Full text: Hessenland (4.1890)

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den Aufenthalt froh und heimisch. Das Haupt 
derselben war daneben eifrig thätig in dem was 
dem alten Krieger sozusagen ein neues verjüngtes 
Dasein verlieh: Die Umwandlung seines Vater 
landes aus der unumschränkten in die verfassungs 
mäßige Form. Nachdem er das Staatsgrund 
gesetz wie der Fürst und das Heer beschworen 
hatte, stand es für ihn unumstößlich fest, daß 
dieses Gesetz, sowohl von unten, wie von oben 
heilig zu halten sei; aus dieser Ueberzeugung 
machte der unter den Waffen Ergraute nimmer 
ein Hehl — man nannte ihn bereits den Bürger 
general. Die Bahn seines Landesherrn ging 
abwärts. Kurfürst Wilhelm hatte einst mit 
einer Fülle der besten Absichten und Pläne für 
die Zukunft seines Volkes die Regierung an 
getreten und dennoch, welches Bild entwarf der 
ihm treue, ergebene Bardeleben von dem Lande 
nach zehn Jahren der Herrschaft Wilhelms! 
Die Willkür rächt sich an denen, welche sie üben 
und macht ihre Werke zunichte, weil das höhere 
Sittenprincip fehlt, durch das selbst eine Gewalt 
herrschaft von Bestände sein kann, wenn sie das 
Wohl des Ganzen im Auge behält. Mit der 
Aufrichtung der Verfassung schien des Fürsten 
Kraft und Willen gebrochen, als der Schatten 
des unseligen Weibes, der er Familienglück und 
so vieles Andere geopfert, verließ er seine treu- 
anhängliche Hauptstadt, welche nur jenen Dämon 
ausstieß und ließ nach einer weiteren für das 
Land nachtheiligen Periode, die Zügel in die 
Hände seines Sohnes gleiten. Das geschah am 
30. September 1831. 
Der General gedachte, dem unter dem Titel 
eines Mitregenten die Regierung allein führenden 
Kurprinzen sich vorzustellen und rüstete zur 
Reise nach Kassel; da kommt ihm der erste 
Armeeerlaß des neuen Kriegsherrn vor Augen. 
Die ersten Worte an das Heer betrafen den 
Anzug der Offiziere, Bardeleben meinte, die 
Seele. eines jungen Fürsten müsse in diesem 
großen Augenblicke mit Anderem als so Un 
bedeutendem erfüllt sein — sein Entschluß zur 
Reise ist verflogen. Der General war nicht 
wohl berathen, solch' idealen Maßstab anzulegen; 
er hatte in den kritischen Septembertagen des 
vorigen Jahres zu Hanau dem Kurprinzen, 
welcher sein Benehmen vollkommen billigte und 
ihm Vertrauen schenkte, zur Seite gestanden, war 
wiederholt für diesen bei Müldner eingetreten, 
um ihm eine einflußreiche angemessene Stellung 
in Hanau von dem Kurfürsten gewährt zu 
sehen und hatte bei seinem Aufenthalte in Kassel 
im Mai das Verhalten gegenüber dem Kur 
prinzen, welcher doch auf Einladung zu der 
Fahnenweihe der Bürgergarde von Fulda ge 
kommen war, ein beleidigendes genannt. Seiner 
hohen Stellung gemäß hätte Bardeleben baldigst 
sich dem neuen Regenten nahen und den Zugang 
zu dessen Innerem suchen sollen. 
Ein Mitglied der Ständeversammlung, Heinrich 
Koenig zu Hanau, hatte in einer Schrift „Leib 
wache und Verfassungswache" in scharfer Weise 
das Heer angegriffen. Bardeleben wandte sich 
in einem Briefe vom 12. Oktober an Koenig 
gegen Mehrercs seiner Schrift; sein höchstes 
Thema der Verschmelzung von Krieger- und 
Bürgerthum in dem Volke vertretend ruft er 
u. A. Koenig zu: „Wo bleibt die Kraft der 
Einheit, wenn ein ganzer Stand, der doch un- 
bezweifelt viele achtbare Männer in sich schließt, 
die das Gute und Nothwendige nicht verkennen, 
so tief herabgewürdigt wird! Sollte es nicht 
vielmehr das Streben aller Vaterlandsfreunde 
sein, diesen isolirten Stand auf schonende Weise 
dem Volke wieder näher zu bringen? ... Das 
Bürgerthum ist noch nicht gesichert und bei 
seiner Jugendfülle dürfte es nicht frei sein von 
Anmaßung . . ." Koenig dankte dem von ihm 
hochverehrten Generale, entschuldigte Einiges in 
seiner Schrift und sagte „von höherem und 
reinerem Interesse ist es Jedoch für mich, die 
liberale und höchst unbefangene Gesinnung und 
Ansicht, die sich in Ihrem Schreiben findet, an 
zuerkennen ; es ist mir leid, daß Sie jene Zeilen 
nur zu vertraulichen gemacht haben und 
daß eine so gewichtige Stimme nicht gehört 
werden soll . . ." Der General erhob indessen 
seine Stimme doch an geeigneter Stelle: er ließ 
eine Denkschrift über Einrichtung der Bürger 
garde an die Ständeversammlung gelangen; 
darin war deren Umwandlung in der Art der 
preußischen Landwehr als nothwendig empfohlen. 
Doch fand eine so ernstgemeinte Einrichtung nur 
schwachen Anklang, aus den Kreisen der Bürger 
garde selbst erhoben sich viele Stimmen dagegen. 
Zu einem anderen Volksvertreter, Sylvester 
Jordan, Professor in Marburg, war Bardeleben 
in Beziehungen getreten, welche einen freund 
schaftlichen Charakter annahmen. Als der Tod 
im Mai 1832 Jordan die Lebensgefährtin raubte, 
nahm der Freund an seinem bitteren Leide theil, 
geleitete die Entschlafene mit zum Grabe. Dieses 
wurde nicht Vortheilhaft für ihn in den herrschenden 
Kreisen ausgelegt, in denen diesem Führer der 
liberalen Mehrheit der Ständeversammlung ein 
bitteres Schicksal vorbereitet wurde. 
Der General hatte seit dem Aufhören der 
Stellung in dem für Luxemburg bestimmten 
Korps nur die Dienstobliegenheiten als Komman 
dant von Marburg, welche wenig über Null 
standen. 
Sein letztes dienstliches Auftreten in Marburg 
war die Abhaltung einer Parade der Bürger
	        

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