Full text: Hessenland (4.1890)

195 
Freiherr von Münster ein. Derselbe versuchte 
die Bauern von ihrem Vorhaben abzubringen 
und zu beschwichtigen. Ein Theil der Bauern 
gab auch seinen Vorstellungen Gehör, ein anderer 
dagegen, halsstarrigeren Sinnes, drang vorwärts, 
mußte aber retiriren, als ein mittlerweile einge 
troffenes Kommando französischer Infanterie und 
Kavallerie anrückte. Die wüthenden Dragoner 
hieben alles nieder, was ihnen in den Weg kam. 
Dabei verunglückten viele Dutzende unbetheiligter 
Leute, während sich die Rhönbauern über Ober 
wern, Krönungen, Poppenhausen unter beständiger 
Verfolgung der Franzosen, und mit dem Verluste 
manches Waffenbruders, in ihre Heimath zurück 
zogen. Den Freiherrn von Münster, zu dem 
sich ein Haufe mit ihm zugleich aus Schweinfurt 
in ihre Ortschaften zurückkehrender, friedlich ge 
sinnter Bauern gesellt hatte, ereilten auf der 
Anhöhe an der Wern einige Chasseurs, welche 
diese zahlreiche Eskorte für eine Abtheilung 
flüchtiger Bewaffneter, und den Freiherrn selbst 
für den Anführer derselben halten mochten; nur 
seine Fertigkeit in der französischen Sprache und 
seine gute Suade rettete iu dem Augenblicke, als 
zwei Chasseurs ihm den Kopf zu spalten drohten, 
ihn und den Haufen seiner erschrockenen und 
dankbaren Begleiter. Weniger Glück hatte der 
Pfarrer Feghelm zu Niederwern. Ihn be 
schuldigten die Franzosen des Einverständnisses 
niit den Bauern, weil derselbe deren groben 
Forderungen von Brod einigermaßen befriedigt 
hatte; sie mißhandelten ihn auf das Schrecklichste 
und führten ihn gefangen nach Schweinfurt, wo 
er aber von dem französischen Kommandanten, 
der sich von seiner Unschuld überzeugte, bald 
wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. 
Unglücklicher fiel der blutige Tag für einen 
wackeren und ebenso schuldlosen Einwohner des 
Dorfes Niederwern aus. Derselbe befand sich 
auf dem Kirchthurme, als die Franzosen an 
rückten. Er wurde bemerkt und wegen seiner 
Stellung für einen gefährlichen Spion gehalten. 
Die Reiter eilten mit verhängten Zügeln gegen 
die Kirche, versetzten dem Schulmeister und 
Schulzen gefährliche Hiebe, und Heusinger, so 
hieß der junge Mann, der merken mochte, daß 
es auf ihn abgesehen fei, suchte sich durch einen 
Sprung über die Kirchenmauer zu retten, wurde 
aber gleich eingeholt und niedergehauen. Er 
schwamm im Blute; man wollte ihn in ein 
Haus bringen, aber das wurde von den Franzosen 
verwehrt. Endlich ersah ihn ein Jnfanterieoffizier, 
der grausam genug war, ganz langsam mit dem 
Degen den unglücklichen Menschen zu durchbohren, 
der gleichwohl noch 21 Stunden unter unsäglichen 
Schmerzen zu leiden hatte, bis er verschied. 
Einen Pendant zu dieser barbarischen Handlung 
des französischen Jnfanterieoffiziers bildete das 
mitleidlose grausame Verfahren eines Bauern 
gegen einen verwundeten französischen Infanteristen. 
Unsern einer Mühle hatte ein österreichischer 
Husar den Infanteristen eingeholt. Dieser bat 
um Pardon. Der Oesterreicher schenkte dem 
Franzosen zwar das Leben, hieb ihm aber die 
Flechsen an beiden Füßen durch, so daß dieser 
nur mit Mühe auf den Händen zu einer nahen 
Straße kriechen konnte und daselbst liegen blieb. 
Hier fand ihn ein Bauer, der freilich Tags zuvor 
von jenem arg mißhandelt und geplündert worden 
war. Der Eifer überwältigte den Bauern der 
maßen, daß er unter Verleugnung aller Mensch 
lichkeit den Franzosen über eine steinerne Brücke 
in die Tiefe hinabstürzte und denselben mit 
kleinen spitzigen Steinen zu Tode warf. 
Wenden wir uns nach dieser Abschweifung 
wieder dem Kampfe in der fuldaer Gegend zu. 
In Sannerz war damals der berühmte Gelehrte 
Freiherr Karl von Piesport Propst. Derselbe 
hatte sich 1776 auf diese Probstei, die kleinste 
und jüngste des Fürstenthums Fulda zurück 
gezogen^ nachdem er eine lange Reihe von Jahren 
als Professor der Philosophie und Theologie an 
der Universität zu Fulda gewirkt, als Superior 
dem Benediktinerkonvente vorgestanden hatte und 
seinem Fürsten, dem hochsinnigen Heinrich VIII. 
von Bibra, ein treuer und einsichtsvoller Be 
rather gewesen war. Aber nicht nur ein be 
rühmter Gelehrter und Staatsmann war Karl 
von Piesport, er war auch ein vortrefflicher 
Landwirth. Er hatte in hohem Grade An 
theil an dem Aufschwünge, den das fuldaer 
Land unter der Regierung des Fürstbischofs 
Heinrich von Bibra in landwirthschaftlicher Be 
ziehung nahm und die Einführung des Kleebaues 
daselbst war u. a. sein Werk. Selbstthätig griff 
er in die Bewirthfchaftung seines propsteilichen 
Gutes in Sannerz ein, und bald sollte sich 
dasselbe zu einem Mustergute gestalten. Nachdem 
er bereits das 80. Lebensjahr überschritten, faßte 
er den Entschluß, sich nach seinem thatenreichen 
Leben der wohlverdienten Ruhe hinzugeben, doch 
sie sollte ihm noch nicht beschieden sein. Auch 
er hatte von den Franzosen auf ihrem Rückzüge 
schweres Mißgeschick zu erleiden. 
Ans. der Landesbibliothek zu Fulda befindet 
sich ein Manuskript, in welchem der Jäger des 
Freiherrn von Piesport, Heinrich Wiegand, in 
schlichter ergreifender Weise die Drangsale schildert, 
welchen dieser würdige Priester persönlich aus 
gesetzt war. Er mußte flüchtig gehen und noch 
glücklich konnte er sich preisen, als er eine Schutz 
stätte bei dem Oberförster Adolf Koch, dem 
Vater des nachmaligen Marburger Professors 
Christian Heinrich Koch, in dem benachbarten
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.