Full text: Hessenland (4.1890)

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freiwillige Meldungen von Bürgern zu einer 
halben Schwadron Reiter am 20- Oktober melden 
zu können. Zum Kommandeur des Bataillons 
hatten die Bürger den ins geheim von Vardeleben 
ersehenen . Obergerichtsreferendar Wilhelm von 
Schenk, Sohn des Präsidenten, gewählt; der 
Kurfürst war durchaus abgeneigt, die Wahl zu 
bestätigen und es bedurfte wiederholter Berichte 
Bardelebens, besonders über Schenks Charakter 
und politische Ansichten, bis der Landesherr 
endlich seine Bestätigung ertheilte. Der Oberst 
sprach über den 22jährigen aus: „dieser geist 
reiche junge Mann ist besonnen, freisinnig, besitzt 
viel Bestimmtheit des Charakters und hat über 
haupt alle Eigenschaften, einst ein ausgezeichneter 
Mann zu werden*). Marburg hat in dieser Zeit 
ihm viel zu danken gehabt". 
Bardeleben wirkte in militairisch-kräftigem **), 
dabei doch humanem Sinne auf Herstellung der 
Ordnung und Beruhigung der Geister hin. Die 
Offiziere der Bürgergarde versammelten sich den 
Winter über allsonntüglich uni Bardeleben, welcher 
aus seinem Schatze von Erfahrung und Kenntniß 
jene für ihre neue Stellung ausstattete. Auf 
seine Truppen konnte er unbedingt zählen und 
meldete am 10. November nach dem Berichte 
über eine sehr stürmische Bürgerversammlung 
am 9. November Müldner: „das Bataillon 
möchte gern mal draufschlagen"; für rasche Unter 
nehmungen waren zwei Schwadronen Husaren, 
weiter eine Kompagnie Leibgarde, eine Kompagnie 
Jägergarde und zwei Geschütze aus Niederhessen 
ihm zugewiesen und ihm neben dem Befehl über 
die Truppen mit erweiterter Befugniß die Gens- 
darmerie, nebst der Polizei, in Oberhessen unter 
stellt worden. Als gegen die Mitte des November 
es in Frankenberg wieder gärte, seufzte er „wer 
wird es wagen, das Aufruhrgesetz zu verkünden ? 
niemand, wahrscheinlich werde ich zuletzt in die 
Nothwendigkeit gesetzt, die Behörden als nicht 
vorhanden zu betrachten und das Gesetz ver 
künden zu taffen!" Als die Nachrichten der 
groben Ausschreitungen in Hanau vom 20. und 
21. November eintrafen, prüfte Bardeleben das 
Verhalten des 3. Infanterie-Regiments und billigte 
es, fand aber höchst nothwendig, die Truppen 
im Hanauischen zu verstärken und regte wieder 
bei dem Generaladjutanten an, den Kurprinzen 
*) Dieses Urtheil erwies sich prophetisch. Wilhelm 
von Schenk hat seinem Vaterlande treue und gute Dienste 
geleistet, würde deren mehr haben leisten können, wenn 
Kurfürst Friedrich Wilhelm ihm mehr gewogen gewesen 
wäre. 
**> Nach Veröffentlichung des Aufruhrgesetzes vom 
22. Oktober sprach er gegen Müldner aus: „warum hat 
man das Wort „Erschießen" mit so heiliger Scheu ver 
mieden? es wäre gewiß deutlicher gewesen als „nach 
Kriegsgebrauch". 
mit dem Oberbefehle dortselbst zu betrauen. Die 
Bürger Marburgs brachten dem Präsidenten 
von Schenk, welcher einen Ministerposten ab 
gelehnt hatte, an; Abende des 28. einen Fackel 
zug, Bardeleben bewegte sich in bürgerlicher 
Kleidung unter der Menge, knüpfte viele Ge 
spräche an, und erfuhr mancherlei, war auch 
erstaunt über manche verständigen Ansichten, 
welche unbefangen gegen den Unbekannten aus 
gesprochen wurden. Süchte er selbst sich über 
die Dinge und Menschen zu unterrichten, so 
fand er die Art, wie das General-Kriegs 
departement sich gegen die Truppen über die in 
Kassel vorgefallenen Unruhen ausgesprochen hatte, 
nicht angemessen. Nur Wahrheit! schreibt er 
am 23. November an Müldner, „welcher 
Kommandeur wird vor der nackten Wahrheit 
erschrecken!" 
In ganz Kurhessen wurden die Arbeiten der 
in Kassel tagenden Landstände, welche im Verein 
mit der Staatsregierung die Verfassung schaffen 
sollten, mit dem lebhaftesten Antheile verfolgt 
— viele hielten sich berufen mitzuwirken, die 
Versammlung in Kassel wurde mit einer Flut 
von Bitten, Rathschlägen rc. überschüttet, in 
denen nicht lauter Goldkörner sich fanden. Unser 
Bardeleben, schon durch seine Stellung verpflichtet, 
die Erscheinungen im öffentlichen Leben zu 
beobachten, schenkte außerdem dem werdenden 
Grundgesetze des Vaterlandes ernste Theilnahme; 
von ihm erwartete er Besserung der Zustände, 
welche er einsichtsvoll erkannte — er hoffte für 
den Landesherrn selbst, dem er persönlich so sehr 
zugethan war, eine bessere Zeit durch das Ende 
der Willkürherrschast, in welcher die guten Ab 
sichten meist doch verkümmerten. 
Im Dezember veröffentlichte ein Advokat zwei 
Druckschriften an die Landstände: „im Namen 
der Bürger Marburgs, von den Unverständigen 
verschlungen, voller Unsinn und Ungeschliffenheit, 
daher umsomehr für ein Evangelium gehalten. 
Sie haben schon viel Unheil angerichtet, ich 
habe einige der besseren Bürger veranlaßt, 
entgegenzuwirken, was diese auch bereitwillig 
zusagten", berichtete der Oberst am 3. Januar 
1831 an den Generaladjutanten. 
Die von dem Kurfürsten vollzogene Verfassungs 
urkunde wurde am 8. Januar 1831 feierlich 
verkündigt; dieser Tag brachte Bardeleben un 
erwartet die Beförderung zum Generalmajor, 
zugleich mit seinem Freunde Müldner, welcher 
außerdem als Müldner von Mülnheim in den 
Adelstand erhoben wurde. Da, die Truppen 
auf die Verfassung zu beeidigen waren, hielt 
Bardeleben eine Belehrung des gemeinen Mannes 
für erforderlich und -ließ diese in seinem Befehls 
bereiche in angemessener einfacher Weise ertheilen;
	        

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