Full text: Hessenland (4.1890)

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in eingehender Weise mit der ersten Stiftskirche, der 
Michaeliskirche in Fuldn, der Kirche auf dem 
Petersberge und der dem hl. Johannes dem Täufer 
und der hl. Cäcilia geweihten Stiftskirche zu Rasdorf. 
Wir hoffen, daß auch dieser fachmännische, wenn nicht 
zu sagen gelehrte Vortrag, der gleich demjenigen des 
Herrn Dr. Schneider, mit großem Beifalle aufge 
nommen wurde, demnächst im Drucke erscheinen wird. 
Hiermit war die Tagesordnung der eigentlichen Haupt 
versammlung beendet. Die Betheiligung war, wenn 
auch keine übermäßig große, doch immer eine recht 
erhebliche. Auch der hochwürdigste Herr Bischof 
Dr. Joseph Weyland beehrte, begleitet vom Herrn 
Prälaten Dr. G. Komp, die Versammlung mit seiner 
Anwesenheit. 
Es trat jetzt die Frühstückspause ein. Der Früh 
schoppen, echtes Münchener Augustinerbräu, wurde in 
dem schattigen Schloßgarten genommen und mundete 
vortrefflich. 
Um 1 Uhr rüstete man sich zur Besichtigung der 
Michaeliskirche , des Domschatzes und des städtischen, 
vom seligen Bisthumsverweser Konrad Hahne ge 
stifteten Museums. Hierüber, sowie über den weiteren 
Verlauf des schönen Festes werden wir in der nächsten 
Nummer berichten. 
(Schluß folat.) 
Die Gene aus öem goldenen Kchwan. 
Line hessische Geschichte von Al. Herbert. 
.Frau Wirthin hat sie gut Bier und Wein, 
Wo hat sie ihr schönes Töchterlein 
Morgen sollte Hochzeit sein im „goldenen 
Schwan." Mit schwermüthig vornübergesunkenem 
Giebel und gefahrdrohend nach außen getretenen 
Wänden stand das alte, mächtige Gasthaus an 
der Straßenecke — ein Riese Goliath zwischen 
den Philistern der kleinen hilfesuchend aneinander 
geklammerten Handwerkerhütten ringsum. Die 
eiserne Stange über der Thür hielt das himmel 
blaue Schild mit dem flügelschlagenden Schwanen- 
vogel, welcher auf einem Teller Schwimmversuche 
machte — die Durstigen und Hungrigen lockend 
— weit in die Straße hinein. 
Der „goldene Schwan" war ein Gasthof 
zweiten Ranges, aber alten Rufes. Geschäfts 
reisende , Agenten, Kolporteure rc. verkehrten 
darin. In der geräumigen Bierstube saßen 
Morgens und Abends die ehrsamen, betuchten 
und unbetuchten Bürger des Städtchens. Seit 
Menschengedenken hatte der „goldene Schwan" 
sich vom Vater auf den Sohn, vom Sohn auf 
den Enkel vererbt und sich merkwürdiger Weise 
über die vierte Generation hinaus in der all 
gemeinen Beliebtheit gehalten. Nun schien er 
sich gar zu neuem Glanze aufschwingen zu 
wollen. Die gegenwärtige Besitzerin war eine 
Wittwe und besaß eine einzige Tochter. Die 
Tochter sollte morgen den sogenannten „schönen 
Nolde" freien, den Sohn eines reichen Metzgers, 
der lange Zeit der Oberkellner eines Gasthofes 
in Berlin gewesen. Bereits hatte er in dem 
„goldenen Schwan" eine altdeutsche Weinstube 
angelegt und eine fesche Kellnerin angestellt, 
zahslose andere Verbesserungen standen zu er 
warten. Der „schöne Nolde" war ein Mann, 
welcher auf der Höhe der Zeit stand und dazu 
„jener Mann", der in dem alten, träumerischen, 
hinter seinen Bergen halb eingeschlafenen Hessen 
neste gefehlt hatte. Nur zu der Wirthin 
Töchterlein mochte er als Ehegatte nicht recht 
passen. 
Die Lene war ein schlankes Mädchen von 
achtzehn Jahren, ein Hessenkind vom alten 
Schlage mit einem weich geschnittenen, bräun 
lichen Gesicht, scheuen Augen und einer gefähr 
lichen Untiefe im Gemüth. Solch einer Untiefe, 
wie sie die still und unschuldig zwischen den 
Blumen und Weiden und Schilfbüscheln ihrer 
Ufer dahingleitenden Hessenflüsse haben — man 
meint — man kann überall die Sonne auf dem 
Geröll des flachen Bettes sehen — plötzlich aber 
totjb das Wasser dunkel — still ruhig — und 
scheint kaum weiter zu fließen — dort geht es 
haustief hinab - die längste Ruderstange sucht 
vergeblich deu Grund. 
Braune, wellige Haare umgaben die schmale 
Stirn der Lene, ihre Art war sanft und nach 
giebig; sie bildete das Gegentheil ihrer Mutter, 
einer stark unruhigen, geräuschvollen Frau, 
welche die große Wirthschaft in musterhafter 
Ordnung hielt. 
Es war nach einem lauen, regnerischen Herbst 
tage — alle Fenster in dem Gasthofe standen 
offen — man hätte glauben können, der Frühling 
wolle wiederkehren, so mild und lösend war die Luft, 
aber die alte^. Kastanienbäume, die im Pflaster 
vor der Thüre wurzelten, warfen bereits nach 
lässig das raschelnde Laub auf die Steine und 
iw das Bassin des mächtigen Stadtbrunnens, 
welches einige Schritte zur Seite rauschte und 
schäumte und den nimmermüden Strahl in die
	        

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