm 
nur ein Erbtheil, das er ohne gefragt zu werden, 
antreten mußte, einen schlechten Ruf. 
Kein Bürgerweib im kleinen Flecken wollte 
den verkrüppelten Jungen erziehen, als Gemeinde 
kind wurde er im Armenhause groß. Man 
schonte weder seine Augen, noch seine Ohren, 
noch seine Sinne. Die Kinder der Armen sffxd 
furchtbar reich an Erfahrung. Sie wachsen auf, 
wissend wie das Alter. Sie müssen in die 
Tiefe tauchen, ohne Aussicht auf Rückkehr zur 
Höhe. Keiner bereitet dort dem Anderen eine 
Stufe zum Emporklimmen — alle fassen einander 
an - — Genossen gleicher Hoffnungslosigkeit, 
Kämpfer in derselben endlosen Niederung. 
Und doch blieb Ulrich keiner von den Aermsten, 
er lernte sich ducken und durchschlagen trotz 
seiner selbst, denn sein Herz war nicht zum 
Tragen gemacht, es lag meistens muthlos am 
Wege — aber er ließ es liegen und zwang 
seine Füße zum Weitergehen.^ 
So wurde der Charakter des jungen Menschen 
zu einem seltsamen Gemisch von Großthuerei 
und innerlicher Verschüchterung — von keckem 
in's Leben Hineingehen und schmerzlichem Zurück 
ziehen in sich selbst. Er besaß das Gemüth 
eines Naturkindes, welchem das Leben jene 
Schlauheit aufpfropfte, die den Nächsten auszieht, 
damit sie selbst nicht, verhungert. Auch besaß 
Ulrich Kothe deu Hang des Heffenvolkes zu 
einer tiefen, fast schwärmerischen Frömmigkeit — 
in der Schule hatte sein dürstender Geist, die 
überirdische, vergeistigte Lehre des^hristenthums 
— vielleicht gerade, weil sie jeder Erfahrung 
seines Lebens so fern lag, mit doppelter Heftig 
keit in sich aufgesogen — allein — welchen Zug 
seiner Umgebung — welche Einrichtung, die 
ihm bekannt war, konnte er mit ihr in Einklang 
bringen? Er schwankte zwischen Glauben und
	        

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