Full text: Hessenland (4.1890)

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Wo aus den Steinen von vergang'nen Tagen 
Ein nimmerschlummernder Gedanke bricht — 
Hab' ich vor's Angesicht die Hand geschlagen 
Ein fremder Wand'rer in der Flut am Licht. 
Die Kerzen flammten rings von den Altären — 
Dem höchsten Herrn, dem heiligsten zu Ehren — 
Und volle Stimmen sangen den Kanon. 
Mir aber schien der Andacht Glut zu wehren 
Im eig'nen Herzen ein zu schriller Ton. 
Kalt ließen mich die wunderbaren Lehren — 
Kein Tronvasalle stand ich vor dem Tron 
Denn angeschmiedet war die freie Seele 
In dumpfem Zweifel und in alter Fehle 
Nie sterbend ringender Erinnerung 
Und das Gebet entrang sich nicht der Kehle. 
O, ewig, sprach ich, bleibt das Leid mir jung 
Und wie ich mich in Reu und Schmerz auch quäle 
Mein Nah'n — ist dennoch hier Entheiligung, 
Da fiel mein Auge auf das tief gebeugte 
Haupt des Erlösers mild mir zugewandt 
An jener Gruppe Achtermanns, die zeugte 
Von deutscher Tiefe in der Welschen Land — 
Und in das Auge trat mir sanfte Feuchte. 
Du bist so groß! Mein irrender Verstand 
War's, der von dir die müde Seele scheuchte 
Du bist so groß — was wir uns nicht vergeben — 
Vergiebst Du doch — Du willst uns zu Dir heben 
Stark im Verständniß grenzenloser Huld. 
Du dringst so tief. Du kennst das arme Leben 
In jeder Spalte seiner Sündenschuld — 
Du brauchst die Decken spähend nicht zu heben — 
O Herr der Stummen, König der Geduld. 
Und also denkend hob die matten Augen 
Ich zagend auf. Sah Opferduft verrauchen 
Hoch am Gewölb und sah — o Gott — ich sah — 
Auf blauem Band nur eine Antwort tauchen. 
Aus Zweifelsnot ich las: Oovtirmata — 
Wie Gottes Atem fühlt' ich's mich durchhauchen 
Lok super nos misericordia! — 
W. Kerkert. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Skizze» a«s der hessischen Kriegsgeschichte. 
Von Freiherrn Maximilian von Ditfurth, 
weiland kurfürstlich hessischem Hauptmann. 
X. 
Ueberraschender Anfall der Amerikaner 
auf zwei englische Grenadier-Bataillone 
am Abend der Schlacht am Brandewyn 
(11. Sept. 1777) im amerikanischen Kriege. 
Als am Abend nach der Schlacht am Brandewyn, 
welche für die Amerikaner sehr nachtheilig ausgefallen 
»»’■, einige Abtheilungen des englisch-hessischen Heeres 
in den nächst belegenen Ortschaften Kantonirungs- 
Quartiere bezogen, war der englische Oberst Morton 
so unvorsichtig mit den ihm unterstellten beiden 
englischen Grenadier-Bataillonen sich ohne alle und 
jede Sichcrheitsmaßregel nach dem ihm bestimmten 
Kantonirungs-Quartier in Bewegung zu setzen. Als 
dieses von einer auf ihrem Rückzüge wahrscheinlich 
sich verspätet habenden Abtheilung Amerikaner be 
merkt wurde, versäumten diese nicht, dem Obersten 
Morton alsbald einen Hinterhalt zu legen. 
Glücklicher Weise hatte jedoch der hessische Haupt 
mann Ewald von einer entfernten Anhöhe aus, 
sowohl den sorglosen Marsch jener englischen Bataillone 
als die Maßnahmen jener amerikanischen Abtheilung 
noch zeitig entdeckt. In Folge dessen veranlaßte er, 
daß dem Obersten Morton nicht nur eiligst eine 
Warnung, sondern auch Unterstützung nachgesendet 
wurde. Obgleich erstere ihn nicht mehr zeitig genug 
zu erreichen vermochte, um ihn vor allem Verlust zu 
bewahren, gelang es dagegen doch wenigstens der 
nachgeschickten Verstärkung, wobei sich auch hessische 
Jäger befanden, das bereits entsponnene Gefecht, 
welches in Folge der Ueberraschung der sorglos 
marschierenden Kolonne der Engländer außerdem 
nothwendig einen sehr nachtheiligen Ausgang für 
dieselben hätte nehmen müssen, doch noch zum 
Gegentheile umzuwandeln. 
XI. 
Anstrengungen und Entbehrungen der 
hessischen Truppen im Feldzuge von 1776 
in Amerika. 
Als die Vorhut der englisch-hessischen Armee im 
Dezember 1776 aus der Gegend von New-Uork 
gegen Philadelphia vorrückte, waren alle Brücken 
über die in jener Gegend sehr zahlreichen Gewässer 
von den Amerikanern zerstört worden. Die jener 
Vorhut zugetheilten hessischen Jäger und Grenadiere 
sahen sich daher genöthigt, trotz der herrschenden 
kalten Witterung, mehrmals des Tages die Gewässer 
zu durchwaten, wobei der Mannschaft das eisig- 
kalte Wasser oft bis unter die Arme reichte, und 
dann Nachts, ohne Mäntel und Zelte, nur unter 
dem ärmlichen Schutze ihrer dünnen, wollenen Lager 
decken , auf dem blanken Schnee zu biwakiren. 
Obgleich sie, da auch sämmtlicher Proviant mit 
geführt werden mußte, dabei nicht selten den 
bittersten Mangel zu leiden hatten, zeigten sie aber 
doch stets die willigste und freudigste Hingebung und 
pflegten sie — zumal wenn nur irgendwie sich Aus 
sicht zeigte, den vor ihnen unablässig zurückweichenden 
Feind, doch wohl noch möglicher Weise erreichen und 
angreifen zu können — oft weite Strecken im halben 
Laufschritte zurückzulegen und mit lautem Jubel 
die Gewässer zu durchwaten. 
XII. 
Versäumniß einer Vorhut auf einem 
Nachtmarsche bei With Marsh 1777. 
Während eines in der Nacht vom 4. zum 5. Dezember
	        

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