Full text: Hessenland (4.1890)

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freundliche Erinnerungen aufzufrischen. Hier war 
ihnen geboten, unter Leitung ausgezeichneter bewährter 
hessischer Richter und höherer Justizbeamten, wir wollen 
nur die Namen Rang, von Gehren, Stöber, Bähr, 
Ganslandt, Schulth-eis, Endemann, Kriminalgerichts- 
Direktor Kersting, Staatsprokurator Moeli nennen, 
sich praktisch tüchtig weiter zu bilden. In Fulda 
bestanden damals vortreffliche gesellschaftliche Ver 
hältnisse und in vielen Beziehungen gestaltete sich 
für die Herren Referendare ihr hiesiger Aufenthalt 
wie sie selbst erklärten, zu einer angenehmere Fort 
setzung ihres akademischen Lebens. Viele der da 
maligen Referendare des Obergerichts Fulda sind zu 
hohen Würden im Justizdienste gelangt, einer der 
selben, Herr Landgerichts-Präsident Koppen, Ver 
treter des Zweigvereins Hanau, gab denn auch bei 
dem Festmahle in einem von ihm ausgebrachten 
Toaste jener Anhänglichkeit an die Stadt Fulda 
beredten Ausdruck. 
Wie es das Programm vorschrieb, fand am Nach 
mittage und am Abend des 14. Juli der Empfang 
der auswärtigen Gäste am Bahnhöfe statt. Hierauf, 
nach 6 Uhr Nachmittags, trat der Vorstand zu seiner 
Hauptsitzung im Gasthofe zum Kurfürsten zusammen. 
Vertreten waren in derselben der Hauptverein 
Kassel durch die Herren Major von Stamford, Vor 
sitzender des Gesammtvereins, Schatzmeister Kustos 
Lenz und Bibliothekar Rogge-Ludwig, der Zweig 
verein Hanau durch die Herren Landgerichts-Präsi 
denten Koppen und praktischen Arzt Dr. Eisenach 
und der Zweigverein Fulda durch seinen Vorstand 
Herrn Baurath Hoffmann. Den Abend verbrachten 
die Festgenossen in den schönen Räumen des 
Bürgervereins in heiterer Geselligkeit. Am 15. Juli, 
dem Hauptfesttag, fand zunächst von 8—9 Uhr- 
Morgens eine Besichtigung der hiesigen Landes- 
bibliothek statt. Gegen halb 10 Uhr wurde dann in 
dem rothen Saale des prachtvollen Orangeriegebäudes 
die 56. Jahresversammlung des Vereins für hessische 
Geschichte und Landeskunde durch den Vorsitzenden 
Herrn Major C. v. Stamford eröffnet. Mit 
einer vortrefflichen Ansprache begrüßte Herr Ober 
bürgermeister F. R a n g Namens der Stadt 
Fulda die Versammlung und hieß die geehrten Gäste 
herzlich willkommen. Der Herr Vorsitzende dankte 
für die freundliche Begrüßung und gedachte sodann 
des am 17. September Hingeschiedenen, um die Er 
forschung der hessischen und speziell fuldaer Geschichte 
hochverdienten Professors I. Gegenbaur, des lang 
jährigen Vorstandes des fuldaer Zweigvereins. 
Mit bewegten Worten forderte er die Anwesenden 
auf, durch Erheben von den Sitzen das Andenken 
des Todten zu ehren. 
Es folgte nun die Berichterstattung des Schrift 
führers und des Schatzmeisters, welche ein erfreuliches 
Blld der Vereinsthätigkeit entrollte. An Stelle des 
durch Krankheit verhinderten Schriftführers Herrn 
W. Stern hatte der Bibliothekar des Vereins Herr 
W. Rogge-Ludwig den Geschäftsbericht über 
nommen. Wir entnehmen demselben, daß die Zahl 
der Mitglieder des hessischen Geschichtsvereins gegen 
wärtig 1263 beträgt. Nach dem Referate des Schatz 
meisters Herrn Kustos Lenz sind die finanziellen 
Verhältnisse des Vereins als günstig zu bezeichnen*. 
Einem geringen Defizit von 150 Mark, mit welchem 
die diesjährige Rechnung abschließt, steht die nächst 
jährige Einnahme von 7000 Mark gegenüber, sodaß 
der Verein im Stande sein wird, in diesem und den 
nächsten Jahren auf wissenschaftlichem Gebiete Hervor 
ragendes zu leisten. Zur Vermehrung der Samm 
lung hessischer Alterthümer im Schlosse zu Marburg 
wurde wiederum der Betrag von 450 Mark in den 
Etat des nächsten Jahres eingestellt. In den geschäft 
lichen Mittheilungen geschah auch einer Bücherschenkung 
Erwähnung, welche das anwesende Mitglied Herr 
Major z. D. A u g u st von B a u m b a ch von Wies 
baden dem Verein gemacht hat. 
Der seitherige Vorstand des Vereins, der sich aus 
den sämmtlich in Kassel wohnenden Herren Major 
a. D. C. von Stamford, Vorsitzender, 1. Biblio 
thekar der Landesbibliothek Dr E. Loh meyer, 
Stellvertreter des Vorsitzenden, W. Stern, Schrift 
führer, Kustos A. Lenz, Schatzmeister, W. Rogge- 
Ludwig, Bibliothekar, und Museumsdirektor Dr. E. 
Pinder zusammensetzte, wurde wiedergewählt, außer 
Herrn Dr. Lohmeyer, der eine Wiederwahl abgelehnt 
hatte; an seine Äelle wurde der zweite Bibliothekar 
der Kasseler Landesbibliothek, Herr Dr. Hugo 
Brunner, zum Vorstandsmitglied und Stell 
vertreter des Vorsitzenden gewählt. Als Ort der 
nächstjährigen Versammlung wurde die Stadt Wolf- 
tz a g e n bestimmt. 
Aus dem Publikum, irren wir nicht von Herrn 
Pfarrer Heldmann von Michelbach, war in An 
regung gebracht worden, daß von Seiten des Vereins 
eine neue Bearbeitung des leider vergriffenen Werkes 
„bte hessischen Ritterburgen« von G. Landau vor 
bereitet werden möge. 
Nach Erledigung des geschäftlichen Theiles bestieg 
Herr Dr-. Justus Schneider die Rednerbühne, 
um seinen angekündigten Vortrag über die Ritter 
burgen im Gebiete der ehemaligen Abtei 
Fulda zu halten. Er erklärte von vornherein, daß 
er hier blos ein Fragment liefern könne, da das von 
ihm gewählte Thema, zu welchem ihm die besten 
Quellen zu Gebote standen, zu umfangreich sei, um 
es in einem Vortrage vollständig zu beherrschen. 
Wie^wir hören, wird denn, auch Herr Dr. Schneider 
über^ diesen Gegenstand noch einen zweiten, den 
Schlußvortrag halten und dann das Ganze im Drucke 
erscheinen lassen. Hiernach hielt der Vorsitzende des 
Zweigvereins Fulda, Herr Baurath Hoff m a n n einen 
Vortrag über Bauten aus dem 9. Jahr 
hundert in und bei Fulda; er.beschäftigte sich
	        

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