Full text: Hessenland (4.1890)

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1777 von der englisch-hessischen Armee aus der 
Gegend von Philadelphia gegen die amerikanische 
Stellung bei With Marsh unternommenen Nacht 
marsches, war u. a. auch der hessische Brigade- 
Adjutant-Lieutenant von Heister — von dem die 
Vorhut führenden englischen General Lord Cornwallis, 
mit einer Meldung an das der Vorhut auf dem 
Fuße nachfolgende Hauptkorps zurückgesendet worden. 
Nahm es den Lieutenant von Heister schon 
Wunder, nachdem er sich seines Auftrags entledigt — 
und wieder zur Vorhut hin auf den Weg begeben 
hatte, selbige, trotzdem er sehr gut beritten war und 
in vollem Galopp dahin sprengte, immer noch nicht 
— auf dem nicht zu verfehlenden Weg den sie 
einzuschlagen angewiesen war, einholen zu können, 
so war er vollends nicht wenig erstaunt, plötzlich auf 
einen amerikanischen Posten zu stoßen und sich mit 
einem lebhaften, jedoch glücklicher Weise wirkungs 
losen Feuer begrüßt zu sehen. 
Rasch zur Hauptkolonne zurückkehrend und den 
Vorfall meldend, verhinderte er zwar, daß dieselbe 
nicht unvorbereitet auf den Feind stieß, doch waren 
die Amerikaner durch diesen Vorfall allarmirt worden, 
sendeten Patrouillen aus und entdeckten auf diese 
Weise noch zeitig genug den Anmarsch des englisch 
hessischen Korps, um dessen Angriffe ausweichen zu 
können. Dieses Alles war aber lediglich dadurch 
herbeigeführt worden, daß auf die Meldung der 
äußersten Spitze der Vorhut: „Es fände sich ein 
amerikanischer Posten an der Straße postirt«, Lord 
Cornwallis um diesen zu umgehen und geräuschlos 
aufzuheben, zwar sehr zweckmäßig auch den Haupt 
trupp der Vorhut in aller Stille hatte von der 
Straße abbiegen lassen, jedoch dabei versäumt hatte, 
an dieser Stelle einen Avisoposten zurück zu lassen, 
um die nachfolgende Hauptkolonne davon zu benach 
richtigen oder überhaupt derselben davon Meldung 
zu erstatten. Derartige Verstöße gegen eine gute 
Marschordnung und Marschdisciplin fielen übrigens, 
seitens der Engländer, im Laufe des amerikanischen 
Krieges häufig vor und gaben öfters Anlaß, daß 
bereits schon so gut wie gesicherte Vortheile, ihnen 
gleichsam noch unter den Händen weg wieder ent 
schlüpften , wie dieses namentlich bei dem am 
28. Oktober 1776 unternommenen Angriffe auf die 
Stellung der Amerikaner bei Whkte Plains der 
Fall gewesen war. 
Aus Heimat!) und Fremde. 
Aus Prag wird der „Franks. Ztg." berichtet: 
Fürst Wilhelm von Hanau, der derzeitige 
Majoratsherr auf Horowitz in Böhmen, hat für 
seinen Vater, den verstorbenen Kurfürsten Frie 
drich Wilhelm I. von Hessen-Kassel, von 
dem Wiener Bildhauer Natter ein Denkmal an 
fertigen lassen, welches im Schloßgarten zu Horowitz 
aufgestellt und am 20. August, dem 88. Geburts 
tage des Verblichenen, enthüllt werden soll. Der 
Feierlichkeit werden Fürst Wilhelm von Hanau und 
seine ihm erst kürzlich angetraute Gemahlin, geborene 
Gräfin Lippe, sowie die Angehörigen der fürstlichen 
Familie und zahlreiche geladene Kasseler aus Wien 
und der Provinz beiwohnen. 
Am 20. v. Mts. feierte der Geheime Staatsrath 
a. D. Dr. Julius Schomburg zu Weimar 
sein 50 jähriges Doktorjubiläum, ein Fest, gelegentlich 
dessen ihm die juristische Fakultät zu Marburg sein 
Diplom erneuerte, die Juristenfakultät zu Jena einen 
ehrenvollen Glückwunsch sandte. Es erweckt das 
Erinnerungen an trübe Zeiten des Hessenlandes, da 
Schomburg zweimal gezwungen war aus diesem, 
seiner Heimath, zu scheiden. Schomburg wurde als 
ältester Sohn des unvergeßlichen Oberbürger 
meisters Karl Schomburg zu Kassel 1817 geboren. 
Wie sein Vater für die selbstständige Verwaltung 
Kassel's gestritten und als langjähriger Präsident 
der hessischen Ständeversammlung sich um das Land 
hoch verdient gemacht hat, ist bekannt. Für den 
Sohn hatten diese Verdienste freilich die Folge, daß 
ihm 1839 nach wohlbestandener Fakultäts- und 
Staatsprüfung der Eintritt in den kurhessischen 
Staatsdienst versagt wurde; er eröffnete die lange 
Reihe der jungen Männer, die wegen ihres Namens 
überhaupt nicht oder doch nicht in der gewünschten 
Weise in Kurhessen Anstellung finden konnten. Die 
humanen Gesinnungen Herzogs Ernst I. von Gotha, 
des Vaters des ;etzt regierenden Herzogs, verschafften 
Schomburg unmittelbar nach dem Tod seines nur 
zu früh verstorbenen Vaters 1840 die Aufnahme in 
den vorbereitenden Staatsdienst des Herzogthums 
Gotha, in dem er auch bald definitive Anstellung 
fand. 1848 durch das Vertrauen seiner Mitbürger 
wiederholt zum Landtagsabgeordneten gewählt, eröffnete 
sich ihm in demselben Jahre die alte Heimath, indem 
er durch das Märzministerium zurückberufen und 
bald darauf als Mitglied der Regierung (seit 1. Januar 
1849 der Bezirksdirektion) und des Konsistoriums 
zu Kassel bestellt wurde. Als dann in Folge der 
Steuerverweigerung seitens der Landstände 1850 der 
Verfassungskampf auf der Höhe der Entwickelung 
angelangt war, wurde der Bezirksdirektor Sezekorn 
durch den damaligen „ersten Verwaltungsbeamten" 
(Landrath) Wachs zu Hofgeismar ersetzt und an 
dessen Stelle Schomburg nach Hofgeismar geschickt. 
Nach seiner Stellung und bei seiner Ueberzeugungs 
treue konnte Schomburg dem für die Beamten ent 
standenen Konflikte nicht fern bleiben, und dieser 
konnte — die klare Forderung der eidlich beschworenen 
Verfassung und die Entscheidungen aller Gerichte bis 
in die höchsten Instanzen hinauf auf der einen, die 
im Widerspruch damit stehenden Befehle und An.
	        

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