Full text: Hessenland (4.1890)

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hiervon gab er am 28. Januar Müldner Kenntniß. 
Sicher war eine solche Belehrung geeignet, un 
richtige Vorstellungen bei den Soldaten zu ver 
hüten, die plötzlich in eine der schwierigsten 
denkbaren Lagen versetzt waren, zwischen Fahnen 
eid und Eid auf die Verfassung — eine unerhörte, 
Kurhessen allein eigenthümliche Lage. Es läßt 
sich nicht angeben, ob das Vorgehen des Generals 
von dem Kriegsherrn gebilligt und auf die 
übrigen Regimenter angewendet worden ist. 
In der Mitte des Januar erhielt der General 
die Berufung nach Kassel, wobei Müldner ihm 
vertraulich mittheilte, er sei zum Kriegsminister 
bestimmt. Die seitherige höchste Militairbehörde 
war infolge des Inkrafttretens der Verfassung 
in ein Kriegsministerium umzuwandeln, dessen 
Vorstand eine wesentlich andere Stellung erhielt, 
als der des General-Kriegsdepartements; Barde 
leben ging ernst mit sich darüber zu Rathe, ob 
er diese Stellung, annehmen könne; er fand, 
daß wenn er auch den militairischen Angelegen 
heiten vielleicht vorzustehen im Stande sei, ihm 
doch die Kenntnisse in der höheren Staats 
verwaltung und der Politik abgingen, ohne 
welche der Kriegsminister im Gesammtministerium 
und bei dem Fürsten seine Stimme, nicht geltend 
zu machen vermöge und seine Militaireinrichtungen 
nicht über das Gewöhnliche sich erheben würden. 
Auch befand er sich im Gegensatze zu einigen 
Paragraphen der Verfassung und des Staats 
dienstgesetzes hinsichtlich, des Militairs, wodurch 
er ein ersprießliches Wirken nicht für zu erwarten 
hielt. Außer noch anderen mitredenden Um 
ständen schreckte ihn die Nothwendigkeit ab, das 
Heer zu verringern, wodurch er „mit dem Kur 
fürsten, wie mit dem Heere zerfallen sein würde", 
auch vermeinte er zu erkennen, daß das 
Staatsoberhaupt die Ausführung der eben er 
theilten Verfassung hemme, so reiste er mit dem 
Entschlüsse nach der Hauptstadt, abzulehnen. 
Nach Besprechung mit General von Müldner 
„besiegte er mich endlich durch die mit Wärme 
gemachte Vorstellung, daß der wahre Vaterlands-' 
freund kein Opfer scheuen dürfe, dem Vaterlande 
nützlich zu sein. Ich war bereit, die Stellung 
unter Bedingungen anzunehmen. Es wurde 
unterhandelt, doch fremder Einfluß bewog den 
Kurfürsten nach einigen Tagen, Müldner zum 
Kriegsminister zu ernennen, worüber ich wahre 
Freude empfand. Er war ganz der Mann für 
den wichtigen Posten, obwohl er die Meinung 
der Armee, aber mit großem Unrecht, nicht ganz 
für sich hatte ... in den drei Monaten, welche 
sein Ministerium infolge seines konstitutionellen 
Sinnes nur dauerte, erwarb er sich zu der schon 
früher besessenen Achtung die allgemeine Liebe 
der Armee . . ." Bardeleben hatte wohl Recht, 
sich zu freuen, daß der Kelch an ihm vorüber 
gegangen war und Müldner, welcher lange wider 
standen, ihn anzunehmen , that das wohl im 
Vorgefühle, etwas Unmögliches zu unternehmen. 
Derselbe Mann, welcher ein Jahrzehnt hindurch 
einen unbeschränkten Willen hatte ausführen 
müssen, war am wenigsten geeignet, nun plötzlich 
diesem Willen der Verfassung enge Schranken 
erträglich zu machen. Er mußte an seinem 
redlichen Versuche zu Grunde gehen. 
Der Kurfürst erkannte Bardelebens Auftreten 
in Hanau wie in Marburg in schmeichelhafter 
Weise an , der General reiste auf seinen Posten 
zurück. 
Die Erhebung Belgiens gegen die holländische 
Herrschaft nöthigte den deutschen Bund, seine 
Rechte auf das ihm angehörige Großherzogthum 
Luxemburg zu wahren, es wurde die Mobil 
machung eines Theiles des Bundesheeres verfügt, 
zu welchem Kurhessen 4000 Mann kriegsbereit 
zu machen hatte. Der Befehl über dieses 
Truppenkorps wurde am 6. April Bardeleben 
übertragen, dem jüngsten 'der dienstthuenden 
Generale, da der jüngere Müldner Kriegsminister 
war. Spin Soldatenherz schlug erregter in 
dem Gedanken, noch einmal zu Felde zu ziehen 
und nur Eines trübte seine Freude, nämlich daß 
der weit ältere achtbare General Scheffer unter 
seine Befehle gestellt wurde, „um ihn zu kränken." 
Diese Stellung Bardelebens währte nicht lange; 
man hatte die Bundesbestimmung übersehen, 
wonach Kurhessen einen Generallieutenant für 
die kurhessisch-nassauische Division zu geben hatte, 
was nun geschah und wobei Bardeleben zum 
Brigadier^der Infanterie ernannt wurde. Er 
übergab das Kommando des 2. Infanterie- 
Regimentes an den Oberstlieutenant von Lengerke 
und reiste nach Wilhelmsbad bei Hanau, wo der 
Kurfürst seit dem 11. März residirte, um sich 
bei diesem zu melden. Wilhelm äußerte, das 
Militair habe durch die Verfassung nichts ge 
wonnen; als der General erwiderte, S. Königl. 
Hoheit habe durch deren Verleihung sich in der 
Geschichte ein unvergängliches Denkmal errichtet, 
sah der Kurfürst ihn starr an, wie es schien 
durch trübe Erinnerungen verdüstert und entließ 
den General. Auch behandelte er diesen in den 
folgenden Tagen mit Zurückhaltung, doch will- 
fahrtete er der Bitte desselben, seine -beiden 
Söhne mit ins Feld ziehen zu lassen. Als 
Bardeleben sich abmeldete, brachte er die Lang 
samkeit der Mobilmachung zur Sprache, da das 
Korps am 15. Mai marschiren sollte. Wilhelm 
legte dem Kriegsministerium diese Langsamkeit 
zur Last und ertheilte dem Generale den Befehl, 
sämmtliche zum Ausmarsche bestimmten Truppen 
zu inspiciren und über die Ursachen der Ver-
	        

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